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Ein Arzt steht vor einer Patientin, er notiert ihre Angaben.

Herr Doktor, sprechen Sie Türkisch?

In Österreich leben über eine Million Menschen mit Migrationshintergrund, im Schnitt sind sie weniger gesund als die Österreicher, die schon länger im Land leben. Eine der Ursachen liegt darin, dass Ärzte und Patienten einander nicht immer gut verstehen - das sind Probleme, die nicht nur Migranten kennen.

Sprachwissenschaft 11.03.2011

Erstgespräche mit Ärzten untersucht

Symposion am AKH Wien

Das Symposion "Crossing Borders - Medizin im Spannungsfeld der Migration" wurde von den beiden Vereinen "Austrian Medical Students Association" und "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" initiiert und findet am 11. und 12. März im AKH Wien statt.

Porträtfoto der Sprachwissenschaftlerin Marlene Sator

privat

Marlene Santor forscht am Institut für Sprachwissenschaften an der Universität Wien und entwickelt unter anderem Kommunikationstrainings.

Eine Türkin kommt mit starken Kopfschmerzen ins Krankenhaus. Weil sie kaum Deutsch spricht, wird sie von ihrer Tochter begleitet, die dolmetschen soll. Diagnose: Migräne aufgrund zu häufiger Schmerzmitteleinnahme.

Der Arzt fragt, ob sie die Therapie lieber im Krankenhaus oder zu Hause beginnen möchte. Sie einigen sich darauf, dass die Patientin stationär aufgenommen wird. Aber sie erscheint nicht zum vereinbarten Termin. Warum? "Viele würden jetzt sagen: Das liegt daran, dass sie Türkin ist und aus einer anderen Kultur kommt", meint Marlene Sator, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Wien gegenüber science.ORF.at.

Gemeinsam mit Kollegen hat sie im Rahmen eines Forschungsprojekts Erstgespräche von Migrantinnen mit Ärzten aufgezeichnet und analysiert. Tatsächlich ist die besagte Patientin nicht zum Termin erschienen, weil die Tochter beim Gespräch mit dem Arzt ihre endgültige Entscheidung nicht übersetzt hatte. "Sprachliche Barrieren sind ein großes Problem im Gesundheitswesen - und dabei werden Ressourcen verschwendet", so Sator. Sie hielt im Rahmen des Symposiums "Crossing Borders" am Wochenende einen Vortrag zum Thema "Sprachliche und kulturelle Barrieren im Gesundheitswesen".

Kranke Migranten

Zwei Drittel der Österreicher, aber nur ein Drittel der Migranten sind mit ihrer Gesundheit zufrieden. Migranten leiden überdurchschnittlich an Kopf- und Magenschmerzen, Schlaflosigkeit und Einsamkeit, wie Christoph Reinprecht, Soziologe an der Universität Wien herausfand. Er leitete das WHO-Projekt "Aktiv ins Alter" und interviewte Österreicher und Migranten aus der Türkei und Ex-Jugoslawien.

Viele Migranten wissen nur wenig über Diagnose und mögliche Therapien Bescheid, wie die Berliner Gesundheitswissenschaftlerin Theda Borde im Rahmen einer Befragung unter türkischstämmigen Patientinnen feststellte. Und das, obwohl die Interviewten Deutsch konnten.

Die Wiener Forscherin Sator meint: "Manche schieben hier die Schuld allein auf die fremde Kultur. Das ist die Falle der sogenannten Kulturalisierung. Wir dürfen nicht vergessen, dass es unterschiedliche soziale Schichten und Bildungsniveaus gibt - und das spielt eine genauso große Rolle, wenn es um das Verständnis von Krankheit und Diagnose geht", erklärt sie.

Mehr Einfühlungsvermögen?

Ö1 Sendungshinweis:

"Ich schaff das" - 2. Teil der Saldo-Serie Migration - Die Kraft der Frauen: 11. März, 9:44 Uhr.

Andere Probleme, die im Arzt-Patienten-Gespräch auftauchen können, betreffen nicht nur Migranten: "Vielen Patienten fällt es schwer, heikle Anliegen wie beispielsweise psychosoziale Probleme, anzusprechen. Es ist dann Sache des Arztes, auf die Patienten einzugehen und sogenannte Relevanzmarkierungen - bestimmte Hinweise am Tonfall, der Mimik oder der Gestik zu erkennen", erklärt die Forscherin. Im schlimmsten Fall kann es nämlich passieren, dass für die Diagnose wichtige Informationen einfach unausgesprochen bleiben.

Ist also mehr Einfühlungsvermögen des Arztes gefragt? "Ja - aber institutionelle Probleme machen es den Ärzten nicht gerade einfach: Wie soll jemand nach einem 25-Stunden-Dienst noch ein schwieriges Gespräch führen können?"

Ein anderes, viel diskutiertes Kommunikationsproblem im Arzt-Patienten-Gespräch sind sogenannte Schmerzmetaphern - etwas, das die Patienten verwenden, um einen Schmerz als "brennend wie Feuer" zu umschreiben. Sator glaubt aber nicht, dass daraus große Missverständnisse entstehen. Zwar habe jede Kultur bestimmte Metaphern für Schmerzen, aber "das wird überbewertet, weil auch Menschen derselben Kultur ihre Schmerzen unterschiedlich beschreiben: Im Burgenland und im Waldviertel gibt es auch Begriffe, die man in Wien nicht kennt."

Schulungen und Dolmetscher

In Österreich werde jedoch kaum versucht, die bestehenden Probleme zu lösen, meint die Sprachwissenschaftlerin. Im AKH gibt es einen Dolmetschdienst - aber nur auf der gynäkologischen Station. "Diese zwei Stellen werden aber nicht mehr nachbesetzt", so Sator "und die Politiker wollen, dass es im medizinischen Personal einen höheren Anteil an Migranten gibt." Das sei zwar wünschenswert, aber noch gäbe es den aliquoten Anteil an Migranten nicht, und ein passendes Konzept zur Umsetzung fehle. "Insofern ist diese Form der Diversitätspolitik nur eine Ausrede. Selbst wenn es eine türkischsprachige Ärztin im Krankenhaus gibt - sie kann doch nicht alle Gespräche mit allen türkischsprachigen Patienten führen."

Die Sprachwissenschaftlerin ist davon überzeugt, dass Schulungen für Ärzte und Krankenhauspersonal ebenso wichtig wären, wie professionelle Dolmetscher - denn wenn die eigenen Familienmitglieder dolmetschen, passiere so etwas wie bei der türkischen Patientin mit Kopfschmerzen. Auch Ärzteschulungen und Fortbildungen für zweisprachige Mitarbeiter seien dringend notwendig, um die Situation zu entspannen.

"Viele glauben, die Lösung des Problems ist, dass alle Migranten Deutsch lernen - aber die gegenseitige Verständigung ist nicht nur eine Bringschuld der Patienten", zeigt sich Sator überzeugt. "Wir leben in einer mehrsprachigen Gesellschaft und müssen sicherstellen, dass alle miteinander kommunizieren können."

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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