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Die Waage der Gerechtigkeit

Medikament schwächt die Prinzipien

Die Gerechtigkeit ist nicht nur eine Leistung der Vernunft, sondern auch der Gefühle, schreiben schwedische Neurowissenschaftler in einer Studie: Sie weisen nach, dass Medikamente unser Gerechtigkeitsempfinden verändern können.

Gerechtigkeit 04.05.2011

Geld und Fairness

Wenn Neurowissenschaftler und Psychologen das menschliche Gerechtigkeitsempfinden untersuchen, dann lassen sie ihre Probanden häufig das sogenannte Ultimatum Game spielen. Das Spiel geht so: Ein Spieler erhält einen Geldbetrag, den er mit einem Mitspieler teilen muss.

Wie der Betrag geteilt wird, obliegt der Entscheidung des ersteren. Der andere Spieler kann diesen Vorschlag annehmen oder, wenn er ihm ungerecht vorkommt, auch ablehnen. In diesem Fall wird der Betrag allerdings eingezogen und beide Teilnehmer gehen leer aus.

"Die von uns angebotene Summe betrug 100 Schwedische Kronen", sagt Katarina Gospic vom Karolinska-Institut in Stockholm. Sie hat soeben Versuche mit dem Ultimatum Game durchgeführt und die Reaktionen im Hirn der Probanden mittels funktioneller Magnetresonanztomographie aufgezeichnet.

"Wenn der Vorschlag lautet, den Betrag 50 zu 50 aufzuteilen, nehmen die Spieler dieses Angebot so gut wie immer an. Ein Verhältnis von 80 zu 20 wird hingegen meist als unfair angesehen. In etwa jedem zweiten Spiel lehnen die Spieler dieses Angebot ab - auch wenn sie das 20 Kronen kostet."

Aktives Emotionszentrum

Bisherige Forschungen hatten gezeigt, dass während dieses Spiels vor allem der präfrontale Cortex und die Inselrinde aktiv sind - Regionen, die mit der vernunftgesteuerten Bewertung von Recht und Unrecht zu tun haben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie Gospic und ihre Kollegen herausgefunden haben. In ihren Versuchen zeigte nämlich auch die Amygdala deutliche Reaktionen. Sie gehört zum sogenannten limbischen System, dem Produktionsort von Emotionen, Affekten und Gefühlen.

Um diesen Zusammenhang näher zu untersuchen, starteten die schwedischen Forscher eine zweite Testrunde, bei der einige Teilnehmer vor dem Ultimatum Game den Tranquilizer Oxazepam schlucken mussten. Das Medikament unterdrückt Angstgefühle und beruhigt - was offensichtlich auch Auswirkungen auf den Ablauf der Versuche hatte: Der Wirkstoff senkte nämlich nicht nur - wie erwartet - die Aktivität in der Amygdala, er führte auch zu einer höheren Akzeptanz unfairer Angebote.

Die Probanden lehnten derlei Angebote seltener ab - und das, obwohl sie diese, wie spätere Befragungen zeigten, sehr wohl als unfair empfunden hatten. Ein geschlechtsspezifisches Detail: Männer reagierten auf unlautere Offerten tendenziell aggressiver und lehnten diese häufiger ab als Frauen. Unter dem Einfluss von Oxazepam verschwand dieser Unterschied.

"Ethische Konsequenzen"

Ö1 Sendungshinweis:

"Suchen nach Gerechtigkeit" in Motive - aus dem evangelischen Leben: 1.5., 19:05 Uhr.

"Das ist ein interessantes Ergebnis: Das Gerechtigkeitsempfinden ist keineswegs nur vom präfrontalen Cortex und der Inselrinde abhängig, wie man bisher gedacht hat", sagt Martin Ingvar, der Leiter der schwedischen Forschergruppe. "Und das hat auch ethische Konsequenzen, nachdem Medikamente offenbar unsere alltäglichen Entscheidungen beeinflussen."

Das gilt zumal für die Benzodiazepine, zu denen auch das Präparat Oxazepam gehört: Nach einem Bericht des "International Narcotics Control Board" wurden im Jahr 2006 weltweit mehr als 180 Tonnen dieser Medikamente hergestellt. Einer Umfrage in 35 europäischen Ländern zeigt: Ungefähr acht Prozent aller Schüler haben schon einmal Benzodiazepine geschluckt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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