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Mitglieder einer Jäger und Sammler-Gruppe bei den Agta auf den Philippinen

Monogamie: Schlüssel zur Kooperation

Der Mensch ist auf der Erde ein Sonderfall: Wie keine andere Art lebt er in komplexen Gesellschaften, in denen auch miteinander nicht verwandte Individuen kooperieren. Eine Studie an heutigen Jäger und Sammler-Stämmen zeigt, dass die Grundlagen dafür vermutlich bereits vor unserer sesshaften Zeit gelegt worden sind.

Anthropologie 11.03.2011

Fenster in die Vergangenheit

Die längste Zeit seiner Existenz - nämlich etwa 95 Prozent - verbrachte der Mensch als Jäger und Sammler. Schon damals breitete er sich nach und nach über den ganzen Globus aus, aber erst vor ungefähr 12.000 Jahren änderte er seine Lebensweise und tauschte sein Nomadenleben gegen Sesshaftigkeit.

Anthropologen gingen traditionellerweise davon aus, dass der Zusammenhalt in Jäger und Sammler-Gruppen vor allem durch verwandtschaftliche Bande gefestigt wurde. Letztere seien auch die treibende Kraft für jegliche Kooperation gewesen. Es gibt aber auch alternative Modelle, die vermuten, dass die gegenseitige Unterstützung bereits in frühen menschlichen Gesellschaftsformen komplexere Züge hatte und maximal indirekt auf Verwandtschaft basierte.

Noch heute lebende Jäger und Sammler-Gruppen dienen Forschern als Fenster in die Vergangenheit. Auch wenn die Bedingungen sich stark geändert haben, kann ihre Lebensform Hinweise darauf geben, wie unsere Vorfahren gelebt haben und wie sich deren Leben schon damals von anderen Primaten unterschieden hat.

Nur schwache Verwandtschaftsbande

Wie das Zusammenleben heutiger Jäger und Sammler aussieht, haben sich auch die Forscher um Kim R. Hill von der Arizona State University näher angesehen. Sie haben die verwandtschaftlichen Verhältnisse von 32 nomadischen Stämmen auf der ganzen Welt analysiert, etwa der Inuits in Kanada, der Agta auf den Philippinen oder der Mbuti in Afrika. Insgesamt wurden die Daten von mehr als 5.000 Individuen verwendet.

Die Analyse zeigte, dass die Gruppen sehr heterogen sind. Die meisten leben monogam und im Durchschnitt sind nur zehn Prozent der Mitglieder Verwandte ersten Grades, nimmt man die weiter entfernten dazu, kommt man auf etwa 40 Prozent. Ungefähr ein Viertel ist weder verwandt noch verheiratet noch verschwägert.

Kontakt zwischen Gruppen

Auch andere Faktoren sprechen laut den Forschern dafür, dass die Verwandtenselektion schon in dieser relativ einfachen Gesellschaftsform nicht ausschlaggebend ist bzw. war.

Beispielsweise gibt es bei allen untersuchten Stämmen etwa gleich viel Männer oder Frauen, die bleiben oder die Gruppe verlassen. Bei Primaten, die in gemischten Gruppen leben, sind es immer entweder die Männchen oder die Weibchen, die in der Pubertät weggehen. Das führt dazu, dass gemischtgeschlechtliche Geschwister als Erwachsene in der Regel nichts mehr miteinander zu tun haben.

Nicht so bei den Jäger und Sammlern, hier leben Bruder und Schwester auch im Erwachsenenalter noch zusammen und der Kontakt bleibt oft sogar dann erhalten, wenn einer die Gruppe verlässt, da es auch Austausch zwischen nicht gemeinsam lebenden Gruppen gibt. Und wie in moderne Gesellschaften sind den Forschern zufolge kleinere soziale Einheiten bereits eingebettet in ein größeres Gefüge.

Das Paar als Keimzelle

Bleibt die Frage, wie diese einzigartige soziale Struktur entstanden ist. Die Wissenschaftler berufen sich dabei auf ein Modell des kanadischen Anthropologen Bernard Chapais, der in derselben Ausgabe von "Science" auch einen Kommentar zur Studie verfasst hat. Demnach war das Aufkommen der menschlichen Paarbildung für die Entwicklung entscheidend. Denn sie führte letztlich zur großfamiliären Zusammensetzung menschlicher Gemeinschaften.

Die Kinder wussten nun, wer ihre Väter waren und erkannten daher auch dessen Verwandte. Die gemeinsame familiäre Bindung zum Teil nicht miteinander verwandter männlicher Mitglieder an eine Frau - als Vater, Bruder oder Ehemann - hätte auch deren Aggressionen gedämpft. Und sie ermöglichte den friedlichen Kontakt mit anderen Gruppen, wenn etwa Bruder oder Schwester dort eine neue Heimat gefunden, sprich eingeheiratet haben. Ein Stamm sei so ein komplexes Gefüge aus vielen kleinen Gruppen geworden, die über den Heiratsmarkt vielfältig miteinander verknüpft waren.

Basis für kulturelles Lernen

Paradoxerweise hat laut Chapais scheinbar ausgerechnet die eindeutige Identifizierung von Verwandten - eine Folge der Paarbildung - dazu geführt, dass Menschen in ineinander verschachtelten sozialen Gruppenstrukturen leben, wo einzelne Individuen oft gar nicht oder nur sehr entfernt miteinander verwandt sind - und dennoch kooperieren. So wurde der Weg zur Koordination ganzer Gesellschaften geebnet.

Diese von sozialen Bindungen geprägte Lebensweise blieb laut den Forschern um Hill für den Menschen nicht ohne Folgen. Denn wenn viele und weit verstreute Menschen friedlichen Umgang miteinander pflegen, kann man eben auch voneinander lernen: Neuartige Verhaltensweisen oder Techniken werden weitergegeben, was letztlich zu kulturellem Wachstum führt. "Die im Vergleich zu anderen Primaten stetig wachsenden sozialen Netzwerke des Menschen erklären auch, warum soziale Lernmethoden und kulturelle Weitergabe für den Menschen so wichtig geworden sind", so Hill.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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