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Uni Wien

Beschränkte Zeiten für die Wissenschaft

Die Hochschulreformen der vergangenen Jahre haben auch die Arbeitsverhältnisse verändert: Immer mehr Forscher sind prekär beschäftigt, arbeiten an zeitlich befristeten Projekten, auf Teilzeitbasis und ohne klare Zukunft. Was für mehr Wettbewerb und Effizienz sorgen sollte, hat negative Auswirkungen - auf die Arbeitsbedingungen und die Wissenschaft selbst.

Uni-Reformen 29.04.2011

Das jedenfalls meinen Lisa Sigl und Mario Becksteiner von der "Interessensgemeinschaft LektorInnen" in einem science.ORF.at-Interview. Die Praxis der Forschung und der Horizont der Ideen seien heutzutage oft genauso beschränkt wie die Zeiträume, in denen Forschung finanziert wird.

science.ORF.at: Früher hieß es "Interessengemeinschaft Externe LektorInnen", vor kurzem haben Sie sich in "IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen" umbenannt, warum?

Die Interviewten:

Lisa Sigl arbeitet als Wissenschaftsforscherin an der Universität Wien. Sie ist im Kollektiv IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen sowie im Prekär Café organisiert und an der Organisation der MayDay-Parade in Wien beteiligt.

Mario Becksteiner ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, Mitglied des Betriebsrats für das wissenschaftliche Universitätspersonal und Vorstandsmitglied der IG LektorInnen.

Lisa Sigl: Zum einen weil Universitäten angewiesen sind auf die Kompetenz von Lektoren und Lektorinnen und sie ihnen in diesem Sinne nicht extern sind. Sie bringen als Menschen, die auch in anderen Zusammenhängen beschäftigt sind, Wissen in die Unis ein. Zum anderen ist "Wissensarbeit" ein Hinweis darauf, dass diese Tätigkeit kein Hobby ist, den wir zum Beruf gemacht haben, sondern eine Erwerbstätigkeit, von der wir auch leben müssen. "Arbeit" weist auch darauf hin, dass die Tätigkeit potenziell ausbeutbar ist, wenn auch anders als bei anderen Erwerbsformen. Bei Wissensarbeit geht es oft um Selbstausbeutung, freiwillige Mehrarbeit, samt Begleitphänomenen wie Stress und Unruhe.

Ihre neue Bezeichnung betont auch den Begriff des Wissens, das ja im Mittelpunkt unserer Gesellschaft stehen soll ...

Mario Becksteiner: Es bettet sich ein in eine Entwicklung, die in den 1970er Jahren begonnen hat. Der "kognitive Kapitalismus" ging weg von fordistischer Massenproduktion hin zu einer hochtechnologischen Arbeitsweise, in der die kognitiven Fähigkeiten der Menschen dazu dienen, die Produktivität zu steigern. Wissen als ökonomische Ressource rückte in den 1990er Jahren auch ins Zentrum der Politik, ausgedrückt etwa in der Lissabon-Strategie der Europäischen Union, die auf die "wettbewerbsfähigste, wissensbasierte Ökonomie weltweit" hoffte. Die "Wissensarbeit" war und ist positiv besetzt, sie soll sich von der "schmutzigen" anderen Arbeit unterscheiden. Dabei haben sich die Lebensbedingungen der Wissensarbeiter zunehmend verschlechtert. Heute herrschen Projektarbeit, Prekarisierung, intensivere Selbstausbeutung vor. Deshalb auch unsere Umbenennung: Wir sind keine Verbindung freier Wissenschaftler, sondern müssen uns immer mehr einer produktiven Logik unterwerfen.

2.000 Lektoren an Uni Wien

Die Zahl der Drittmittelbeschäftigten alleine an der Uni Wien ist laut IG LektorInnen zwischen 2007 und 2009 von knapp 1.000 auf über 1.200 gestiegen. Das durchschnittliche Beschäftigungsausmaß ist dabei seit 2007 gesunken: bei Männern von 82 auf 75 Prozent, bei Frauen von 75 auf 70 Prozent, d.h. dass auch Drittmittelbeschäftigte zunehmend teilzeitarbeiten.

Erst Recht gilt das für das wissenschaftliche Personal allgemein, d.h. wenn man alle Beschäftigten - von verbeamteten Vollzeit-Professoren über befristete Assistenten und Drittmittelbeschäftigte bis zu Lektoren - zählt: In dieser Gesamtzahl von rund 6.700 Personen liegt das Beschäftigungsausmaß durchschnittlich um die 50 Prozent (bei Männern etwas darüber, bei Frauen etwas darunter).

