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Geschlungene Pfade auf einer Wiese

Der Glaube versetzt den Willen

Gibt es einen freien Willen? Dieser Streitfrage zwischen Neurowissenschaftlern und Philosophen fügt ein neues Experiment eine hübsche Pointe zu: Schon der Glaube an den freien Willen reicht aus, um die entsprechende Gehirnaktivität zu verändern - und damit auch die Handlungen, die folgen.

Psychologie 25.03.2011

Über das neue Kapitel in einer alten Auseinandersetzung zwischen Determinismus und Freiheit berichtet eine Forschergruppe um den Psychologen Davide Rigoni von der Universität Padua.

Die Studie:

"Inducing disbelief in free will alters brain correlates of preconscious motor preparation" von Davide Rigoni und Kollegen wird im Fachblatt "Psychological Science" erscheinen (hier die Studie sobald online).

Die zwei Posititionen im Widerstreit

Mittlerweile hat die Debatte um die Willensfreiheit ihren Höhepunkt zwar vermutlich überwunden, aber einige Hundert Bücher zu dem Thema auf einschlägigen Handelsseiten zeigen das nach wie vor vorhandene Interesse.

Die Positionen im Schnelldurchlauf: Auf der einen Seite stehen Vertreter der Neurowissenschaften, für die das Konzept eines freien Willens ausgedient hat. Für sie sind Entscheidungen zwischen Alternativen, die wir gerne als Frucht moralischer Abwägung betrachten, letztlich Vorgänge im Gehirn, die man vollständig neurobiologisch und biochemisch beschreiben kann.

Auf der anderen Seite pochen vor allem Philosophen auf eine Art oberste Instanz, die uns freistellt, ob wir so oder anders handeln, ob wir dieses oder jenes bevorzugen. Ohne diese Unterstellung eines freien Willens wäre ihnen zufolge keine Moral möglich, kein Recht und damit auch keine Gesellschaft.

Das klassische Libet-Experiment

Aus Sicht der Neurodeterministen ist ein Experiment zentral, das die Richtigkeit ihrer Annahmen zu bestätigen scheint: das Libet-Experiment, das der mittlerweile verstorbene US-Physiologe Benjamin Libet bereits Anfang der 1980er Jahre durchgeführt hat. Versuchspersonen mussten dabei einfache Handbewegungen machen, deren Beginn sie selbst wählen konnten.

Die Zeitpunkte der Entscheidung für die Bewegung sollten sie sich durch einen Blick auf einen rotierenden Zeiger merken. Zugleich wurde die Gehirnaktivität der Probanden mittels EEG überprüft, im Fokus stand das sogenannte Bereitschaftspotenzial. Gemeint ist damit eine elektrische Erregungswelle, die in bestimmten Gehirnbereichen auftritt, bevor willkürliche Handlungen - etwa die Bewegung einer Hand - gesetzt werden.

Libet zeigte, dass das Bereitschaftspotenzial zeitlich immer vor dem bewussten Entschluss und der Ausführung der Bewegung durch die Probanden lag - für viele Neurobiologen der schlüssige Beweis, dass der Willensakt nur ein Begleitphänomen des Gehirns ist. Unser Handeln wäre demzufolge nicht Ausdruck bewusster Entscheidungen, sondern Resultat unbewusster Vorgänge, die sozusagen hinter unserem Rücken ablaufen.

Zwei Gruppen: Willensgläubige vs. -ungläubige

Das Libet-Experiment war von Anbeginn umstritten, sowohl was sein formales Setting und seine Resultate als auch was seine Interpretation betrifft. Gleiches gilt auch für eine Reihe von Nachfolge-Experimenten, die den ursprünglichen Aufbau abwandelten und verfeinerten.

Dennoch wird es immer wieder durchgeführt, in besonderer Weise nun auch von Davide Rigoni und seinem Team. Die Psychologen hielten sich an den klassischen Versuchsaufbau, unterteilten ihre 30 Probanden und Probandinnen aber in zwei Gruppen.

