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Steine im Bach

"Blaupausen sind nicht die Lösung"

Ob Fischgründe, Wälder, oder Wasserressourcen – unkontrollierte Nutzung gefährdet die Existenz von Gemeingütern. Doch das muss nicht so sein, betont die US-amerikanische Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom: Sie erklärt in einem science.ORF.at-Interview, wie man Ressourcen nachhaltig und zum Wohle aller verwaltet.

Gemeingüter 21.03.2011

Ostrom erhielt im Jahr 2009 den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Forschungen über "Commons", wie die Gemeingüter im Englischen genannt werden.

science.ORF.at: Ein wesentlicher Anstoß für Ihre Forschung zu den Commons war das 1968 erschienene Buch "The Tragedy of the Commons" – "Die Tragik der Allmende" des US-amerikanischen Ökologen Garrett Hardin. Er vertrat die These, dass Ressourcen, die einer größeren Gruppe von Menschen zur Verfügung stehen, unweigerlich übernutzt würden, weil jeder versuche, für sich so viel Ertrag wie möglich zu erwirtschaften. Warum hat Sie das Buch so motiviert?

Elinor Ostrom

ORF

Elinor Ostrom ist Professorin für Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington. Sie ist die erste Frau, die mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Ostrom: Als ich Garrett Hardin las, war ich erstaunt. Er schrieb, es sei nicht möglich, Ressourcen auf Dauer gemeinsam zu nutzen. Ich hatte aber mit eigenen Augen gesehen, dass das geht. Für meine Dissertation hatte ich ein System untersucht, bei dem die mehr als 600 Nutzer eines Grundwasserbeckens ihre eigenen Regeln für die Nutzung des Grundwassers entwickelt hatten. Sie waren damit erfolgreich.

An meiner Dissertation arbeitete ich Anfang der 1960er Jahre. Seither haben wir uns das Grundwassersystem aber immer wieder angeschaut. Erst kürzlich wurde eine neue Studie fertig gestellt, die belegt: auch nach einem halben Jahrhundert funktioniert es immer noch gut. Als ich Hardin las, dachte ich mir also: Du meine Güte! Als ich dann in den Nationalen Forschungsrat berufen wurde, bat man mich, mich dieser Frage der Allmende anzunehmen. So kam ich auf dieses Thema zurück. Ich wusste, dass manche Leute das Problem gelöst hatten. Es sind nicht alle gescheitert.

Garrett Hardin vertrat die These, dass Menschen eine "starke Hand" brauchen, um Ressourcen nicht zu übernutzen – sei es jene des Staates oder der Privatwirtschaft. Gemeingüter könnten nicht funktionieren und müssten deshalb privatisiert oder verstaatlicht werden. Sie waren davon überzeugt, dass Gemeingüter funktionieren können und wollten die Voraussetzungen einer erfolgreichen Verwaltung genauer verstehen. Wie sind Sie auf die Design-Prinzipien gekommen?

Ö1-Sendungshinweis

Gut für alle - vom Wert und Nutzen der Gemeingüter, Radiokolleg, Montag
21. März 2011, 09:05 Uhr

Im Rahmen des nationalen Forschungsrates begannen wir, Studien und Theorien über gemeinsam genutzte Ressourcen zu sammeln und miteinander zu vergleichen. Wir stellten Berechnungen an, entwickelte Modelle, studierten unzählige Berichte und versuchten zu verallgemeinern. Warum konnten zum Beispiel die Bauern in der Schweiz ihre Alpweiden seit Hunderten von Jahren gemeinsam nutzen, ohne dass einer die anderen übervorteilte? Warum verwaltete eine Gruppe über Jahrzehnte ein Grundwasservorkommen zum Nutzen aller und die andere versagte?

Ich zerbrach mir den Kopf darüber, welche Regeln funktionierten und welche nicht, bis mir klar wurde: Es gibt kein allgemeingültiges Regelwerk. Es geht nicht darum, welche Regeln es gibt, sondern dass es Regeln gibt. Ich nannte das Design-Prinzipien. Gemeinschaften, die ein klares Regelwerk entwickelt hatten, konnten über lange Zeit erfolgreich sein.