Die IG schätzt, dass es über 2.000 Lektoren und Lektorinnen an der Universität Wien mit üblichen Sechsmonats-Verträgen gibt.

Wie äußert sich diese Tendenz in den konkreten Arbeitsverhältnissen?

Becksteiner: Etwa in einer Zunahme einer Projektlogik, bei der Arbeit immer in einem konkreten Produkt enden muss. Diese Projekte werden auch immer mehr durch Drittmittel, also extern finanziert. Die Universitäten gewinnen immer stärker eine Struktur von Werkstätten. Die Projekte stehen miteinander in Konkurrenz um Personen und Mittel. Aus individueller Sicht ist es erstrebenswert, in die Werkstättenstruktur zu gelangen und drinnen zu bleiben bzw. sich rechtzeitig nach neuen Projekten umzusehen.

Was heißt das für die Wissenschaft selbst, Frau Sigl, Sie sind ja Wissenschaftsforscherin?

Sigl: Das empirisch zu überprüfen, ist methodisch schwierig. Ich habe aber ein paar Thesen: Wenn man immer in den Zwei- bis Vierjahreszeiträumen von Projekten denkt, schränkt sich der Horizont ein: Man stellt dann nur noch Fragen, die in diesem Zeitraum beantwortbar sind. In den Lebenswissenschaften etwa kann aber oft schon die Bearbeitung der materiellen Begebenheiten länger dauern - weil Experimente schiefgehen oder sich ungeahnte Probleme auftun. Dabei können neue Fragestellungen auftauchen, die nicht geplant waren, aber interessanter sind als das ursprüngliche Ziel. Wenn man in einem vorgegebenen Zeitraum ein messbares Ziel erreichen muss, weil es sonst keine Chance auf Nachfolgeprojekte gibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sich diesen neuen Zielen zuzuwenden. Viele Forscher und Forscherinnen klagen, dass so strukturell behindert wird, die großen, innovativen Fragen zu stellen. Interessante Forschung passiert häufig auf eigenes Risiko. Dass viele immer noch dazu bereit sind, ist der Selbstantriebskraft und der hohen Motivation der Leute zuzuschreiben, die häufig zu Selbstausbeutung führt. Das ist eine unterschätzte Dimension von Prekarisierung.

MayDay-Parade in Wien

Am 1. Mai findet in Wien die MayDay-Parade statt, die sich gegen die "voranschreitende Entsicherung unserer Arbeits- und Lebensverhältnisse" richtet.

Auf der anderen Seite gibt es aber die Gegenbewegung sehr gut dotierter Research Grants für exzellente Forscher und Forscherinnen, die längere Zeiträume umfassen ...

Sigl: ... die aber zugleich die Konkurrenz verschärfen. Denn dadurch haben nur ganz wenige exzellente Forscher und Forscherinnen die Gelegenheit zu innovativer Tätigkeit, die anderen leisten maximal die Zuarbeit und haben wenig Möglichkeit, selbst kreativ zu sein. Zudem hat man, bis man so eine lukrative Finanzierung erhält, schon gelernt, auf eine bestimmte Art und Weise zu denken und manche Fragen bereits verworfen - etwa was die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Forschungstätigkeit betrifft. Diese Fragen sind nach wie vor sehr wichtig, werden durch die Arbeitsverhältnisse aber stark marginalisiert. Viele arbeiten bei schlechter Bezahlung 60 bis 70 Stunden pro Woche, da ist es schwierig, sich auch noch darum zu kümmern.

In Österreich gibt es seit zwei Jahren den ersten Uni-Kollektivvertrag - was sind die ersten Erfahrungen damit?

Sigl: Noch ist ein großer Umbauprozess im Gang, es gibt aber ein paar Tendenzen. So sollen externe Lektoren und Lektorinnen abgebaut und durch Senior Lecturers ersetzt werden. Je nachdem wie die definiert werden, kann das massive Nachteile haben. Nur ein Beispiel: Am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien wurden Senior-Lecturers-Stellen für 20 Stunden pro Woche ausgeschrieben, die dann sieben Stunden pro Woche lehren plus zehn Stunden pro Monat administrative Tätigkeiten verrichten sollten. Zusätzlich ist eine Reihe von Diplomarbeitsbetreuungen vorgesehen; angedacht sind zehn Betreuungen pro Senior Lecturer. Das mindert entweder die Qualität der Arbeit drastisch oder zwingt die Betroffenen doppelt so viel zu arbeiten als die Zeit, für die sie eigentlich bezahlt werden.

