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Chinesischer Bauer auf dem Feld

China und Indien: Länder ohne Frauen

Durch die selektive Abtreibung von Mädchen geraten die Gesellschaften Chinas und Indiens zusehends ins Ungleichgewicht. Der Jungmännerüberschuss wird in 20 Jahren bis zu 20 Prozent betragen - Experten prognostizieren soziale Spannungen.

Demografie 15.03.2011

Die "nackten Äste" Asiens

"Guang Gun", "nackte Äste", nennen Chinesen unverheiratete, kinderlose Männer, die keine Aussicht haben, diesen Status jemals wieder zu verlassen: Sie bleiben kinderlos und einsam, schlichtweg deswegen, weil es zu wenige Frauen gibt.

China ist nicht das einzige Land, wo Männer traditionell in der Überzahl sind: In Ost- und Südasien, in Nordafrika und im Nahen Osten bevorzugen Eltern Söhne als Nachwuchs. Denn vor allem in den agrarischen Gesellschaften dieser Regionen verdienen Männer bedeutend mehr - sie führen die Familienlinie weiter und übernehmen die Versorgung alter und kranker Familienmitglieder.

In Südkorea, China und Indien hat sich diese Tendenz noch durch lokale Gegebenheiten verstärkt. In Indien belastet die traditionelle Mitgift für Frauen die finanzielle Existenz der Familien, in Südkorea und China haben Konfuzianismus und Patriarchat zu einer Minderschätzung von Töchtern geführt.

Demografische Verschiebung

Die Studie

"The consequences of son preference and sex-selective abortion in China and other Asian countries" ist im "Canadian Medical Association Journal" erschienen.

Wie ein Team um Therese Hesketh vom UCL Centre for International Health and Development (CIHD) in London in einer Studie schreibt, ist die Diskriminierung von Töchtern im afroasiatischen Raum weit verbreitet. Die Praktiken reichten von Vernachlässigung bis zum Kindesmord, seit den 1980er Jahren habe das Problem jedoch eine neue Dimension erreicht.

Seit damals ist die Geschlechtsbestimmung Ungeborener per Ultraschall verfügbar - zumindest in industriell entwickelten Ländern, in ärmeren dauerte es etwas länger. Das führte durch gezielte Abtreibungen zu einer Verschiebung des Geschlechterverhältnisses Neugeborener, weswegen vor allem China und Indien mittlerweile vor einem schwerwiegenden demografischen Problem stehen.

Die Misere in Zahlen: Normalerweise werden pro 100 Mädchen etwa 105 Buben geboren, in der Provinz Henan in Nordchina und in Hainan in Südchina kommen indes 130 Buben auf 100 Mädchen. Landesweit beträgt das Verhältnis 119 zu 100. Ähnlich die Lage in Indien: Hier beträgt der landesweite Quotient 113 zu 100, in Neu-Delhi und den Bundesstaaten Punjab und Gujarat liegt der Wert bei 125 zu 100.

Aufsteiger und Deklassierte

Eine Konsequenz des gesellschaftlichen Ungleichgewichts: Frauen können in dieser Situation ihren Status verbessern, indem sie "nach oben" heiraten, bei den Männern ist es freilich umgekehrt. In China etwa bleiben vor allem ungebildete Männer aus dem Bauernstand in Einsamkeit zurück: 94 Prozent aller Unverheirateten zwischen 28 und 49 sind männlich, so gut wie alle von ihnen haben keinen höheren Schulabschluss.

Nachdem in China das gesellschaftliche Ansehen sehr stark mit Heirat und Nachwuchs verbunden ist, entsteht dort quasi eine neue Gesellschaftsschicht der familiär-sexuell Deklassierten, und zwar keine kleine: 2005 lag der Männerüberschuss allein in der Kohorte der unter 20-Jährigen bei 32 Millionen. Hesketh und ihre Koautoren sagen eine Epidemie psychologischer Probleme voraus. Sie befürchten auch eine Zunahme von Gewalt und Verbrechen.

Kampagnen wirken

Die Einkindpolitik in China hat den Trend zur sexuellen Selektion zweifelsohne verstärkt, zum Glück wurde sie bereits gelockert und betrifft heute nur noch ein Drittel der Bevölkerung. Dass Interventionen auf politischer Ebene etwas bewirken können, zeigt etwa das Beispiel Südkorea: Dort betrug das Geburtsverhältnis bereits Anfang der 1990er Jahre 118 zu 100, durch Pro-Frauen-Kampagnen konnte es in den Folgejahren auf 109 zu 100 gesenkt werden (Stand 2004).

Gleichwohl brauchen entsprechende Maßnahmen Zeit, letztlich werde erst die nächste Generation Heiratswilliger von ihnen voll profitieren können, schreiben Hesketh und Co. In China werden die "nackten Äste" wohl erst in ein paar Jahrzehnten wieder Früchte tragen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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