Bei der einen Hälfte wurde vor dem Libet-Experiment der Glaube an die Existenz eines freien Willens erschüttert: Sie mussten einen kurzen Ausschnitt aus dem Buch "The astonishing hypothesis" von Francis Crick lesen. Der Entdecker der DNA-Struktur argumentiert darin, dass unser Bewusstsein ausschließlich Ausdruck von körperlichen Vorgängen und der freie Wille eine Illusion ist. Die zweite Gruppe bekam eine andere Stelle aus dem gleichen Buch zu lesen, in der keine Rede vom freien Willen war.

Paradoxes Ergebnis?

Ö1 Sendungshinweis:

"Wofür es sich zu leben lohnt": Robert Pfaller über Elemente materialistischer Philosophie. Besprechung des Buchs in Kontext - Sachbücher und Themen, 18.3., 9:05 Uhr.

Dass die beiden Gruppen erfolgreich unterschiedlich "geprimed" wurden, zeigte die Auswertung begleitender Fragebögen: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der ersten Gruppe glaubten deutlich weniger an ihren eigenen freien Willen als die anderen.

Und diese Unterschiede spiegelten sich auch auf der körperlichen Ebene, in der Gehirnaktivität während des Libet-Experiments. Das Bereitschaftspotenzial lag bei der ersten Gruppe signifikant unter den Werten der Kontrollgruppe. Unbewusst waren sie, die gerade in ihrem Glauben an einen freien Willen erschüttert waren, weniger bereit zu handeln als die anderen.

Dass sich Akte der Überzeugung körperlich manifestieren, ist vielleicht noch nicht weiter verwunderlich. Dass der Glaube an den freien Willen einen messbare Änderung im Bereitschaftspotenzial herbeiruft aber schon: Man könnte das durchaus paradox nennen. Denn wenn Menschen mit einer geringeren Bereitschaft zu handeln im Endeffekt die gleiche Handlung durchführen, könnte man diese Handlung durchaus intentionaler nennen - und paradoxerweise mehr als Ausdruck eines freien Willens betrachten.

Vorsichtiger Studienautor

Davide Rigoni teilt diese Interpretation seiner Ergebnisse nicht. "Diese Frage beschäftigt mich wirklich sehr", schrieb er science.ORF.at in einer E-Mail. Entscheidend sei es, was man funktional unter Bereitschaftspotenzial überhaupt versteht. "Wir wissen, dass es durch die 'subjektive Erfahrung' von Intentionalität moduliert wird, d.h. ob man eine bestimmte Bewegung als Ausdruck eines bewussten Willens versteht oder nicht." Automatisch ausgeführte Handlungen etwa gingen mit kleineren Bereitschaftspotenzialen einher als bewusst gesetzte, intentionale Handlungen.

Letztlich glaubt Rigoni nicht daran, dass elektrische Potenziale im Gehirn etwas mit freiem Willen zu tun haben. "Wenn wir etwa am Computer etwas schreiben, geschieht das meiste davon automatisch oder unbewusst (also ohne, dass wir auf die Bewegung unserer Finger achtgeben). Das macht es aber nicht weniger frei!", meint der Psychologe. Das Bereitschaftspotenzial sei daher kein Marker für einen freien Willen. Seine Studie habe lediglich gezeigt, dass der Glaube an die Kontrolle über die eigenen Handlungen messbare Auswirkungen im Gehirn hat.

Besser an freien Willen glauben

"Meine Interpretation: Wenn man glaubt, keine oder wenig Kontrolle über das eigenen Tun zu haben, dann legt man auch weniger intentionales Gewicht in seine Handlungen. Als Konsequenz verhält man sich auch 'automatischer'", glaubt Rigoni.

Schon aus ethischen Gründen sei es deshalb besser an einen freien Willen zu glauben. Denn wenn man sich selbst nicht als Agenten seiner Handlungen sieht, nimmt auch die Verantwortung für sie ab - aber mit dieser Frage sind die Grenzen der Experimentalpsychologie auch schon wieder überschritten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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