Verdrängen die Senior Lecturers die Externen?

Becksteiner: An vielen Instituten werden diese Stellen erst ausgeschrieben, es gibt also noch nicht allzu viel Erfahrung. Befürchten kann man eine Verdrängung, aber das hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Studierendenzahl ab, die ja nach wie vor wächst. In den Naturwissenschaften ist das Problem mit den Externen nicht so groß, in anderen wie in der Politikwissenschaft schon.

Es gibt mit Karlheinz Töchterle seit kurzem einen neuen Wissenschaftsminister: Welche sind die dringlichsten Forderungen aus der Sicht Ihrer Klientel?

Ö1 Sendungshinweis:

Ein Beitrag in Kontext - Sachbücher und Themen widmete sich dem Buch "Die Krise der Arbeit" des Soziologen Robert Castel: 29.4., 9:05 Uhr.

Sigl: Das kann man auf unterschiedlichen Ebenen beantworten. An das Ministerium ist die Forderung zu stellen, dass die Basisförderung von Universitäten wieder erhöht wird. Die Gesamtbudgets sinken ja nicht, wurden in den vergangenen Jahren aber so umgeschichtet, dass der Wettbewerb zwischen und innerhalb der Universitäten steigt. Und das hat die Arbeitsbedingungen für viele verschlechtert. Von den Uni-Leitungen und Personalvertretungen fordern wir, im Drittmittelbereich unbefristete Stellen zu ermöglichen. An manchen Unis ist das heute schon der Fall, nicht aber etwa an der Uni Wien. Unbefristete Stellen ermöglichen es, über größere Zeiträume denken zu können, sowohl was den eigenen Lebensplan als auch was die Wissenschaft betrifft. Wünschenswert wäre auch eine universitäre Laufbahn neben der Professorenlaufbahn. Die Möglichkeit dazu bietet der Kollektivvertrag, um den wir in Deutschland beneidet werden. Er beinhaltet Stellen für Senior Lecturers und Senior Scientists, definiert aber nicht genau ihre Funktion, in welchem Umfang sie etwa forschen und lehren sollen. Der Spielraum der Interpretation ist groß, wird aber an der Uni Wien sehr einseitig ausgelegt.

Becksteiner: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es mit Wunschzetteln an das Ministerium und die Rektorate alleine nicht getan ist. Ein zentrales Anliegen für die Zukunft muss die Organisierung der prekär Beschäftigten sein - aller Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen, dazu gehören auch die Professoren und die Studierenden. Die Politik kann nicht zuletzt deshalb handeln, weil es keine kollektive Gegenposition gibt. Der Organisationsgrad der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst an den Unis ist äußerst gering. Was es braucht, ist eine kollektive Identität der Betroffenen, die aber einen kulturellen Wandel voraussetzt, nicht zuletzt auch in den Gremien des Betriebsrats. Mit der Frage, wie wir uns in hochselektiven und hochvereinzelten Bereichen wie an den Universitäten organisieren sollen, beschäftigt sich ja auch Mayday. Man darf nicht vergessen: Die Uni Wien ist mit 6.700 wissenschaftlichen Mitarbeitern plus 2.000 Beschäftigten im allgemeinen Personal einer der größten Arbeitgeber Österreichs. Wenn sich da kollektive Handlungsweisen entwickeln, könnte das einiges bewirken und vielleicht auch Signalwirkung für andere Bereiche haben.

Apropos allgemeines Personal: Wie sieht da der Austausch mit den wissenschaftlichen Beschäftigten aus?

Sigl: In Wien nur marginal, an anderen Universitäten mehr. Wobei das eine ganz wichtige Achse wäre, weil auch das allgemeine Personal unter den Umstrukturierungen der Vergangenheit zu leiden hat: Die Verwaltung von Drittmittelbeschäftigten ist aufwändiger, zusätzliche Managmentarbeit muss geleistet werden etc. Die Zusammenarbeit der beiden Bereiche sollte prinzipiell intensiviert werden. Solidarität unter allen, die an den Universitäten arbeiten, ist nötig, um den verschiedenen Formen von Prekarisierung entgegenzutreten.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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