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Ein Paar weiblicher Zwillinge

Zwillingsmütter leben länger

Während Zwillingsgeburten heute oft die Folgen künstlicher Befruchtung und später Mutterschaft sind, waren sie früher ein Ausdruck für die Gesundheit von Frauen. Die bisher größte Studie mit Daten aus dem 19. Jahrhundert zeigt, dass Mütter von Zwillingen damals länger gelebt haben.

Medizin 11.05.2011

Dies habe aber schon in dieser Zeit nicht bedeutet, dass Kinder im Doppelpack ihre Mütter gesünder machen, sondern dass gesunde Frauen eher Zwillinge bekommen, wie die Anthropologin Shannen Robson und der Demograph Ken Smith von der Universität Utah berichten.

Die Studie

"Twinning in humans: maternal heterogeneity in reproduction and survival" von Shannen L. Robson und Ken R. Smith ist in den "Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences" erschienen (sobald online).

Späte Mütter, künstliche Befruchtung

In den Großstädten westlicher Industrientationen kann man sie seit einigen Jahren immer öfter sehen: Mütter in den Mitvierzigern, die Zwillings- oder Mehrfachbuggies durch die Parkanlagen schieben oder - im finanziell noch besser gestellten Fall - von Kindermädchen schieben lassen. Späte Mutterschaft ist ein Phänomen unserer Tage, das vor allem besser verdienende Frauen betrifft, die erst ihrer beruflichen Laufbahn nachgehen und dann ein Kind bekommen.

Oft bleibt es dabei nicht bei einem: Ältere Mütter bekommen deutlich öfter Zwillinge oder Mehrlinge als ihre jüngeren Geschlechtsgenossinnen. Das liegt an der paradoxen Tatsache, dass die Fruchtbarkeit bei älteren Frauen zwar abnimmt, sie aber öfter zweieiige Zwillinge austragen. Als Grund dafür haben niederländische Mediziner vor fünf Jahren in einer Studie entdeckt, dass sie mehr Hormone eines bestimmten Typs produzieren, das die Eizellreifung auslöst. Dadurch kommt es häufiger zu zwei Eisprüngen innerhalb eines Zyklus'. Obwohl in der damaligen Studie künstlich befruchtete Frauen untersucht worden waren, sind von dem Hormonanstieg alle Frauen in der Endphase ihres reproduktiven Lebens betroffen.

Größter Datensatz zu Zwillingsgeburten bisher

Mit ihrer aktuellen Studie wenden sich Shannen Robson und Ken Smith an eine Zeit vor der künstlichen Befruchtung und vor den sozial erklärbaren "late mums" der Gegenwart. Sie haben das Phänomen anhand der bisher größten Datensammlung zu historischen Zwillingsmüttern untersucht: Sie beruht auf der Utah Population Database mit Informationen von 1,6 Millionen Menschen, die zwischen 1800 und 1970 im US-Bundesstaat Utah auf die Welt gekommen sind.

Aus methodischen Gründen wählten die Forscher die Daten von rund 60.000 Frauen aus, die mindestens 50 Jahre alt wurden, nur einmal verheiratet waren und in monogamen Beziehungen lebten (in Utah leben viele Mormonen in Polygamie). Knapp acht Prozent dieser Frauen brachten Zwillinge auf die Welt. Das Sample von rund 4.600 Frauen mit Zwillingen ist "der größte historische Datensatz zu natürlicher Fruchtbarkeit, der in dieser Hinsicht jemals veröffentlicht wurde", unterstreicht Robson in einer Aussendung.

Älter, kinderreicher, längere Reproduktionsspanne

Die Ergebnisse ihrer Auswertung: Die Zwillingsmütter lebten länger als die Mütter von nur einem Kind. Für die vor 1870 geborenen Frauen war das Sterberisiko nach dem 50. Lebensjahr um 7,6 Prozent geringer als für die Einlingsmütter, zwischen 1870 und 1899 um 3,3 Prozent. Im Verlauf ihres Lebens bekamen die Zwillingsmütter außerdem auch insgesamt mehr Kinder - also nicht nur das eine "unerwartete" Zwillingskind, sondern auch mehr Einlingskinder.

Die Zeit zwischen zwei Geburten war darüber hinaus bei den Zwillingsmüttern um durchschnittlich zwei Wochen kürzer. Das klinge kurz, sei aber bedeutend, schreiben die Forscher. Eine kürzere Zeitspanne zwischen den Geburten sei ein Zeichen für eine bessere Gesundheit der Mutter.

Auch auch die gesamte Fortpflanzungsspanne - errechnet aus dem Alter bei der letzten Geburt minus dem Alter bei der ersten Geburt - war bei Zwillingsmüttern um einige Monate länger als bei Einlingsmüttern. Und schließlich waren die Zwillingsmütter zum Zeitpunkt ihrer letzten Niederkunft im Schnitt auch älter als die anderen.

Zwillinge sind kein Jungbrunnen

Smith und Shannen folgern aus all diesen Resultaten, dass Mütter von Zwillingen grundsätzlich eine bessere Konstitution haben. Die historischen Daten lassen diesen Schluss zu, betonen die Forscher. Wie sich die Zwillingsgeburten auf die Gesundheit der Frauen heute auswirken, "die Zugang zu künstlicher Befruchung haben, wissen wir aber ganz einfach nicht", sagt Ken Smith.

Eine Handlungsempfehlung nach dem Motto "Versuchen Sie die Wahrscheinlichkeit von Zwillingen zu erhöhen, dann leben Sie länger" wollen die Forscher definitiv nicht abgeben.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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