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David Hume (1711-1776)

Die Furcht vor dem Unbekannten

David Hume zählte zu den leidenschaftlichsten Religionskritikern seiner Zeit. In seinen philosophischen Schriften bekämpfte er jegliche Glaubensform - Religion war für ihn eine Vergewaltigung der menschlichen Natur. Am 26. April jährte sich der Geburtstag des streitbaren schottischen Philosophen zum 300. Mal.

David Hume 02.05.2011

Alptraum Sünde

Humes tiefgehende Abneigung gegen die Religion hat biografische Wurzeln, die der in Bad Radkersburg lebende Philosoph Gerhard Streminger in seiner umfangreichen Studie „David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter“ beschrieben hat. Darin schildert Streminger, dass die streng religiöse Mutter den Philosophen rigoros nach den Grundsätzen des Calvinismus erzog.

Der Wohnort Humes war damals ein Zentrum des radikalen Calvinismus, also jener Lehre, die das gesamte menschliche Leben von der Sünde ableitet. Von allem Anfang ist der Mensch von der Sünde verdorben und zerfressen. Den sündigen Menschen erwarten Horrorszenarien, die an die Bilder von Hieronymus Bosch erinnern.

So schreibt der calvinistische Prediger Ebenezer Erskine voll Pathos: “Die Bösen werden wie Ziegel in einem brennenden Schmelzofen zusammengepfercht sein. Dort müssen sie sterbend leben und lebend sterben“.

Zitat

„Ein düsterer, verrückter Schwärmer vermag vielleicht nach seinem Tod eine Stelle im Kalender finden, aber zu Lebzeiten wird er kaum jemals zu vertrautem Umgang und zur Gesellschaft zugelassen werden, es sei denn von jenen, die ebenso wahnsinnig sind wir er.“

Wut gegen religiösen Dressurakt

Hume erlebte die religiöse Erziehung als eine Art von Dressur, die so weit führte, dass er als Kind einen Katalog erstellte, in dem er seine Laster aufzählte. Die frühe Bekanntschaft mit der fanatischen Religion des Calvinismus war die Grundlage für Humes lebenslange, tiefgehende Abneigung gegen jede Form der religiösen Indoktrination.

Besonders verhasst waren Hume die mit der fanatischen Religion verbundenen „mönchischen Tugenden“ wie Fasten, Buße, Zölibat oder Schweigen. Darin sah Hume eine Strategie der Verweigerung, die jegliches gesellschaftliches Leben unmöglich machte.

Wissenschaftliche Analyse der Religion

In seinem Buch „Die Naturgeschichte der Religion“ startete Hume einen Generalangriff gegen den Anspruch der Religion, eine göttliche Welt vorzugaukeln. Schon der Titel enthielt eine Provokation, deutete er ja darauf hin, dass Hume die Religion nicht als göttliche Offenbarung betrachtete, sondern eine naturwissenschaftliche Analyse vornahm.

Seine Intention war es, das anthropologische Fundament der Religion freizulegen. Dabei zeigte sich, dass die Furcht vor unbekannten Mächten das Bedürfnis nach Religion auslöst. „Wir sind in diese Welt gesetzt wie in ein großes Theater“, schrieb Hume, „wo uns die wahre Quelle und Ursachen jedes Ereignisses vollkommen verborgen bleiben“.

Kurzbiografie

Geboren wurde David Hume nach dem gregorianischen Kalender am 7. Mai 1711 in Edinburgh. Ab 1726 studierte Hume Rechtswissenschaften an der Universität Edinburgh, brach jedoch bald das Studium ab und vertiefte sich in theologische und philosophische Werke. 1739 erschien sein Hauptwerk „Ein Traktat über die menschliche Natur“, damals eine „Totgeburt“. 1748 reiste er als Privatsekretär des Generals Sinclair auch nach Wien, wo er Kaiserin Maria Theresia kennenlernt. 1763 lebte er in Paris, wo er in einem regen Gedankenaustausch mit führenden Intellektuellen wie Denis Diderot, Jean Baptiste d` Alembert oder Baron d`Holbach stand. 1766 kam es zum Aufsehen erregenden Streit mit Jean-Jacques Rousseau, dem Hume in London Gastfreundschaft gewährte. Am 25. August 1776 starb Hume in „gelassener und heiterer Stimmung“ in Edinburgh.

Toleranter Polytheismus?

Diese existenzielle Unsicherheit, die von der Ambivalenz des Daseins ausgeht, wird dann in der menschlichen Einbildungskraft umgedeutet: Es entsteht die Vorstellung von überirdischen Mächten, die das menschliche Schicksal steuern. Hume ortet in diesem Prozess den Ursprung des Polytheismus, den er als ursprüngliche Religionsform bezeichnet.

