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Glückliche Menschen twittern mit Glücklichen

Im Kampf der beiden Volksweisheiten "Gegensätze ziehen sich an" versus "Gleich und gleich gesellt sich gern" gewinnt bei Twitter letztere. Laut einer aktuellen Studie finden sich in dem Sozialen Netzwerk tendenziell Menschen, die einander sehr ähnlich sind - und das betrifft sogar ihren Glückszustand.

Netzwerkforschung 15.03.2011

Gemessen haben ihn Psychologen anhand der Worte, die in den nur 140 Zeichen fassenden Kurzmitteilungen von Millionen Usern verwendet wurden.

Die Studie:

"Happiness is assortative in online social networks" von Johann Bollen und Kollegen ist auf dem Preprint-Server arXiv.org erschienen.

Ein Ort der Homophilie

Dass Menschen einen Hang zur Gleichheit haben, lässt sich an vielen Orten beobachten. Nicht zuletzt auch im Internet, wo sich Gleichgesinnte in Foren und Blogs treffen können, ohne mit den Ansichten anderer konfrontiert zu werden. Dass auch Twitter zu dieser sozialen Homophilie neigt, ist auf den ersten Blick durchaus überraschend.

In dem Sozialen Netzwerk schreiben Autoren - die Twitterer - Kürzesttexte, die Leser abonnieren ihre Beiträge ("Tweets") und heißen entsprechend passiv "Follower". Dieses assymetrische Verhältnis, das dazu führt, dass manche Star-Twitterer außerordentlich stark gelesen werden, scheint nicht dazu angetan, für einen ähnlichen Glückszustand auf beiden Seiten der Verbindung zu sorgen.

Und doch ist es so, wie eine Gruppe Psychologen und Informatiker um Johann Bollen von der University of Indiana in einer Studie berichtet.

129 Millionen Tweets untersucht

Dazu haben sich die Forscher eines Programms bedient, das Dateien nach Wörtern und Sätzen durchsucht, die ein subjektives Empfinden ausdrücken. Weiters definierten sie rund 3.000 positive und 5.000 negative Worte, die mit Glück bzw. Unglück assoziiert sind (z.B. schön, lächeln, Liebe vs. krank, sterben, Tränen) und fütterten den OpinionFinder mit diesen Begriffen.

Schließlich wendeten sie das Programm auf 129 Millionen Tweets an, die im Zeitraum zwischen November 2008 und Mai 2009 von knapp fünf Millionen Menschen abgesendet worden waren, und untersuchten Verbindungen zwischen den Usern.

Es zeigte sich, dass jene Menschen, die ein annähernd gleiches Wohlempfinden ausdrückten, tatsächlich stärker miteinander verbunden waren als jene mit unterschiedlichen Zufriedenheiten. Glückliche Personen twitterten eher mit ähnlich glücklichen und waren auch eher Follower von ihnen. Das gleiche galt auch für weniger glückliche Menschen.

Drei Erklärungsversuche

Ö1 Sendungshinweis:

Über Twitter und andere Aspekte des digitalen Zeitalters informiert: Digital Leben, Mo. - Do., 16:55 Uhr.

Warum das so ist, lässt sich nach Auskunft der Forscher um Johann Bollen nicht sagen, sie bieten aber drei Erklärungsmöglichkeiten an. Zum ersten könnte es sich um ein Phänomen der Homophilie handeln: Menschen bevorzugen demzufolge den Umgang mit Gleichgesinnten und suchen gezielt ihre Nähe; dies könnte sich auch auf einen ähnlichen Gemütszustand beziehen.

Zum zweiten könnte es sich um eine Art soziale Ansteckung handeln: Der Umgang mit glücklichen Menschen macht einen selbst auch glücklicher, der Umgang mit unglücklicheren Menschen entsprechend unglücklicher. Eine dritte Erklärung besteht darin, dass wir unsere Emotionen im Verhältnis zu unseren Freunden einschätzen und ausdrücken. Demnach käme es nicht drauf an, wie gut man sich tatsächlich fühlt, sondern inwiefern eine Umgebung zulässt, diese Gefühle frei auszudrücken.

Welche der drei Erklärungen auch immer zutrifft - wenn es denn nur eine einzige geben sollte -, kulturelle, soziale und sprachliche Faktoren werden dabei eine zentrale Rolle spielen. Die Forscher wollen das Phänomen nun über längere Zeiträume untersuchen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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