Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wenn Blinde wieder Formen sehen"

Ein vormals blindes Kind zeigt auf geometrische Formen.

Wenn Blinde wieder Formen sehen

Blinde Menschen "sehen" mit ihren Fingern, anhand der ertasteten Umrisse können sie Formen wie Kugel, Würfel etc. bestimmen. Aber was passiert, wenn sie ihr Augenlicht zurückgewinnen? Erkennt das Gehirn die gefühlten Formen auch, wenn es sie sieht? Forscher beantworten diese Frage nun - mit "Jein".

Neurologie 11.04.2011

Das Molyneux-Problem

William Molyneux formulierte 1688 in einem Brief an den englischen Philosophen John Locke folgende Frage: Wenn ein blinder Menschen verschiedene Formen anhand seines Tastsinns unterscheiden kann - würde er diese Formen auch erkennen, wenn er sie sehen könnte?

Oder abstrakt formuliert: Weiß der Mensch über Grundformen wie etwa eine Kugel Bescheid, unabhängig davon, ob er diese Form durch seinen Seh- oder Tastsinn (oder durch beides) kennengelernt hat?

Kinder als Testpersonen

Die Neurowissenschaftler Richard Held und Pawan Sinha vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge wollten nun eine Antwort auf diese alte Frage finden und baten deshalb Kinder aus Pawan Sinhas Hilfsprojekt für Indien um Mitwirkung.

Seit 2003 hilft der Forscher Kindern, die nach einer Augenerkrankung erblindeten. Im Rahmen der Hilfsorganisation "Project Prakash" werden Operationen organisiert und finanziert, die den beispielsweise an Grauem Star erkrankten Kindern das Augenlicht zurückgeben.

Geteilter Erfolg

Die Forscher wählten fünf Kinder im Alter zwischen acht und 17 Jahren aus und testeten sie anhand von Bausteinen mit unterschiedlicher Form innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Augenoperation. In einem Experiment legten die Forscher den Kindern drei Bausteine vor, wobei zwei davon die gleiche Form hatten.

Zuerst durften die Kinder nur fühlen und fanden sofort die beiden Steine mit der gleichen Form heraus. Dann durften sie nur schauen, und auch da gelang es ihnen, die zwei gleichen Formen zu identifizieren. Beim ausschlaggebenden Versuch aber scheiterten sie: Durften sie eine Form fühlen und sollten sie nur durch das Anschauen der Bausteine finden, gelang ihnen das meist nicht.

Antwort trotzdem "Jein"

Trotzdem könne die Antwort auf Molyneux' Frage nicht "Nein" sein, meinen Held und Pawan gegenüber "Science Now". Denn als die Forscher zwei Buben einige Tage später nochmals testeten, gelang es ihnen schon zu 80 Prozent, die richtige Form nur durch den Sehsinn zu finden - eine Verbesserung, die nicht allein durch den Lerneffekt zu erklären sei, erklärt der Neurologe Alvaro Pascual-Leone von der Harvard Medical School gegenüber "Science Now". Anscheinend brauchen sie ein bisschen visuelle Erfahrung, um Tast- und Sehsinn kombinieren zu können: "Sie beginnen nicht von Null."

science.ORF.at

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