Ausführlich beschreibt nun Hume historische Formen des Polytheismus, sie reichen von animistischen Gestalten wie Feen, Elfen oder Gespenstern bis zum Götterpantheon der Griechen und Römer. Das Fazit der Untersuchung lautet: Im Allgemeinen ist der Polytheismus toleranter als der Monotheismus; selbst Menschenopfer in Karthago seien nicht so schlimm wie die grausamen Folterungen, die von der katholischen Inquisition vorgenommen wurden.

Monotheismus oder der Hang zum Schmeicheln

Nach der Analyse der Polytheismus wendet sich Hume dem Monotheismus zu, den er auf eine Hierarchisierung der Götterwelt zurückführt.

Dadurch wird ein psychischer Mechanismus bei den Menschen ausgelöst, den Hume als den Hang zur Schmeichelei bezeichnet; mit „immer neuen Schmeichelausdrücken“, mit „immer pompöseren Lobpreisungen“ wird der neue Heros belegt. Als Beispiel nennt Hume die Jungfrau Maria, die zur ekstatisch verehrten „Mutter Gottes“ avancierte.

Disziplinar-Macht

Der Hang zur Schmeichelei ist für Hume noch eine harmlose Facette des Monotheismus. Weit bedrohlicher ist seine Tendenz, im Namen Gottes das menschliche Leben zu reglementieren. Als Vermittlungsagenten der göttlichen Macht treten dabei die Priester auf, die die Durchsetzung göttlicher Gebote mit allen Mitteln betreiben.

Sie überprüfen das Verhalten der Menschen und entwerfen ein universelles Überwachungssystem, in dem kein Verstoß gegen den Normenkatalog unentdeckt bleibt; Big brother – das göttliche Auge - is watching you. Die monotheistische Disziplinargesellschaft arbeitet mit Zuckerbrot und Peitsche; den Guten erwarten himmlische Freuden, der Böse wird von monströsen Gestalten verschlungen, zerfleischt, gevierteilt, wie es an zahlreichen Portalen romanischer Kirchen abzulesen ist.

Lächerliches

Immer wieder verweist Hume auf die lächerliche Seite des Monotheismus, der in seinen unterschiedlichen Dokumenten von unglaublichen Geschichten und Wundern zu berichten weiß, die märchenhaften Charakter annehmen. Ein besonderes Beispiel solch einer Absurdität ist die Vorstellung der leibhaften Präsenz der Gottheit in Form der Hostie, die natürlich symbolisch gemeint ist. Negiert man jedoch den symbolischen Charakter, kommt es zu jenem Missverständnis, das Hume mit großem Vergnügen beschreibt:

Ein junger Türke wurde dazu überredet, zum Christentum überzutreten. Um seine Glaubensfestigkeit zu überprüfen, fragte ihn der Priester „Wie viele Götter gibt es?“ – Gar keinen“, antwortete Benedict, denn so hieß er jetzt. „Wie? Gar keinen?“ schrie der Priester. „Aber gewiss doch“, sagte der treuherzige Proselyt. „Ihr habt mir die ganze Zeit über immer gesagt, dass es nur einen Gott gibt; und den habe ich gestern aufgegessen“.

Literaturhinweise

Gerhard Streminger: David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter, C.H. Beck
Jens Kulenkampff: David Hume, C.H. Beck
Heiner F. Klemme: David Hume, Junius

David Hume: Ein Traktat über die menschliche Natur, Band1/2, Felix Meiner Verlag
---------------: Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, Felix Meiner Verlag
---------------: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Felix Meiner Verlag
---------------: Die Naturgeschichte der Religion, Felix Meiner Verlag

Humes Erben: Nietzsche, Feuerbach und Marx

Humes Religionskritik wurde dann im 19. Jahrhundert von drei unterschiedlichen Philosophen aufgenommen und produktiv weiter entwickelt. Friedrich Nietzsche sah im christlichen Gottesbegriff die „höchste aller denkbaren Korruptionen“, in dem der Natur und dem menschlichen Leben die Feindschaft angesagt wird.

Ludwig Feuerbach nahm Humes anthropologische Interpretation der Religion auf. Für ihn war Gott eine bloße Projektion des Menschen, ein Wunschbild seiner eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte. Weil der Mensch seine Endlichkeit und Hinfälligkeit nicht akzeptieren konnte, erfand er sich ein allmächtiges Wesen. Und Karl Marx bezeichnete die Religion, in der „die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabte, selbständige Gestalten zu sein scheinen “ als „Opium des Volks“.

Nikolaus Halmer, Ö1-Wissenschaft

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