Standort: science.ORF.at / Meldung: "Eine Paartherapie in der Buchhandlung"

Liebespaar am Meer

Eine Paartherapie in der Buchhandlung

Die Beziehung droht in die Brüche zu gehen? Wer über das nötige Kleingeld und etwas Mut verfügt, kann heute zur Paartherapie gehen. Eine Variante heißt "Imago-Therapie". Wichtigstes Instrument dabei ist der Dialog, bei dem immer nur einer spricht und der andere aktiv zuhört - das funktioniert sogar vor Publikum in einer Buchhandlung.

Liebe 06.05.2011

Zu sehen war dies am vergangen Mittwoch anlässlich der Präsentation eines Buchs, das die beiden Paartherapeuten Roland und Sabine Bösel geschrieben haben.

Ein Dialog, der bewegt

Die Szene, die die beiden miteinander verheirateten Therapeuten bereits zum vierten Mal im nicht gerade intimen Rahmen einer Buchhandlung in Wien geleitet haben: Ein älteres Paar sitzt sich vor Publikum gegenüber, Auge in Auge, die Kniespitzen berühren sich. Einer der beiden beginnt über ein Problem, das ihn bedrückt, nach strikten Kommunikationsregeln zu sprechen - im konkreten Fall ging es um Pünktlichkeit.

Sabine und Roland Bösel

Liewehr

Sabine und Roland Bösel

Nach kurzen Sätzen des Sprechers "spiegelt" die andere Person das Gehörte - d.h. sie hört aktiv zu, versucht zu verstehen und das Gehörte wiederzugeben. Danach fragt sie den Sprecher, ob er sich von ihr gehört fühlt. Das Ganze wiederholt sich unter sachter Dialoganleitung der Therapeuten einige Male, ehe es zu einem Ende - der Sprechende hat alles gesagt, was er sagen wollte - kommt.

Was für den Zuseher anfangs eher seltsam und ein bisschen peinlich war, wird im Verlauf des Abends zum Beweis, dass der Dialog zwischen zwei Menschen eine bewegende Kraft sein kann. Zum Schluss der - kurzen - Dialogdemonstration haben beide Tränen in den Augen. Warum das so ist und wie ihrer Ansicht nach Beziehungen gestrickt sind, verraten Sabine und Roland Bösel in einem science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Ziehen sich in Beziehungen Gegensätze an oder gesellt sich eher Gleiches zu Gleichem?

Roland Bösel: Sowohl als auch, aber das "gleich und gleich" ist die stärkere Kraft. Wenn es kein gemeinsames Grundthema gibt, das anfangs gar nicht ersichtlich sein muss, ist eine dauerhafte Beziehung nicht möglich. Jede Beziehung, die länger als sechs Monate dauert, hat etwas von einer Seelenverwandtschaft.

Worin besteht diese Seelenverwandtschaft?

Sendungshinweis:

Von 30. April bis 6. Mai widmet sich der ORF im Rahmen der Initiative "bewusst gesund"mit seiner gesamten Medienvielfalt den Gesundheitsaspekten von Liebe, Sex und Partnerschaft:
- Liebe ist die beste Medizin

Es geht um die gleichen Themen, die aus der Kindheit stammen, wobei man nicht unbedingt das gleiche erlebt haben muss. Meine Frau und ich kommen z.B. aus zwei Familien, die zu neurotischer Depression neigen. Davon haben wir beide ein bisschen zuviel mitbekommen, was wir anfangs, in der Phase der Verliebheit, natürlich nicht wussten. Nach und nach haben wir gemerkt, dass wir beide Kinder sind mit einer auch traurigen Vergangenheit. Die Schwester meiner Frau ist zwei Jahre vor Sabines Geburt tödlich verunglückt, noch ehe sie geboren wurde. In meiner Familie hatte mein Vater schwere Depressionen, weil er wusste, dass er im Krieg als Nationalsozialist auf der falschen Seite gekämpft und falsch gehandelt hat. Wir hatten beide große Themen, die in unseren Familien nicht aufgearbeitet wurden, wir haben in ihnen auch ähnliche Rollen gespielt.

Geht es bei dieser Suche nach Ähnlichkeit immer um die Vergangenheit oder auch um die Gegenwart, etwa was die Vorgänge in unserem Körper betrifft?

Wir wissen natürlich, dass im Hypothalamus des Gehirns die Sexualtriebe gesteuert werden. Für einen One-Night-Stand genügt mir ein Botenstoff im Hypothalamus. Für eine dauerhafte Beziehung brauche ich aber eine Disposition der Seelenverwandtschaft, sonst geht sie auseinander.

Gar nicht selten gehen Beziehungen dennoch nach längerer Zeit auseinander, Paartherapie ist dann eine Möglichkeit. Was ist das Ziel dabei?

Sich zu begegnen und einen gemeinsamen Ertrag zu finden. Das bedeutet nicht, dass man Kompromisse machen muss, sondern dass sich etwas Neues entwickeln kann. Der gemeinsame Ertrag ist ein Zeichen dafür, dass man vielleicht vom ursprünglichen Thema weggkommt, und sieht: Aha, in Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes. Wenn es einen Gewinner und einen Verlierer gibt, haben beide verloren.

Es geht nicht darum zusammenzubleiben?

Es geht darum, etwas dazuzulernen und zu entwickeln. Viele Paare bleiben zusammen, andere nicht.

Die Trennungsquote nach Paartherapien soll sehr hoch sein ...

