Standort: science.ORF.at / Meldung: "Niemand sammelt Österreich"

Ein Fiakerpferd dreht sich um, auf dem Wagen platziert eine österreichische Fahne.

Niemand sammelt Österreich

Die Idee für ein österreichisches Nationalmuseum wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Es existiert bis heute nicht, die Pläne für ein "Haus der Geschichte" liegen seit zwei Jahren auf Eis. Es gibt aber noch andere Leerstellen: Niemand sammelt zentral Objekte, die in Zukunft ausgestellt werden könnten.

Zeitgeschichte 11.04.2011

Den fehlenden politischen Willen, das zu ändern, beklagt die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einem Interview.

science.ORF.at: Braucht Österreich überhaupt ein Nationalmuseum?

Heidemarie Uhl: Ich würde sagen: ja. Der Begriff "Nationalmuseum" weckt vielleicht Animositäten, von wegen: "Hier wird die nationale Geschichte ausgestellt." Aber Museen haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu zentralen Orten der Debatte darüber entwickelt, wie die Geschichte eines Landes oder einer Community ausgestellt werden soll. Sie sind, ob wir das wollen oder nicht, zu Diskussionsgeneratoren geworden. Diese Museen zeigen nicht mehr die großen Erzählungen, und wenn sie es tun, werden sie sofort dafür kritisiert. Man sieht das etwa an der aktuellen Debatte zum geplanten Nationalmuseum in Paris. Die Fragen lauten: Wer spricht in der Ausstellung, was wird dargestellt, gibt es nicht auch andere Sichtweisen etc.

Ab welchem historischen Zeitpunkt sollte so ein österreichisches Nationalmuseum ansetzen?

Aktuelles Buch zum Thema:

Das Buch "Zeitgeschichte ausstellen in Österreich: Museen - Gedenkstätten - Ausstellungen", herausgegeben von Dirk Rupnow und Heidemarie Uhl, ist im Böhlau Verlag erschienen,
Mehr zu dem Buch

Zitat:

"Wo sind die Grenzen der österreichischen Geschichte und wo die Grenzen Österreichs? Wie können der austrofaschistische "Ständestaat" und vor allem die Nazizeit in ein "Haus der Geschichte der Republik" eingebaut werden? Wie kann überhaupt das "Dritte Reich" in die österreichische Geschichte integriert werden? Mit ihm verschieben sich auch noch einmal die Grenzen österreichischer Geschichte beträchtlich: Das Territorium der Republik reicht nicht aus, um die europaweite Beteiligung von Österreicher/innen an den nationalsozialistischen Massenverbrechen zu erzählen. (…) Die "österreichische Geschichte" in ein "Haus" zu pressen, bleibt eine Herausforderung." (Dirk Rupnow)

Das ist schon eine große Streitfrage. Wenn man vor 1918 anfängt, drängt sich gleich die Frage auf, wie man mit jenen Ländern der Habsburgermonarchie umgeht, die nicht zum heutigen Österreich gehören. Nehme ich dann den postkolonialen oder neokolonialen Standpunkt ein und stelle auch die ungarische, die tschechische und slowenische Geschichte mit aus?

Was denken Sie?

Sinnvollerweise muss man wohl 1918 anfangen und Rückgriffe auf die Zeit davor machen, um dieser Falle zu entgehen.

Staatspräsident Karl Renner war der erste, der ein Österreichisches Nationalmuseum intendiert hat, was war seine Idee?

Österreich musste nach 1945 seine nationale Identität stärken, das ist der wesentliche Punkt. Renners Museumsidee war der Versuch, die Geschichte der Ersten Republik, die von extremen Konflikten geprägt war, in gewisser Weise zu neutralisieren und kommunizierbar zu machen. Die Objekte, die dafür hergestellt wurden, waren aus heutiger Sicht sehr konventionell. Gezeigt werden sollten in erster Linie Gemälde der Bundespräsidenten und-kanzler, das war ein sehr großkoalitionärer Zugang.

Aus der Renner-Idee wurde dennoch nichts ...

