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In einem Telegrafenbüro, Bild aus dem 19. Jahrhundert

Elektrizität machte die Welt zum Dorf

Als im 18. Jahrhundert erstmals Phänomene der Elektrizität untersucht wurden, war das Erstaunen groß. Elektrisch aufgeladene Körper schienen Raum und Zeit zu überbrücken und so Ursache und Wirkung zusammen fallen zu lassen. Diese Unmittelbarkeit elektrischer Medien bedient noch heute die Vorstellungen einer - etwa durchs Internet - geschrumpften Welt.

Medienwissenschaft 18.03.2011

Wie die Verbindung aller Orte durch Elektrizität mit der Idee einer Gemeinschaft verbunden ist, beschreibt der Medienwissenschaftler Florian Sprenger in einem Gastbeitrag.

Unmittelbare Übertragungen

Von Florian Sprenger

Über den Autor:

Florian Sprenger

IFK

Florian Sprenger, M.A., ist Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaft in Wien und schreibt an einer Dissertation zum Thema Medien der Unmittelbarkeit. Er studierte Medienwissenschaft und Philosophie in Bochum, Weimar und Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 21.3. hält Florian Sprenger einen Vortrag mit dem Titel " Medien der Unmittelbarkeit. Drei Szenen: Elektrizität, Telegrafie, Medientheorie".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Die Welt sei ein globales Dorf geworden, hört man oft. Wenn wir heute mit Skype über das Internet mit dem anderen Ende der Welt telefonieren, liegen zwar meist keine Kabel mehr dazwischen, sondern elektromagnetische Wellen und womöglich Satelliten. Die Idee einer weltweiten, gleichzeitigen Kommunikation ist aber nicht neu.

An ihr haften Vorstellungen einer Gemeinschaft, die Grenzen überwindend den ganzen Erdball zusammenbringt. Auch wenn unsere Stimmen nur verzerrt ans andere Ende gelangen und die Bilder der Webcams ruckeln, so bleibt doch eine Gleichzeitigkeit, die alles andere als unproblematisch ist, aber dieser Gemeinschaft zu Grunde gelegt wird.

Kabel-Werden

Die Geschichte beginnt in einem Garten im Süden Englands. Im Sommer 1729 hängt der gelernte Färber und leidenschaftliche, aber nicht in die Zunft der Forscher aufgenommene Stephen Gray dort einen Kupferdraht auf. Mit einem geriebenen Glaszylinder berührt er das eine Ende des Drahtes. Im gleichen Moment beginnen am anderen Ende kleine Blattgoldstückchen wie Schmetterlinge zu tanzen und sich auf den Draht zu setzen.

So kann Gray von der einen Seite des Gartens bis zur anderen, gänzlich ohne Sichtkontakt und nur durch den Schall der Stimme, von seinem Freund Granvile Wheler am anderen Ende des Drahtes bezeugt, eine sogenannte "electrick vertue" hervorrufen.

Elektrische Anziehung

Über Elektrizität weiß man zu dieser Zeit kaum etwas, allenfalls, dass bestimmte Gegenstände anziehend wirken, wenn sie gerieben werden, Glas etwa oder natürlich Bernstein, von dessen griechischer Bezeichnung elektron das Phänomen seinen Namen erhält. Was man mit dieser Kraft alles anstellen könnte oder dass sie im Laufe der Zeit die ganze Welt mit Kabelnetzen umspannen und am Laufen halten würde, davon ahnt man nichts.

Ein aufgehängter Schulbub

Ein elektrisch aufgeladener, aufgehängter Schulbub

gemeinfrei

Einige Zeit später hängt Gray einen Schulbuben waagerecht auf, elektrifiziert ihn wiederum mit geriebenem Glas und lässt aus seinen Fingerspitzen winzige Funken auf die umstehenden Zuschauer schlagen. Die Phantasie Grays regt noch nicht zu der Möglichkeit an, nicht nur undifferenzierte Schläge auszuteilen, sondern diese mit Bedeutung aufzuladen.

Links:

Gray, Stephen (1731): A Letter to Cromwell Mortimer, M. D. Secr. R. S. containing several Experiments concerning Electricity. In: Philosophical Transactions 37, S. 18–44.

Distant Writing von Steven Roberts: Eine Geschichte der Telegraphie von 1838 bis 1868

Noch ist alles gänzlich bedeutungs- und anwendungslos, ein Medium ohne Botschaft, oder vielmehr: ein Medium, dessen Botschaft darin besteht, dass es eine Wirkung gibt, wo keine sein dürfte. Denn es ist eine Distanz, eine Ferne zwischen Ursache und Wirkung, materiell gefüllt durch einen Draht.

Die Elektrizität ist gleichzeitig an beiden Seiten des Gartens. Sie ist bei Gray und im gleichen Moment bei seinem Freund am anderen Ende des Drahtes. Sie verbindet die beiden, als läge weder Zeit noch Raum zwischen ihnen. Diese Übertragung braucht, so meint man, keine Zeit. Sie erscheint unmittelbar.