Wir sehen viele Paare nicht wieder, insofern kann ich das nicht genau beantworten. Was sicher ist: Jene Paare, die sich entscheiden über eine längere Zeit miteinander etwas zu tun, bleiben zu 80 Prozent zusammen. Natürlich haben diese Paare von vornherein eine Disposition dranzubleiben, sie sind also nicht repräsentativ. Aber nochmal: Das Kriterium des Erfolgs ist nicht das Zusammenbleiben, sondern die Entwicklung. Wenn sich ein Paar gut trennt, freuen wir uns genauso.

Sie haben heute viel über die eigene Beziehung gesprochen, ist das auch Teil des Settings in der Therapie?

Direkt in den Paarsitzungen nicht, da begleiten wir einen Paardialog. Bei öffentlichen Demonstrationen wie heute oder bei Imago-Paarworkshops machen wir das aber schon. Wir haben die Zurückhaltung, die andere Kollegen haben, in dieser Hinsicht aufgegeben. Wir sprechen über unsere Beziehung und sehen, dass das anderen Paaren Mut macht. Eine Theorie mag einleuchtend sein, aber viel griffiger ist es, wenn man sie mit Beispielen aus dem eigenen Leben illustriert. Bei unseren Workshops lernen Paare öffentlich über ihre Gefühle zu sprechen. Im Dialogisieren spielt sich ein Paradigmenwechsel ab: Beziehung ist etwas, worüber man redet und wo man sich miteinander verbindet.

Was bei dem Paardialog auffällt: Nur der Mann hat sein Problem geschildert und wurde von seiner Frau gespiegelt, sie durfte ihre Sichtweise nicht einbringen. Ist das nicht unfair?

Wir raten den Paaren unserer Paardialoge: Wartet eine Nacht ab, schlaft darüber, bevor der oder die andere spricht. Wir wissen, dass sich das Gehirn in der Nacht neu sortiert. Wenn man gleich antwortet, wäre das eher reaktiv. Durch das Abwarten hat das Gehirn Zeit zu verarbeiten, erst am nächsten Tag spricht der andere. Sehr oft hat sich das Thema dann geändert, die Paare sind schon wieder an einem anderen Punkt.

Warum werden bei der Imagotherapie derart formalisierte und floskelhafte Phrasen verwendet wie z.B "ich liebe an dir besonders, dass du ..." und "ich bin frustriert, dass du ...", die im Dialog verwendet werden müssen?

Weil sie oft wie ein Zündschloss wirken, das etwas zündet. Nur ein Beispiel: Ein Paar erklärt uns, dass alles wunderbar sei. Bei unserer Nachfrage nach Sex sagen sie, dass sie seit fünf Jahren keinen mehr gehabt hätten. Was ist daran wunderbar, fragen wir, und sie antworten: Naja, damit haben wir uns abgefunden. Wir haben deshalb einen Dialog kreiiert mit dem Satzanfang: "Was mir meine Mutter über ihre Sexualität mit meinem Vater vermittelt hat, ist ..." Nachdem das Paar diesen Satz verwendet hat, bemerkten sie, dass ihre Eltern niemals glücklich mit ihrer Sexualität waren, sie haben sich dann auch der bisher ungestellten Frage gewidmet, was das mit der eigenen Sexualität zu tun hat. Die Floskel war dazu der Einstieg.

Haben alle Beziehungen, die wir haben, immer mit unseren Eltern zu tun?

Sabine Bösel: Wir suchen unsere Partner nach unseren Kindheitsbetreuern aus. Sämtliche Menschen, mit denen ich längere und intensivere Beziehungen habe - die gute Freundin, der Chef -, decken irgendwelche unerledigte Punkte aus der Vergangenheit ab. Wir sehen das so: 90 Prozent ist die alte Geschichte, die passiert ist, und zehn Prozent ist jetzt und hier, wo etwas abgerufen wird. Man kann Themen natürlich auch erledigen und aufarbeiten, aber etwas Unfertiges kommt immer irgendwie zurück.

Wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, dass sich mit Reden und Dialogen alle Probleme lösen lassen. Stimmt das wirklich, gibt es nicht auch Grenzen der Methode?

Natürlich. Für eine Beziehung ist z.B. Sexualität enorm wichtig. Wenn die beiden nur reden, und es gibt keine körperliche Liebe, schaut es auf Dauer schlecht aus. Ich habe auch schon Paaren gesagt: Jetzt ist es genug mit den tausenden Dialogen, jetzt müsst ihr auch etwas tun. Oder das Thema Gewalt in der Ehe: Wenn ein Paar zwar zu den Sitzungen kommt, sie sich zuhause aber weiter schlagen, muss man einmal die Notbremse ziehen, und schauen, wie man das stoppen kann, notfalls, wenn es überhaupt nicht anders geht, mit einer räumlichen Trennung.

Zum Abschluss: Was bewegt Menschen dazu, sich öffentlich einem Paardialog auszusetzen wie heute?

Die Energie des Paardialogs in der Öffentlichkeit ist besonders stark. Das hat sicher mit sozialer Kontrolle zu tun, denn in der Öffentlichkeit zeige ich gerne das Beste von mir her. Wir kennen das Phänomen auch von der Gruppenarbeit, wo die Energien verstärkt werden. Wenn nette Menschen zusammen kommen, die sich füreinander und für die Paarproblematik interessieren, bildet das einen Rahmen, in dem man mehr zusammenbringt als alleine zuhause. Dass das sogar bei einer Buchlesung funktioniert, hätte ich mir anfangs auch nicht gedacht, ich war durchaus skeptisch.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: