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NASA-Aufnahme der Erde im Weltraum. Auf dem Bild zu sehen: Teile Europas, Nordafrika, die arabische Halbinsel und Südasien.

Die Welthauptstädte der Wissenschaft

Zwei Forscher haben einen großen Städtevergleich in Sachen Wissenschaft erstellt: London und Cambridge, Massachusetts, sind demnach die internationalen Zentren der Forschung, zumindest in den Fächern Physik, Chemie und Psychologie. Österreichische Städte? Sie rangieren unter ferner liefen.

Ranking 22.03.2011

Der Geo-Faktor

Wissenschaftsforscher vergleichen schon lange die Qualität von Universitäten, den Impact von Journalen und die Leistung einzelner Wissenschaftler. Relativ neu in diesem Ranglisten-verliebten Gewerbe ist der Vergleich von geografischen Regionen und Städten. "Spatial Scientometrics" heißt die Forschungsdisziplin, die sich mit der Geografie des wissenschaftlichen Publikationsaufkommens beschäftigt.

Lutz Bornmann von der Max-Planck-Gesellschaft in München und Loet Leydesdorff von der Universität Amsterdam sind Vertreter dieser neuartigen Zunft: Sie haben nun die Publikationsdaten in drei Fächern - Physik, Chemie und Psychologie - in die Geosoftware "Google Earth" eingespeist und auf diese Weise eine interaktive Landkarte wissenschaftlicher Güte erstellt.

Die beiden Szientometriker gingen bei ihrem Städtevergleich von der üblichen (gleichwohl nicht unumstrittenen) Gleichsetzung von fachpublizistischer Aufmerksamkeit und Qualität aus. Gute/innovative Arbeiten sind dieser Logik folgend jene, die von anderen Autoren in Folgepublikationen zitiert werden.

Bornmann und Leydesdorff zählten die Zahl jener Studien pro Stadt, die in den Jahren 2008 bis 2011 in Studien erwähnt wurden. Dann bestimmten sie den Anteil jener Arbeiten, die zu den 10 Prozent der Top-Zitierten gehörten und setzten diesen Wert mit der Gesamtzahl aller Zitate in Beziehung. Städte, deren Quotient über 10 Prozent lagen, kamen in dem Ranking gut weg, Städte mit Quotienten unter der statistischen Nulllinie von 10 Prozent dementsprechend schlecht.

Immer wieder die Gleichen

Das Ergebnis ist im Großen und Ganzen wenig überraschend, Ballungszentren mit bekanntermaßen guten Universitäten führen die Rangliste an: So ist etwa London im physikalischen Fach (siehe Grafik) die europäische Nummer eins, weltweit hat Cambridge, Massachusetts, die Nase vorne - wohl wegen der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology.

Den internationalen Negativrekord hält der Analyse zufolge Moskau, Arbeiten aus der russischen Hauptstadt werden offenbar besonders selten zitiert. Überraschenderweise schneiden Wien und Innsbruck, die beiden Aushängeschilder Österreichs in Sachen Physik, bei diesem Vergleich nicht rasend gut ab. Zwar rangieren die Städte in der grünen, sprich: statistisch über dem Erwartungswert liegenden Gruppe, verhalten sich innerhalb dieser jedoch äußerst unauffällig.

Ähnlich das Bild im Fach Chemie: Moskau führt die Verliergruppe mit großem Abstand an, Hochburgen chemischer Spitzenforschung sind der Analyse zufolge Cambridge in Massachusetts, Berkeley und Urbana (Grafik). Im Bereich Psychologie ist London die Welthauptstadt, gefolgt von New York und Los Angeles (Grafik). Wien, historisch betrachtet nicht ganz unwesentlich für die Entwicklung des Faches, selbst wenn man Sigmund Freud und die Folgen nicht hinzuzählt, wurde in der Grafik mit rotem Farbcode versehen - rangiert also in der Hemisphäre der wenig innovativen Städte.

Zwei Modelle: Peking vs. Boston

Letztlich bestätigt die Studie, was man schon von den alljährlichen Hochschulranking-Ritualen weiß: Die Ivy League der US-Hochschulen, die großen US-Forschungszentren sowie Cambridge, Oxford und vereinzelt ein paar britische sowie kontinentaleuropäische Hochschulen - das ist die Top-League der internationalen Universitätslandschaft, deren Schwerpunkte sich eben auch im geografischen Vergleich niederschlagen. Was Detailergebnisse angeht, ist das Ergebnis ohnehin immer stark von der Bewertungs- bzw. Berechnungsmethode abhängig.

"Building the best cities for science", "Nature" (Bd. 467, S. 906; doi: 10.1038/467906a).

Die Zeitschrift "Nature" hat letztes Jahr ähnliche Analysen vorgestellt, die unter anderem etwas über die Entwicklung während der Jahre 2000 bis 2008 zu berichten wussten. Demzufolge hat etwa Peking sein Publikationsaufkommen in dieser Zeit extrem gesteigert und liegt weltweit mittlerweile nach Tokyo und London auf Platz drei in Sachen Quantität (siehe Grafik). Was die Qualität der Forschung betrifft, dümpelt Peking allerdings noch immer auf dem (niedrigen) Ausgangsniveau herum (siehe Grafik). Da ist es schon besser umgekehrt, wie etwa Boston vormacht: Nicht allzu viele Publikationen, aber das, was in Druck geht, wird von den Fachkollegen auch gelesen und für wichtig befunden (weil zitiert).

Die US-amerikanische Soziologin Mary Walshok sieht drei Faktoren, die eine Stadt zu einem leistungsfähigen und guten Forschungsstandort machen. Erstens: Freiheit der Forschung; zweitens: Infrastruktur; drittens: attraktive Lebensbedingungen. Die von Budgetnöten geplagten Universitäten Österreichs können in Sachen Geld/Infrastruktur naturgemäß nicht mit der internationalen Spitze mithalten. In Bezug auf Punkt drei hätte Österreich internationalen Spitzenforschern aber etwas anzubieten: Wien gehört laut Untersuchungen zu den Städten mit der weltweit besten Lebensqualität.

Robert Czepel, science.ORF.at

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