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Rollenvorstellungen beeinflussen Biologie

Weibliche und männliche Vertreter einer Art haben beim Sex oft gegensätzliche Interessen. Dieser "Kampf der Geschlechter" reflektiert aber nicht nur die Realität der Natur, sondern auch die Rollenvorstellungen, die Biologen haben.

Gender 21.03.2011

Das eigennützige Verhalten von Männchen und Weibchen bei der Fortpflanzung wird sehr unterschiedlich beschrieben, führen die Biologinnen Kristina Karlsson Green und Josefin Madjidian von der Universität Lund in einer Studie aus.

"Wir haben Beweise gefunden, dass manche Interpretationen auf möglicherweise unbewussten Vorstellungen von 'männlich' und 'weiblich' beruhen", sagt Karlsson Green.

Die Studie:

"Active males, reactive females: stereotypic sex roles in sexual conflict research?" von Kristina Karlsson Green und Josefin Madjidian ist in der Fachzeitschrift "Animal Behaviour" erschienen.

Koevolution mit Gegensätzen

Männchen und Weibchen verfolgen im Tier- und Pflanzenreich bei der Fortpflanzung verschiedene Strategien, um ihre eigenen Interessen - also die Weitergabe der eigenen Erbanlagen - durchzusetzen. In extremen Fällen entwickeln sich dabei sogar die Genitalien der Geschlechter gegenläufig, wie bei Enten und anderen Tierarten bereits gezeigt werden konnte.

Diese "antagonistische Koevolution", wie es mit einem Fachbegriff heißt, führt bei beiden Geschlechtern zu negativen Auswirkungen. Diese sollten auch entsprechend neutral beschrieben werden - bei den Männchen wie bei den Weibchen. Dies ist aber nicht der Fall, sagen Karlsson Green und Madjidian.

Ö1 Sendungshinweis:

Vom Leben der Natur porträtiert Pflanzen und Tiere, Lebensräume werden beschrieben und ökologische Veränderungen sichtbar gemacht: Mo.- Fr., 8:55 Uhr.

Die Männchen werden in den Biologiebüchern als die Aktiven beschrieben, die ihre Interessen mit ihrer Aktivität erreichen wollen. Die Weibchen hingegen werden mit passiven Ausdrücken bedacht, ihr Verhalten als Reaktion auf die Handlungen der Männchen betrachtet.

Auf eigene Vorstellungen achten

Die Kosten der Fortplanzungskonflikte würden vor allem bei den Weibchen untersucht. "Und das trotz der Tatsache, dass sich das Verhalten beider Geschlechter negativ auf den Partner auswirkt", sagt Madjidian.

Forscher sind sich ihrer eigenen Rollenvorstellungen von Gender nicht bewusst, was für eine gute Wissenschaft aber wichtig sei, unterstreichen die Biologinnen. "Denn sonst interpretieren sie Resultate möglicherweise falsch oder verpassen Aspekte des Geschlechterkonflikts, wie z.B. negative Effekte, die weibliches Verhalten auf die Männchen haben kann."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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