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Fässer mit dem Radioaktivität-Warnhinweisen

"Da legt man sich auf 24.000 Jahre fest"

Die Atomkatastrophe in Japan führt der Menschheit das scheinbar fast schon vergessene Risiko der Kernenergie wieder vor Augen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Radioaktivität einst sogar als gesund galt und sich manche Ängste des 19. Jahrhunderts als wissenschaftlicher Nonsens entpuppten.

Nachhaltigkeit 07.04.2011

Ein Gespräch mit der Umwelthistorikerin Verena Winiwarter über Risiko, Propagandafilme für die Atombombe, radioaktive Zahnpasta, norditalienische Händler der Renaissance und die Gefahren der Nachtluft.

science.ORF.at: Sind Nachhaltigkeit und Kernenergie vereinbar?

Porträt Verena Winiwarter

Pichler

Verena Winiwarter ist Ingenieurin für technische Chemie und hat Geschichte und Publizistik studiert. Sie ist Professorin für Umweltgeschichte und Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universität Klagenfurt.

Verena Winiwarter: Die Grundfrage ist eine andere: Ist eine nachhaltige Gesellschaft vorstellbar, die so viel Energie verbraucht, wie wir jetzt verbrauchen, und die daher auf die Kernkraft angewiesen ist?

Plutonium hat eine Halbwertszeit von etwas über 24.000 Jahren. Gehen wir 24.000 Jahre in der Zeit zurück: Da gab es hier in Europa mesolithische Jäger-Sammler-Kulturen. Wir müssten heute ein System von Warnungen entwickeln, von dem wir sicher sein können, dass es die Menschen in 24.000 Jahren noch entziffern können, um sie vor unseren Endlagern zu schützen. Das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Also sollten wir weniger Energie verbrauchen.

Andererseits wird man aber so viele Menschen, wie jetzt auf der Erde leben, auch nicht leicht mit weniger Energie ernähren können. Künstliche Dünger brauchen Unmengen an Energie, ohne sie sind so viele Menschen nicht ernährbar. In der Wissenschaft spricht man von Pfadabhängigkeiten. Wir haben uns auf einen Pfad begeben, auf dem man nicht leicht umkehren kann.

Ein Pfad weg von der Nachhaltigkeit?

Eine nachhaltige Gesellschaft ist von unserer so verschieden, wie wir von einer Jäger- und Sammlergesellschaft.

Wie könnten wir zu einer nachhaltigen Gesellschaft werden?

Wir haben durch diesen Überfluss an Energie die Chance, Technologien auszuprobieren, die zu Beginn sehr ineffizient sind. Wir könnten Technologien ausprobieren, die uns eine technische Solarenergiegesellschaft ermöglichen. Auch die erste Dampfmaschine hatte einen sehr kleinen Wirkungsgrad. Aber mit ihr konnte man lernen, wie man Dampfmaschinen effizienter baut.

Zurück zur Kernenergie: Wie hat sich der Umgang mit technischen und Umweltrisiken in der Vergangenheit verändert und gibt es hier klare Trends?

Risiko ist ein Wort aus der Sprache der norditalienischen Händler im 16. Jahrhundert, als sie begonnen haben, Schiffe um die Welt zu schicken. Das Wort Risiko hat sich also mit dem Welthandel entwickelt.

Literatur zum Thema:

Im Jahr 1998 hat der deutsche "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" den Bericht " Welt im Wandel: Strategien zur Bewältigung globaler Umweltrisiken" herausgegeben (PDF).

Zu den Trends gibt es unterschiedliche Meinungen. Im 20. Jahrhundert hat das Wort im Zuge der Atomdebatte eine wissenschaftliche Definition bekommen. Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit ergeben das Risiko. Die Frage ist, wie man ein großes, aber unwahrscheinliches Risiko im Vergleich zu einem kleinen, aber ziemlich wahrscheinlichen bewertet. Auch die fossilenergetische Gesellschaft birgt Risiken: Man hat ja schon wieder vergessen, dass vor knapp einem Jahr im Golf von Mexiko die Plattform Deepwater Horizon explodiert ist.

