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Eine Frau schlägt sich auf den Kopf, sie hat etwas vergessen

Vergessen als Projekt der Aufklärung

Vergesslichkeit hat in Österreich spätestens seit der Waldheim-Affäre einen schalen Beigeschmack. Allzu lange "vergaß" man hierzulande auf die Beteiligung an NS-Verbrechen und schmiegte sich an den Opfermythos. Vergessen hat aber auch eine aufklärerische Tradition, die auf Immanuel Kant zurückgeht.

Philosophie 28.03.2011

Im Ausblenden von Unwichtigem und Konzentrieren auf das Wichtige liegt ihm zufolge eine Grundregel für ein gedeihliches Miteinander. Dieses Vergessen kann man laut dem Königsberger Philosophen sogar trainieren, erzählt Christine Abbt in einem science.ORF.at-Interview. Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin und Philosophin ist derzeit als IFK Fellow in Wien.

science.ORF.at: Kennen Sie die Operette "Fledermaus" von Johann Strauss?

Christine Abbt: Ja, aber nicht gut. Ich wurde hier in Österreich auch schon mehrfach darauf angesprochen. Vielleicht sollte ich sie mir noch einmal zu Gemüte führen.

Das Video:

"Glücklich ist, wer vergisst" aus der Fledermaus auf YouTube.

Am besten gleich: Ich spiele Ihnen einen YouTube-Ausschnitt vor. In der Version singt der kürzlich verstorbene Peter Alexander mit Margot Eskens das sehr bekannte Lied: "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist." Sie sind nun in einem Land, das eine lange Tradition im Vergessen hat, spielt das eine Rolle für Ihre Beschäftigung mit dem Thema?

Porträtfoto der Philosophin Christine Abbt

privat

Christine Abbt war von 2006 bis 2011 Assistentin und Dozentin am Lehrstuhl für Politische Philosophie der Universität Zürich und ist derzeit Research Fellow am IFK Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 28.3. hält Christine Abbt einen Vortrag mit dem Titel "Vergessen im Dienste der Vernunft".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Ich muss gestehen, dass ich mich besser mit der schweizerischen, deutschen und französischen Geschichte auskenne als mit der österreichischen. Hier in Wien ernte ich aber immer vielsagende Blicke, wenn ich von meinem Thema spreche. Die Leute sagen: "In Österreich über das Vergessen forschen!" Wenn ich dann nachfrage, was denn das Besondere am Vergessen in Österreich sei, reagieren sie meistens verhalten, weil ich nicht sofort signalisiere, dass ich weiss, um was es geht.

Ich vermute es geht um den Umgang Österreichs mit seiner Rolle im Nationalsozialismus?

Ja, aber nicht nur. Mir scheint, es betrifft auch allgemein den Umgang mit Gedächtnistheorien einer Gesellschaft, wie Erinnerung öffentlich thematisiert wird, wie viele Gedenkorte es gibt etc.

Für die im Ersten und im Zweiten Weltkrieg Gefallenen gibt es in Österreich in nahezu jedem Dorf Gedenktafeln, für die Opfer des Nationalsozialismus weit weniger. Nun ist die Strauß-Operette aber viel älter: Falls es eine österreichische Seele gibt, verspricht sich die also schon länger Glück vom Vergessen.

Ja, wobei die Redewendung "Glücklich ist, wer vergisst" auch in der Schweiz und anderen Ländern existiert. Das entstammt einer Tradition, die Nietzsche ausformuliert: Wer im Moment lebt, wer seine Sorgen ausblendet und alles, was man nicht ändern kann, der erlangt Glück. Und das betrifft nicht eine spezielle Erfahrung der Vergangenheit, sondern ist eher eine Art Lebenskunst.

Kann man die Österreicher in diesem Sinne als "nietzscheanisch" bezeichnen?