Nach seinem Tod 1950 ist das Interesse recht schnell erlahmt. Die schon angeschaffte Sammlung ist über sehr verschlungene Pfade ans Heeresgeschichtliche Museum in Wien gelangt. Einige der Exponate sind heute ausgestellt, andere liegen im Depot. Das Heeresgeschichtliche Museum ist überhaupt das einzige, das gezielt Exponate zur österreichischen Geschichte gesammelt hat.

Was ist mit den vielen Objekten der Stadt- und Landesmuseen, temporärer Ausstellungen etc.?

Natürlich gibt es die, aber es gibt keine zentrale Sammlung zur Zeitgeschichte. Das Fehlen eines österreichischen historischen Museums bedeutet auch das Fehlen einer zukunftsorientierten Sammeltätigkeit. Denken Sie etwa an das WienMuseum: Hier gibt es einen Kurator, der sich um Zeitgeschichte kümmert und jene Dinge der Gegenwart sammelt, die in Zukunft ausgestellt werden. Oder die Wechselausstellung "Hitler und die Deutschen" am Deutschen Historischen Museum in Berlin: Wenn man diesen unglaublichen Schatz an Objekten sieht, fragt man sich, wie man in 100 Jahren Österreichs Zeitgeschichte ohne aktuelle Sammlertätigkeit ausstellen wird.

Nach Renner hat es über 40 Jahre keine Idee für ein Nationalmuseum gegeben, 1999 begannen dann die Vorarbeiten zu einem "Haus der Geschichte". Vor über zwei Jahren haben die beauftragten Experten ein Konzept an die Bundesregierung geliefert, seither liegt es unter Verschluss, warum?

Es gibt derzeit niemanden, der den politischen Willen aufbringt, etwas umzusetzen, das es in anderen Ländern längst gibt oder gerade im Entstehen ist: ein Ort, an dem sich sowohl die Bürger und Bürgerinnen als auch die Gäste des Landes informieren können, wie sich der Staat zu einem gewissen Zeitpunkt selbst darstellen und ausstellen möchte - bei allen Brechungen, die die Wissenschaft und Museologie einfordern. Wenn ich in ein fremdes Land fahre, führt mich mein erster Weg ins Historische Museum. Da kann ich mich dann freuen oder ärgern, aber es ist etwas, wo man wie in einer Nussschale die Selbstdarstellung des Landes sieht.

Warum fehlt dieser politische Wille? Liegt das an inhaltlichen Auseinandersetzungen - Stichwort: Austrofaschismus - oder am Geld oder etwas anderem?

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch das Dimensionen - Magazin: 8. April 2011, 19:06 Uhr.

Finanznot ist immer ein Argument, wenn man etwas nicht durchführen will. Daran kann es aber nicht alleine liegen, erst vor kurzem wurde in Innsbruck etwa das Bergisel Museum eröffnet. Sicher spielt auch die umstrittene Bewertung des "Ständestaats" eine Rolle. Hauptgrund ist aber wohl der Umstand, dass sich Österreich nicht als Staat versteht, in dem Geschichte wichtig ist. Österreich ist ein Musikland, Wien ist eine Musikstadt, aber der Impetus, sich auch mit der Geschichte auseinanderzusetzen, ist sehr gering ausgeprägt. Das sieht man auch an einer zweiten Leerstelle in Wien: Es gibt hier im Gegensatz zu zahlreichen anderen Städten im deutschsprachigen Raum kein Haus über die Geschichte des Nationalsozialismus.

Haben Sie ein Lieblingsmuseum, das Geschichte besonders gut ausstellt?

Das Dollfuß-Museum im niederösterreichischen Texingtal ist zwar sicher nicht mein Lieblingsmuseum, aber eines, das all die Fragen aufwirft, wie man mit Zeitgeschichte umgehen soll. Wir reden in der Zeitgeschichte und Museologie gerne von Museen als den "reflexiven Flaggschiffen", aber in Texing wird noch die gute alte Hagiographie betrieben, die woanders nicht mehr möglich wäre. Wirklich positiv hervorheben würde ich die Ausstellung "Wert des Lebens" im Schloss Hartheim. Wie hier eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie mit einer ästhetisch innovativen Ausstellung über den Umgang mit Behinderung verbunden wird, das ist sehr gelungen: wissenschaftlich präzise und zugleich berührend und bewegend.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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