Kommunikationslinien

Gray nennt die Drähte "Lines of Communication". Über einen Begriff wie 'Kabel' verfügt er noch nicht. Von Isolation, Ladungszuständen und Elektronen weiß er nichts. Kommunikation bedeutet zu dieser Zeit, die Verbindung einer Ursache mit einer Wirkung.

Damit man kommunizieren kann, sind zwingend drei Dinge nötig: zwei Teilnehmer auf jeder Seite und ein Dazwischen. Kommunikation setzt eine Differenz voraus, einen Abgrund. Diesen zeitlichen oder räumlichen Abgrund zu überwinden, ihn zum Verschwinden zu bringen, ist Zweck der Kommunikation.

Aber die Elektrizität überspringt ihn nicht nur, sondern scheint ihn aufzuheben. Ob die Elektrizität eine Geschwindigkeit hat, ist lange Zeit umstritten.

Wenig Zeit und keine Zeit

So normal und alltäglich es uns heute erscheinen mag, dass das Licht in dem Moment angeht, in dem wir den Schalter drücken, oder unsere Stimme in dem Moment am anderen Ende der Welt gehört wird, in dem wir den Mund aufmachen: Selbstverständlich ist das alles nicht. Und physikalisch sorgt dieser Eindruck für einige Probleme.

Denn der Unterschied zwischen wenig Zeit und keiner Zeit mag noch so gering sein, an ihm entscheidet sich doch so viel. Wenn die Elektrizität keine Geschwindigkeit hat, dann ist sie an beiden Enden eines Drahtes im gleichen Moment. Dann ist sie instantan und unmittelbar.

Und wenn sie unmittelbar ist, dann sind die beiden Enden des Drahtes in einer Verbindung, in der es keine Trennung mehr gibt. Physikalisch ist das unmöglich. Es gibt keine instantane, beschleunigungslose oder reibungsfreie Geschwindigkeit. Und doch kann ein ganzer Garten dazwischen liegen und bald die ganze Welt.

Telegrafie

Mit dem Aufkommen der elektromagnetischen Telegrafie seit den 1830er Jahren wird dieses neue Medium immer wieder mit solchen Ideen der Unmittelbarkeit beschrieben. Der technische Aufbau unterscheidet sich prinzipiell kaum von Grays Gartenexperimenten, auch wenn man über Elektrizität noch so viel mehr weiß.

Die Telegrafie eröffne, so schreibt es jede Zeitung dieser Zeit, die Möglichkeit, zwei Orte, etwa London und New York, ohne Zwischenzeit miteinander zu verbinden. Es ist davon die Rede, dass die Netze der Telegrafie nicht nur die Kontinente verbinden und den Empires der Zeit Kontrolle über ihre Kolonien geben könnten, sondern einen neuen "Weltorganismus" bilden würden. So drückte es jedenfalls der Technikphilosoph Ernst Kapp aus.

Die erste Konferenzschaltung

Die Telegrafenverbindungen auf einer historischen Weltkarte von 1891

gemeinfrei

Die Telegrafenverbindungen auf einer historischen Weltkarte von 1891

Ein Bericht über eine Konferenzschaltung von Mitarbeitern einer Telegrafenfirma beschreibt 1857 diese 'Telepräsenz' der Anwesenheit, die es einem Telegrafisten erlaubt, dort zu 'sein', wo er nicht ist, und zwar im Wort und im Wort als Tat.

Der Ort der Versammlung wird zum Nicht-Ort, von allen Kabeln aus erreichbar, auch wenn man über die konkrete Gestaltung des Meetings schweigt: "We publish the following novel and interesting account of a meeting of the employees of the American Telegraph Company on the 3d instant at - what place? That is the question - at no place, or at all places where there were Telegraph offices, within the circuit of seven hundred miles. A large room, that - seven hundred miles in diameter - for a meeting to convene… The members together in spirit - in communication, and yet in body seven hundred miles apart!"

Gemeinschaftsfragen

Die Verbindung aller Orte der Welt durch Elektrizität, ob als Kabel über Radios und Satelliten oder über das Internet, ist daher aus der Geschichte dieser Medien heraus mit der Idee einer Gemeinschaft verbunden. Ihr Verbindendes soll die Gleichzeitigkeit der Elektrizität sein.

Durch diese Phantasien ist sie häufig politisch oder religiös aufgeladen worden. Sie kennt dann kein Außen und kein Anderes mehr. Das ist ihre Gefahr: alles in sich einzuverleiben, so dass es niemanden mehr gibt, der nicht dazugehören würde. Doch die Anderen gibt es immer. Ohne sie gäbe es keine Gemeinschaft.

Es gilt also, zu denken, was Theodor W. Adorno als eine Gemeinschaft bezeichnete, in der man ohne Angst verschieden sein kann. Ohne dieses Anderssein, das zeigt auch die Geschichte technischer Medien, gibt es keine Gemeinschaft.

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