Das erscheint mir spekulativ. Ich weiß nicht, ob diese Art der Lebenskunst etwas typisch Österreichisches ist. Provokanter erscheint mir die Frage, ob Österreich ein kantianisches Land ist. Jedenfalls vergisst man zumeist, dass Vergessen auch ein Gedankengut der Aufklärung ist. Kant hat gemeint, dass man trainieren soll, woran man denkt, dass man den Blick auf Wichtiges wirft und das Unwichtige ausblendet. Der Umstand z.B., "im Zweifel für den Angeklagten Partei zu ergreifen", beruht auf der Fähigkeit, im konkreten Fall eine allgemeine Regel anzuwenden und sich nicht von Emotionen und Rachegelüsten leiten zu lassen. Kants kategorischer Imperativ - stell dir vor, was passiert, wenn alle so handeln - hat viel damit zu tun, diese Abstraktion zu erlernen. Kant meint, dass man sowohl das individuelle Glück als auch das allgemein Gute erlangen kann, wenn man lernt zu abstrahieren, d.h. das Richtige zu fokussieren und das Falsche auszublenden. Richtig ist immer, was allgemein vertretbar ist. Und das nicht erst seit Kant. Die Neuzeit grenzt sich gegenüber dem Mittelalter durch eine Form von Vergessen ab, was aber wenig bemerkt wird. Nietzsche gilt als Theoretiker des Vergessens und das Vergessen als anti-aufklärerisch. Das stimmt aber philosophiehistorisch nicht.

Ist Abstraktion das gleiche wie Vergessen? Selbst wenn ich den Angeklagten im Zweifel freispreche, vergesse ich doch nicht seine möglichen Untaten.

Das stimmt, Kant plädiert auch nicht für das Vergessen der konkreten Tat. Aber er hält Ausblenden und Abstrahieren für eine Form von Denken. Er hat einmal nach einem Streit mit seinem langjährigen Diener Lampe in sein Notizbuch geschrieben: "Lampe muss vergessen werden." Das wird häufig ironisch gedeutet und der performative Widerspruch betont. Aber ich glaube, Kant meint das ganz ernst: Sobald ihm der Gedanke an Lampe kommt, will er nicht an ihn denken. Denken ist eine Praxis, eine Übung für ihn.

Man kann dem alten Beispiel folgend aber doch "nicht nicht an grüne Elefanten denken" ...

Nein, kann man nicht. Der Gedanke stammt aus der sprachphilosophischen Tradition, in der z.B. Umberto Eco steht. Eco hält ein Nachdenken über Vergessen für unmöglich und funktionslos. Sein Beispiel handelt von Rosen: Um zu denken "das ist keine Rose", muss man wissen, was eine Rose ist. Es wäre ein logischer Fehler zu glauben, dass es ein Vergessen gibt, meint Eco. Vergessen ist für ihn ein Nicht-Erinnern und deshalb sprechen wir eigentlich immer über Erinnern. Das hat schon Wittgenstein gemeint, seiner Ansicht nach kann man das Gedächtnis nicht als Speicherappararat oder dergleichen denken. Dennoch bleibt die Frage, ob man deshalb überhaupt nicht mehr über das Vergessen nachdenken soll.

Sie haben zwei große Traditionslinien in der Philosophie ausgemacht, worin unterscheiden sie sich?

Es gibt sicher mehr Traditionen, aber ich streiche zwei Hauptstränge heraus. Der eine lässt sich bei Augustinus ausmachen, der durch Selbstreflexionen einen Vergessensbegriff entwickelt, der auf die Geschichtlichkeit und Zeitlichkeit jedes bewussten Zugriffs hinweist. Demgegenüber verstehen Kant, Montaigne, Bacon und eben auch Nietzsche Vergessen als ein spezifisches und zu erlernendes Vermögen. Die Frage bleibt, ob man dieses Vermögen inhaltlich beschreiben kann. Nietzsche hat versucht, Vergessen psychophysiologisch zu fassen und etwa mit Verdauung oder Wachstum verglichen.

Wittgenstein würde sagen: Beide Ansätze sind sinnlos?

Ja, die Philosophen seiner Tradition lehnen es ab, das Gedächtnis als Vermögen zu begreifen, weil man es in der Sprache auf diese Weise nicht erklären oder bestimmen kann. Man müsste dafür zu Sprachbildern wie "Speicher" oder "Wachstafeln" greifen, und das ist, wie auch ich glaube, nicht sinnvoll. Die Begrenzung der Erinnerungsmöglichkeit sprachlich einzufangen, erscheint von diesem Standpunkt aus überflüssig.

Inwiefern spielen empirische Forschungen der Neurowissenschaft eine Rolle für Ihre Arbeit?

Ich lese diese Studien, argumentiere aber nicht empirisch. Ich denke, dass man auch mit Selbstreflexionen, wie es etwa Augustinus vormacht, und Sprachanalyse sehr weit kommt, und bin immer wieder überrascht, wie oft sich die Ergebnisse mit empirischen Studien überschneiden. Als Philosophin sehe ich meine Rolle darin, Begriffe zu schärfen und Diskurse über Erinnerung, Geschichte und Gedächtnis gegebenenfalls zu kritisieren.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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