Die Kernenergie scheint aber eine Sonderstellung einzunehmen, wenn es um Angst, Gefahren und Risiken geht.

Vor radioaktiver Strahlung hat man verständlicherweise viel Angst, weil es dagegen keine Medikamente und nur wenig Schutz gibt. Es gehen aber auch ständig Leute an anderen Risiken zugrunde. Wir nehmen Dinge als unterschiedlich gefährlich wahr, je nachdem, welche Theorie wir gerade von der Welt haben.

Haben Sie da ein Beispiel?

Mein Lieblingsbeispiel ist die Nachtluft, die noch im 19. Jahrhundert als gefährlich und gesundheitsschädigend gegolten hat. Das hat sich erst im 20. Jahrhundert gewandelt, weil man eine andere Theorie von Ansteckung hatte. Früher hat man gedacht, Miasmen machen krank, also Gestank. Das hat sich geändert, als man erkannte, dass nicht der Gestank des Sumpfs krank macht, sondern die Anophelesmücken, die den Malariaerreger verbreiten.

Dann konnte man auch etwas dagegen tun: nämlich Moskitonetze vors Schlafzimmerfenster montieren. Wenn wir in unserem Verhältnis zur Natur auf einen neuen Zusammenhang stoßen, ändert sich auch unsere Risikowahrnehmung.

Früher ließ man ja auch Soldaten bei Atombombentests aus der Nähe zusehen.

Sendungshinweise:

Mit Radioaktivität und Kernenergie befassen sich zwei Beiträge des Dimensionen-Magazins auf Ö1 diese und nächste Woche:

Die Informationssendungen des ORF berichten laufend über die Ereignisse um das Atomkraftwerk in Fukushima und zum 25. Jahrestag des Unfalls in Tschernobyl.

Radioaktivität hat einmal als gesund gegolten. Man hat Radiumtabletten und Radiumlösungen zum Trinken zur Vitalisierung und Verbesserung der Lebenskräfte verkauft und zu sich genommen. Es gab mit einem radioaktiven Belag ausgekleidete Gefäße, in die man über Nacht sein Trinkwasser füllen sollte, damit es am nächsten Tag ein bisschen Radon enthalten und darum besonders gesund sein sollte.

Schauerlich.

Noch 1940 wurde in Berlin eine radioaktive Zahnpasta produziert. Auf der Tube steht, dass die Pasta wegen ihrer Radioaktivität Keime im Mund vernichtet. Das stimmt auch. Nur schätzen wir heute die Risiken anders ein.

Wäre Ähnliches heute trotzdem noch möglich?

Nehmen Sie zum Beispiel Granderwasser: Da weiß keiner wie es wirkt. Wenn man daran glaubt, wirkt es vielleicht nur deswegen. Ob Handys ungesund sind oder nicht, weiß in Wahrheit niemand. Das Risiko genetisch modifizierter Organismen (GMOs) ist auch nicht bekannt. Wir sollten nicht glauben, dass wir heute in der Lage wären, die Risiken aller Technologien gut vorherzusagen. Da sollte man bescheidener werden.

Sie sagen, dass man aus den Wochenschauen der 1950er-Jahre etwas lernen kann.

Mit diesen Wochenschauen wurde die amerikanische Bevölkerung über Atomtests informiert. Es war damit möglich, der Bevölkerung beizubringen: „Fürchtet euch nicht!“. Einer der Filme zeigt „Survival Town“. Survival Town war eine etwa eine Meile vom Explosionspunkt eines Atomtests aufgebaute Siedlung. Sie wurde mit Puppen gefüllt, mit Kameras, die filmen sollten, wie es den Puppen ging, mit Lebensmitteln in Konserven, um Zivilschutz zu testen.

Was wahrscheinlich nicht funktioniert hat.

