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Aldabra-Riesenschildkröte von vorne auf einer Lichtung

"Ersatzarten" retten das Ökosystem

Wenn einzelne Arten sterben, ist das nicht nur traurig, sondern häufig auch eine Gefahr für das ganze Ökosystem. Forscher haben nun untersucht, ob die Einführung einer neuen Art die Aufgaben einer ausgestorbenen übernehmen und so wiederum andere vor dem Aussterben schützen könnte.

Artenschutz 22.04.2011

Das Projekt auf einer kleinen Insel bei Mauritius zeigt erste Erfolge. Dabei sorgt eine ausgesetzte Schildkröte tatsächlich für die neue Verbreitung eines bedrohten Ebenholzgewächses.

Gute Invasoren?

Gebietsfremde Tiere oder Pflanzen sind für Ökologen, die sich für die Erhaltung und Wiederherstellung von natürlichen Ökosystemen einsetzen, eigentlich ein rotes Tuch. Diese sogenannten Bioinvasoren werden entweder absichtlich aus fremden Regionen importiert oder zufällig eingeschleppt und richten manchmal großen ökologischen sowie wirtschaftlichen Schaden an. Denn Ökosysteme besitzen ein sensibles Geleichgewicht, das unter anderem auf der Interaktion zwischen den verschiedenen ansässigen Arten basiert. Fremde Tiere oder Pflanzen gefährden einheimische Konkurrenten und können das System zum Kippen bringen.

Zur Studie in "Current Biology":

"Resurrecting Extinct Interactions with Extant Substitutes" von Christine J. Griffiths et al.

Es gibt allerdings auch einen neuen ökologischen Ansatz, der fremde Arten gezielt zur Wiederherstellung eines Ökosystems nutzen will. Die Grundidee: Eine neue Art soll die Schlüsselfunktionen einer kürzlich ausgestorbenen übernehmen. Bis jetzt wird die Methode jedoch von Fachleuten sehr kontrovers diskutiert, nicht zuletzt deswegen, weil es kaum Studien gibt, die zeigen, dass sie tatsächlich funktionieren könnte.

Nur mehr spärlich bewachsen

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am Fr, den 22.4., um 13:55.

Diesen Umstand wollten die Forscher um Christine J. Griffiths von der University of Bristol nun ändern. Für ihr Feldexperiment suchten sie sich ein überschaubares Ökosystem aus, die kleine Insel Île aux Aigrettes, 25 Hektar groß, südöstlich von Mauritius gelegen. Das Eiland war früher fast völlig von dem langsam wachsenden Ebenholz Diospyros egrettarum bedeckt. Aufgrund massiver Rodungen zählt dieses heute zu den gefährdeten Arten. Es findet sich auch auf der von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) geführten Roten Liste für bedrohte Arten.

Die Abholzung wurde zwar bereits vor 30 Jahren gestoppt, dennoch kam es zu keiner Regeneration des Bestandes. Das hat laut den Forschern einen einfachen Grund: Seit dem Aussterben der heimischen Riesenschildkröten leben hier keine vergleichbaren großen Pflanzenfresser, die die Samen des Gewächses verbreiten könnten.

Um den verbliebenen Bestand des Holzes zu erfassen, zählten die Forscher im Jahr 2007 alle Bäume, es waren 3.518. Große Gebiete, die früher bewaldet waren, waren kahl.

Erste Erfolge bei der Aufforstung

Eine Aldabra-Riesenschildkröte verzehrt die Früchte des Ebenholz-Baums

Dennis M. Hansen

Eine Aldabra-Riesenschildkröte beim Verzehr der Früchte von Ebenholz-Gewächsen.

Um die Verbreitung der Samen zu verbessern, setzten die Forscher importierte Aldabra-Riesenschildkröten, Aldabrachelys gigantea, aus. Die Tiere ähneln unter anderem in ihrem Speiseplan den ausgestorbenen einheimischen Riesenschildkröten. Im Jahr 2000 begannen die Wissenschaftler mit vier Exemplaren. 2009 bestand die Gesamtpopulation aus 19 erwachsenen Exemplaren.

Seit damals bleiben immer weniger der großen Früchte der Ebenholzgewächse unter den Bäumen liegen, da die Schildkröten sie verzehren. In der Folge verbreiten sich auch die Samen wieder weiter; andere Ursachen dafür schließen die Forscher aus. Zudem scheint die Verdauung der Aldabra-Schildkröten das Keimen der Samen zu begünstigen und zu beschleunigen. Heute finden sich immer mehr neue Jungpflanzen in den abgeholzten Gegenden der Insel.

Ob sich daraus auch gesunde ausgewachsene Pflanzen entwickeln und ob es unerwartete Auswirkungen auf andere heimische Pflanzen oder Tiere gibt, wird sich den Forschern zufolge aber erst langfristig zeigen. Die Bevölkerungsgröße der Schildkröten sei jedoch so überschaubar, dass sie genauso leicht wieder zu entfernen wären. Das Experiment sei so gesehen ideal, um einen derartigen neuen Lösungsansatz gegen das Artensterben zu testen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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