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Ältere Frau und junger Mann auf der Bühne

Liebe ist ... eine Bühne für zwei Hartnäckige

Was ist die Liebe? Diese Frage hat schon viele Philosophen umgetrieben, von Plato über Kierkegaard bis Erich Fromm. Der Franzose Alain Badiou reiht sich nun in die prominente Schar seiner Vorgänger. Wie schon der Titel seines aktuellen Buchs verrät, spricht er ein "Lob der Liebe" aus: Um diese "Bühne der zwei" zu erhalten, braucht es aber Hartnäckigkeit.

Philosophie 13.05.2011

Hier gibt es keine Vollkaskoversicherung

Das Festival von Avignon ist ansonsten bekannt für Theater- und Tanzaufführungen, doch im Jahr 2008 trafen sich dort der Philosoph Alain Badiou und der Journalist Nicolas Truong, um über die Liebe zu sinnieren. "Lob der Liebe" ist eine Umgestaltung dessen, was an dem Tag gesagt wurde, und es wirft den Leser unvermittelt ins damalige Tagesgeschehen.

Alain Badiou

Porträfoto von Alain Badiou

Passagen-Verlag

Alain Badiou, geboren 1937 in Rabat, Marokko, lebt als Philosoph, Mathematiker und Romancier in Paris.

Das Buch:

"Alain Badiou: Lob der Liebe. Im Gespräch mit Nicolas Truong", herausgegeben von Peter Engelmann erscheint am 16.5. im Passagen Verlag.

Badiou echauffiert sich gleich zu Anfang über eine französische Partnerbörse, die eine Art Vollkaskoversicherung in Sachen Liebe verspricht. Man müsse nur richtig kalkulieren, das Foto, die Vorlieben, das Sternzeichen des potenziellen Partners vergleichen, dann könne nichts mehr schief gehen. Doch für Badiou ist die Liebe ohne Leid unmöglich.

"Das erscheint mir wie die Propaganda, die die amerikanische Armee zu einem bestimmten Zeitpunkt für den Krieg 'ohne Tote' gemacht hat."

Eine Welt, die vom Unterschied ausgeht

Die Liebe sei in Gefahr durch unseren Wunsch nach Sicherheit - und nicht nur dadurch. Genauso gefährlich findet er, ihr jede Bedeutung abzusprechen und sie als eine Variante des Hedonismus anzusehen. Wer leidet, ist demnach selber schuld und hat sich emotional zu sehr abhängig gemacht.

Er stemmt sich auch gegen die Vorstellung, die Liebe als biologisches Trugbild anzusehen - ein Trick der Evolution, der uns mit Hilfe von Liebeshormonen aneinander bindet, damit wir gemeinsam Nachwuchs erzeugen.

Solche Definitionen von Liebe lässt Badiou nicht gelten. Doch was meint er dann mit diesem Begriff, der dank unzähliger Liebesgeschichten so verwaschen und verschlissen ist wie eine alte Jeans?

"Was ist die Welt, wenn man sie zu zweit und nicht alleine erfährt? Was ist das für eine Welt, die ausgehend vom Unterschied und nicht von der Identität erforscht, praktiziert und gelebt wird? Ich denke, dass das die Liebe ist."

Ein Lob der Hartnäckigkeit

Badiou nennt die Liebe eine "Bühne der zwei", mit dem sich das Theater des Lebens von einem anderen Gesichtspunkt erfahren lässt. Sie gibt uns die Chance, uns über Einzelinteressen und unseren Selbsterhaltungstrieb hinwegzusetzen. In der Liebe würden die Partner nicht zu einer Einheit verschmelzen, wie oft gesagt wird. Im Gegenteil: Für Badiou zelebriert die Liebe den Unterschied, und je größer der Unterschied zwischen zwei Liebenden, desto mehr ergreift uns ihre Geschichte. Romeo und Julia lassen grüßen.

Doch Erfüllung findet die Liebe nicht im Tod, sondern in der Beständigkeit.

"Sagen wir, die Liebe ist ein hartnäckiges Abenteuer. Die abenteuerliche Seite ist notwendig, aber die Hartnäckigkeit ist es nicht weniger. Wenn man es beim ersten Hindernis bleiben lässt, bei der ersten ernsthaften Meinungsverschiedenheit, bei den ersten Problemen, dann ist das nur eine Entstellung der Liebe."

Die Liebe kniet nicht

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Buch von Alain Badiou widmet sich auch ein Beitrag in Kontext - Sachbücher und Themen: 6.5., 9:05 Uhr.

Badiou zeigt sich in "Lob der Liebe" als scharfer Beobachter und kunstvoller Wortklauber. Doch im Verlauf des Buchs üben sich die Gesprächspartner so sehr im Namedropping - von Lacan bis Derrida, von Mallarmé bis Rimbaud - dass man am liebsten Sekundärliteratur konsultieren möchte. Er verliert sich dabei in Philosophenjargon und immer komplexeren Satzbauten. Der flüchtige Leser kann dabei übersehen, was für schlaue Dinge Badiou dann doch zu sagen hat.

Das zeigt sich vor allem in den letzten, sehr persönlich gehaltenen Kapiteln, wo Badiou seine Liebe zum Kommunismus und zum Theater ausbreitet, zwei seiner großen Leidenschaften. Doch in der Politik sieht Badiou die Liebe fehl am Platz, ganz in marxistischer Tradition. Schließlich ist der Gegensatz zum Klassenfeind unversöhnlich.

Liebe ist für Badiou weder eine politische, noch eine religiöse Kategorie. So sieht er auch das christliche Credo "Liebe deinen Feind" als Trick. Das Christentum habe es damit geschafft, die Macht der Liebe zugunsten seiner Kirche auszunutzen. Die Liebe im Christentum sei passiv, devot und gebeugt und damit keine richtige Liebe mehr.

"Eine kniende Liebe ist für mich keine Liebe, selbst wenn wir manchmal in der Liebe die Leidenschaft verspüren, uns dem, den wir lieben, auszuliefern."

"Die Liebe ist ein Denken"

Badiou gibt der Welt den Ratschlag, die Liebe gegen all diese Gefahren und Missdeutungen neu zu erfinden - doch klare Aussagen dazu lässt er oft vermissen. Eher gefällt er sich in der Rolle des Zen-Meisters, dessen Weisheiten sich nicht immer fassen lassen. So beschließt er seine Ausführungen mit einem Spruch des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa: "Die Liebe ist ein Denken." Welche große philosophische Wahrheit sich dahinter verbergen soll, bleibt unklar.

"Lob der Liebe" gibt einen komplexen und zuweilen verwirrenden Einblick in das Denken des Philosophen Alain Badiou - keine Wohlfühl-Lektüre, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Wer so etwas sucht - und im Who is Who der französischen Philosophen nicht so bewandert ist - wird vielleicht mit der "Kunst des Liebens" von Erich Fromm besser beraten sein.

Raffael Fritz, Ö1 Wissenschaft

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