Auch jene, die Mechanismen zur Lösung von Konflikten entwickelt hatten, waren erfolgreich. Ich kam auch zu dem Schluss: Die Menschen waren bei der Verwaltung von Gemeingütern vor allem dann erfolgreich, wenn sie ihre eigenen Regeln entwickeln konnten.

Sie legen größten Wert auf das dezentrale Management und glauben nicht daran, dass eine Regierung oder eine zentrale staatliche Stelle den Gemeinden Design Prinzipien für die Verwaltung ihrer Commons vorschreiben sollte.

Radiokolleg zum Mitreden

Sonja Bettel und Brigitte Voykowitsch, die Gestalterinnen des Radiokollegs "Gut für alle", laden am Donnerstag, 24. März 2011 zum Mitreden ins ORF KulturCafe ein. Die Interviewpartner/innen, die sich ab 19:00 Uhr der Diskussion stellen sind:

  • Brigitte Kratzwald, Sozialwissenschaftlerin, Commons-Aktivistin, Graz
  • Felix Stalder, Medienforscher, Zürcher Hochschule der Künste
  • Sigrid Stagl, Umweltökonomin, Wirtschaftsuniversität Wien

Das Motto lautet "Diskurs im Viertelstundentakt". Nach einem Input der Expert/innen kommen jeweils die Zuhörer/innen zu Wort.

Wir haben viel zu künstlicher Bewässerung und Wäldern geforscht. Künstliche Bewässerung erfordert Infrastruktur, deren Errichtung, Verwaltung und Wartung zu Konflikten in der Gemeinde führen kann. In Nepal ist man dann auf die Idee gekommen, Bauern aus Gemeinden, in denen das künstliche Bewässerungssystem gut funktionierte, mit anderen Bauern zusammen zu bringen, die große Schwierigkeiten hatten. Die Bauern sollten voneinander lernen.

Doch den Bauern wurde eingeschärft, dass sie auf keinen Fall ein System, das anderswo funktionierte, blind kopieren sollten. Vielmehr sollten sie versuchen zu verstehen, warum es funktionierte, warum die anderen Bauern Probleme lösen konnten, an denen sie selbst gescheitert waren. Aus diesem Verständnis heraus sollten sie dann ihr System entwickeln. Blaupausen sind nicht die Lösung.

Von einem Architekten erwartet man ja auch nicht, dass er bei jedem neuen Auftrag einfach auf seine Blaupause zurück greift und stets das gleiche Gebäudemodell errichtet. Er muss sich mit der Bodenbeschaffenheit, der Wasserverfügbarkeit und vielen anderen Dingen – insbesondere auch den speziellen Wünschen der Auftraggeber – auseinandersetzen, bevor er dann ein passendes Gebäude errichtet. Das gleiche gilt für die Verwaltung der Commons.

Die Design-Prinzipien sind keine Blaupause. Sie sollen vielmehr dazu dienen, den Menschen die Grundanforderungen für das erfolgreiche Management der Gemeingüter bewusst zu machen. Die konkreten Spielregeln müssen dann die jeweiligen Gemeinden für sich selbst ausarbeiten.

Das Interesse am erfolgreichen Management der alten Commons ist in jüngster Zeit stark gestiegen. Was können wir aus Ihren eigenen und anderen Studien für die aktuelle Ökologiedebatte lernen?

Wir können auf der lokalen Ebene etwas tun, wenn wir uns vernetzen. Wir müssen in der Familie beginnen und uns dann mit anderen zusammentun, dann auf der Ebene der Gemeinde, dann vernetzen sich die Städte und diese mit Städten in anderen Ländern und so weiter.

Eine Person oder Gruppe allein kann nicht viel machen, aber innerhalb eines Netzwerks können wir Maßnahmen zur Einsparung von fossiler Energie und CO2-Emissionen vereinbaren. Die meisten Treibhausgase werden durch Verkehr und Stromverbrauch verursacht. Wir müssen also Wege finden, das zu reduzieren – was wir bei einem internationalen Abkommen ohnehin tun müssten, aber die können sich ja nicht einigen. Also fangen wir an!

Interview: Brigitte Voykowitsch, Ö1 Wissenschaft

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