Video:

Wer den erwähnten Film sehen möchte, kann ihn auf YouTube betrachten:

Der Film zeigt, was tatsächlich passiert: Die meisten Gebäude werden komplett zerstört. Manche Gebäude bleiben stehen, aber natürlich gibt es keine Fenster mehr. Man sieht kommentarlos die Schatten der Puppen auf den Negativen der Filme, bevor sie komplett überbelichtet worden sind. Während der Zerstörungssequenz sagt der Sprecher des Films gar nichts. Aber am Schluss sagt er: "Survival is possible".

Das kommt uns heute vollkommen absurd vor. Dieser gut gemachte Propagandafilm zeigt aber die Chancen, die Medien bieten, zu Verhaltensänderungen beizutragen oder gutes Verhalten zu stabilisieren. Medien kommt beim Umbau zu einer nachhaltigen Gesellschaft eine entscheidende Rolle zu. Eigentlich ist nur durch Medien und Bildung die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft denkbar.

Veranstaltungshinweis:

Am 07. April 2011 spricht Verena Winiwarter zum Thema "Nachhaltigkeit im Jahrhundert des nuklearen Risikos" ab 18 Uhr im Veranstaltungssaal der Österreichischen Nationalbank (Otto Wagner Platz 3, 1090 Wien).

Verbindliche Anmeldung und weitere Informationen zur Veranstaltung.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Vortragsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit" statt. Veranstalter der Vortragsreihe sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur, das Lebensministerium und die Initiative Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Ö1 in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Wien und der Österreichischen Nationalbank mit freundlicher Unterstützung der deutschen Stiftung Forum für Verantwortung.

Die Vortragsreihe fand bereits in den letzten beiden Semestern statt und wird seither mit Interviews in science.ORF.at begleitet, unter anderem mit den folgenden Beiträgen:

Technische Entwicklung hat zwei Seiten: einerseits die Risiken, zum Beispiel der Kernenergie, andererseits wurden Seuchen erfolgreich bekämpft, der Lebensstandard und die Lebenserwartung steigen. Leben wir so gesehen trotz aller Risiken heute nicht auch sicherer und bequemer als zum Beispiel Jäger- und Sammlergesellschaften?

Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, wenn jeden Tag Kinder verhungern oder an Infektionskrankheiten sterben. Das ist eine auf die erste Welt konzentrierte Sichtweise. Wenn Sie in China wohnen, werden Sie nicht den Eindruck haben, in einer risikoärmeren Welt zu wohnen als früher, wenn Sie vom Abwasser chemischer Fabriken gefährdet sind, die es früher nicht gegeben hat. In Peking ist man durch Luftverschmutzung gefährdet, die Leben kostet.

Die industrielle Lebensweise hat erfolgreich erreicht, dass mehr Menschen auf der Erde leben können, als jemals zuvor. Ob sie besser oder schlechter Leben, mit mehr Risiko oder mit weniger, lässt sich auf der Gesamtebene der Menschheit nicht beantworten.

Damit lässt sich wahrscheinlich auch schwer klären, ob wir im Lauf der Geschichte nachhaltiger oder weniger nachhaltig werden.

Die meiner Meinung nach klügste Definition von Nachhaltigkeit stammt vom Systemtheoretiker und Kybernetiker Heinz von Förster: Eine gute, nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung bekommt man dann, wenn man durch seine Aktionen die Anzahl der Wahlmöglichkeiten steigert. Wenn wir die Anzahl der Wahlmöglichkeiten senken, haben wir ein Nachhaltigkeitsproblem.

Eine Gesellschaft, die ihre Natur ausbeutet, senkt die Wahlmöglichkeiten dafür, was man in Zukunft auf den Tisch stellen können wird. Und wenn man in nukleare Technologie investiert, hat man nicht mehr die Wahl, keine Endlager zu bauen. Da legt man sich auf 24.000 Jahre fest.

Mark Hammer, science.ORF.at

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