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Cannabis-Blatt

Wie Marihuana im Hirn wirkt

Kanadische Forscher haben untersucht, was der Konsum von Marihuana im Gehirn auslöst: Ihre Studie zeigt, warum die Droge zu einem emotionalen "High" führt - und warum sie mitunter Paranoia auslösen kann.

Drogen 06.04.2011

"Alsbald kamen die Zeit- und Raumansprüche zur Geltung, die der Haschischesser macht. Die sind ja bekanntlich absolut königlich. Versailles ist dem, der Haschisch gegessen hat, nicht groß genug, und die Ewigkeit dauert ihm nicht zu lange. Und auf dem Hintergrund dieser riesigen Dimensionen des inneren Erlebens (...) verweilt mit seligem Lächeln ein wundervoller Humor."

Eines kann man Walter Benjamin sicher nicht vorwerfen: Dass er es seinen einschlägigen Erfahrungsberichten an der nötigen Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit hätte mangeln lassen. "Über Haschisch" heißt sein Text, in dem man nachlesen kann, wie der Wirkstoff THC ("Delta-9- Tetrahydrocannabinol") in die Wahrnehmung und das Gefühlsleben des Cannabis-Konsumenten eingreift.

Gleichwohl gilt: Bei oftmaligem Gebrauch ist auch diese "weiche" Droge keineswegs unproblematisch. Studien zeigen nämlich, dass Marihuana-Konsum zumindest bei Jugendlichen das Risiko erhöhen könnte, in späteren Jahren an Schizophrenie zu erkranken.

Neuronale Wirkungen entschlüsselt

Die Studie

"Cannabinoid Transmission in the Basolateral Amygdala Modulates Fear Memory Formation via Functional Inputs to the Prelimbic Cortex" ist im "Journal of Neuroscience" erschienen.

Eine soeben erschienene Studie wirft nun neues Licht auf die erwünschten wie unerwünschten Wirkungen der psychotropen Substanz. Dass THC an speziellen Rezeptoren im Gehirn ansetzt (wie es etwa auch für Nikotin und Opioide gilt), war schon länger bekannt. Entscheidend dürfte jedoch eher die Frage sein, wo sich diese Rezeptoren im Gehirn befinden.

Wie Steven Laviolette von der University of Western Ontario berichtet, sitzen die betroffenen Rezeptoren unter anderem in der Amygdala, auch Mandelkern genannt. Die Amygdala ist das Schaltzentrum für die Entstehung von Gefühlen und Erregungen aller Art, sei es nun in Form sexueller Stimulierung, Angst, Wut oder Euphorie. Die Schilderungen Walter Benjamins stimmen jedenfalls recht gut mit den neurobiologischen Ergebnissen überein: Die emotionale Berauschung des deutschen Philosophen hatte ihren Ursprung wohl im Mandelkern.

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Lexikalisches zu Cannabis

Als "Marihuana" bezeichnet man getrocknete Blätter und Blüten der Hanfpflanze Cannabis sativa. "Haschisch" ist eine weiterverarbeitete Form - sie besteht zumeist aus gepressten Blütenteilen. "Cannabinoide" bezeichnen jene chemische Substanzklasse, zu der der psychotrope Wirkstoff von Cannabis, das THC, zählt.

Schizophrenie und Paranoia

Was den möglichen Konnex zur Schizophrenie betrifft, hat Laviolette ebenfalls etwas zu berichten. Die Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren in der Amygdala wirkte sich auch auf eine weitere Hirnregion aus, nämlich auf den präfrontalen Cortex. Dieser ist unter anderem mit der emotionalen Bewertung von Sinneseindrücken sowie mit der Kontrolle von (damit einhergehenden) Gedächtnisinhalten betraut.

"Dieses Ergebnis ist für das Schizophrenie-Risiko junger Marihuana-Konsumenten wichtig", sagt Laviolette. "Denn wir wissen, dass Schizophrenie-Patienten sowohl in der Amygdala als auch im präfrontalen Cortex Anomalien aufweisen - also genau jene Hirnregionen, in denen auch Cannabinoide wirken."

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch die Sendung "Wissen aktuell", 6.4.2011

Der Wirkungsweg der Cannabionoide im Neuronennetzwerk könnte auch erklären, warum exzessiver Konsum von Haschisch und Marihuana nicht selten psychotische Nebenwirkungen, wie etwa Paranoia, nach sich zieht. Künstliche Wirkstoffe, die an den gleichen Rezeptoren ansetzen, könnten derlei Störungen verhindern. Und das, schreibt Laviolette, eröffne etwa neue Behandlungsmöglichkeiten für posttraumatische Belastungsstörungen.

science.ORF.at

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