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Kreuz neben Baum

Aus Todesangst gegen die Evolutionstheorie

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit beeinflusst offensichtlich die Weltanschauung. Forschern zufolge glauben Menschen bei Todesangst eher an die Theorie des Intelligent Design als an die Evolutionstheorie. Sie gebe dem Leben zu wenig Sinn.

Psychologie 31.03.2011

Gegen alle Vernunft

Die Auseinandersetzung von Evolutionsbiologen und sogenannten Kreationisten hat in den USA schon zu manchen Rechtstreit geführt. Die einander widersprechenden Auffassungen ziehen sich quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen.

Die Wissenschaft ist sich zwar weitgehend einig, dass Intelligent Design von Grund auf unwissenschaftlich ist. Dennoch widmen immerhin 25 Prozent der Biologielehrer an der Highschool zumindest einen Teil der Unterrichtszeit der umstrittenen Theorie - auch wenn entsprechende Gerichtsbeschlüsse das eigentlich untersagen.

Welche psychologischen Motive hinter der hitzigen Debatte stecken, wollten die Forscher um Jessica Tracy von der kanadischen University of British Columbia nun herausfinden. Sie führten insgesamt fünf Studien mit 1.674 US-amerikanischen und kanadischen Teilnehmern mit unterschiedlichem sozialem und religiösem Hintergrund durch.

Tod erweckt Sehnsucht nach Schöpfer

Am Anfang jeder Einzelstudien sollte sich der eine Teil der Probanden den eigenen Tod vorstellen und dann einen Text darüber schreiben. Die Kontrollgruppe erhielt eine ähnliche Aufgabe, bei der es allerdings nur um Zahnschmerzen ging.

Danach wurden allen Teilnehmer zwei äußerlich vergleichbare kurze Textstücke vorgelegt. Eines stammte von dem US-amerikanischen Autor und Biochemiker Michael Behe, ein vehementer Verfechter des Intelligent Designs. Seiner Ansicht nach sind die biochemischen Grundlagen des Lebens zu komplex, um mit der Evolutionstheorie erklärt werden zu können, nur ein übernatürlicher Schöpfer könne dafür verantwortlich sein. Der Autor des zweiten Exzerpts war der allseits bekannte streitbare Evolutionstheoretiker Richard Dawkins.

Bei der Bewertung der Textstellen zeigte sich, dass die Testpersonen der "Todesgruppe" im Vergleich mit der "Schmerzgruppe" deutlich häufiger dem evolutionskritischen Text von Behe zugeneigt waren.

Suche nach dem Sinn

Dass diese Art von "Priming" allerdings nicht in Stein gemeißelt ist, ergab der vierte Studiendurchlauf, bei dem ein weiteres Textzitat hinzugefügt worden war. In diesem erklärt der 1996 verstorbene Astronom und Fernsehmoderator Carl Sagan, dass der naturalistische Ansatz bzw. die Evolutionstheorie auch Sinn und Bedeutung bietet. Bei dieser Versuchsanordnung ging die Vorliebe für den Kreationismus bei den "Todesprobanden" wieder zurück.

"Die Ergebnisse legen nahe, dass Menschen angesichts existenzieller Fragen nach einem Sinn oder einer Bestimmung im Leben suchen", so Tracy. Offensichtlich habe die Evolutionstheorie für die meisten diesbezüglich zu wenig zu bieten. Die Theorie müsste zu diesem Zweck mit mehr Bedeutung - im Sinne Sagans - aufgeladen werden.

Sinnstiftende Evolutionstheorie

Einen ähnlichen Schluss legte auch der fünfte und letzte Teil der Studie nahe. Dieser wurde ausschließlich mit Studenten der Naturwissenschaft durchgeführt. Bei ihnen hat die "Todes-Schreibübung" keinerlei Auswirkungen, denn auch danach waren sie mehrheitlich auf Seiten der Evolutionstheorie. "Für die Studenten ist die Theorie offensichtlich kompatibel mit dem Bedürfnis nach einem höheren Sinn im Leben", so Tracy.

Um eine höhere Akzeptanz der Evolutionstheorie zu erreichen, müsste man den Menschen vermutlich explizit begreiflich machen, dass der Ansatz, die Grundlagen des Lebens zu verstehen, sehr wohl sinnstiftend sein kann.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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