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ein punkt und noch drei punkte

Vom Punkt zu den drei Pünktchen ...

Philosophen machen üblicherweise gerne einen Punkt: Sie klären Begriffe, machen Aussagen, ziehen Schlüsse, Punkt. Ihr Werkzeug ist die Sprache. Doch nicht nur Wörter, sondern bereits Satzzeichen können philosophische Grundsätze entscheiden. Der Schweizer Philosophin Christine Abbt haben es besonders die Auslassungspunkte angetan ...

Philosophie 27.05.2011

Wie unterschiedlich diese drei Pünktchen von Autoren verwendet wurden, zeigt sie in einem vor kurzem erschienenen Buch. Die Auslassungszeichen markieren einen philosophischen Grabenkampf, bei dem das Verständnis von Sprache auf dem Spiel steht, meint sie in einem science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Einer der wenigen Philosophen, die sich mit Satzzeichen beschäftigt haben, war Adorno: Welche Rolle haben sie bei ihm gespielt?

Porträtfoto der Philosophin Christine Abbt

privat

Christine Abbt war von 2006 bis 2011 Assistentin und Dozentin am Lehrstuhl für Politische Philosophie der Universität Zürich und ist derzeit Research Fellow am IFK Wien.

Buch zum Thema:

2009 ist das Buch "Punkt, Punkt, Komma, Strich?" im transcript Verlag erschienen, herausgegeben von Christine Abbt und Tim Kammasch (Leseprobe).

Christine Abbt: In dem Artikel "Satzzeichen" aus dem Jahr 1956 thematisiert Adorno drei Dimensionen: die Geste, die Gestalt und die Bedeutung von Satzzeichen. Mit Geste meint er die Haltung des Autors, der verschiedene Zeichen verwendet. Mit der Gestalt greift er die Bildlichkeit und Sinnlichkeit der Zeichen auf: Der Doppelpunkt erinnert ihn an eine "Verkehrsampel", der Strichpunkt an einen "herunterhängenden Schnauzbart", er löst bei ihm einen "Wildgeschmack" aus. Satzzeichen sind darüber hinaus natürlich auch selbst Träger von Bedeutung und an der Sinnnkonstitution maßgebend beteiligt - an dieser Systematisierung Adornos haben sich später einige Philosophen orientiert.

In der Literatur war Adorno kein großer Fan von Satzzeichen. Er riet dazu, besser zu wenige als zu viele zu verwenden ...

Einige Satzzeichen mochte er dennoch, etwa den Strichpunkt oder den Gedankenstrich, der für ihn den "Fragmentcharakter" eines Gedankens verdeutlicht. Aber bei anderen war er wirklich sehr skeptisch, etwa gegenüber den Ausrufezeichen oder den Auslassungspunkten. Wenn die Sprache nicht aus sich selbst heraus etwas zustandebringt, dann nützt auch der Einsatz eines Satzzeichens nichts. Das war für Adorno die bloße Inszenierung eines Scheins - etwa die Unendlichkeit der Gedanken mit Hilfe von Auslassungspunkten oder der Nachdruck eines Gedankens mit Ausrufezeichen, wie sie etwa Nietzsche so oft verwendet hat.

Wie haben sich Satzzeichen historisch in der Schrift etabliert?

Bereits Aristoteles spricht in seinen Rhetorikvorlesungen von "Einstichen" und bezieht sich dabei auf die Kommata-Setzung in den Texten von Heraklit. Auch wenn die Geschichte der einzelnen Satzzeichen sehr unterschiedlich verläuft, so ist das 18. Jahrhundert in Bezug auf Rechtschreibung und Zeichensetzung in der deutschen Sprache wichtig. Johann Christoph Adelungs "Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart" führt die unterschiedlichen typographischen Formen der Satzzeichen nicht nur minutiös auf, sondern bestimmt auch den richtigen Gebrauch derselben. Etwas früher schon, 1762, war Johann Christoph Gottsched der Meinung, dass im Deutschen einige Satzzeichen fehlen, die gerade für die Philosophie wichtig sind, ein Zeichen für Staunen z.B. oder für Mitleid. Solche Überlegungen haben den Blick geschärft für das Sprachgeschehen als eines, das mit Schrift-Bildlichkeit und Zeichensetzung zu tun hat.

Sie haben sich konkret mit den Auslassungszeichen beschäftigt, den berühmten drei Punkten. Was war ihre historische Herkunft?

Bis ins 18. Jahrhundert wurde herumexperimentiert: Es gab drei Punkte in der Diagonale, vier Punkte übers Kreuz, mitunter wurden Sternchen verwendet etc., bevor die drei bis heute verwendeten Punkte herauskamen. Die Funktion war aber die gleiche, sie dienten als Stellvertreter für fehlende Namen oder fehlende Teile in der Sprache, hatten eine Art Formularfunktion. Die Auslassungszeichen standen für etwas Bestimmtes, das später nachgeliefert oder aus Raumgründen weggelassen wurde. Im Grunde waren sie also ökonomische Zeichen. Im späten 18. Jahrhundert entwickelten sie dann ein Eigenleben, sie wurden zu einem Stilmittel, das Gefühle ausdrücken und verstärken sollte. Im Impressionismus wurden die Punkte zu einer richtigen Modeerscheinung, die in der Folge auch Autoren wie Arthur Schnitzler oder Robert Musil häufig verwendeten, sehr zum Leidwesen von Adorno, den das schrecklich gestört hat.

In der Literatur sollen die Auslassungszeichen das Gefühl der Leser verstärken, welche Rolle spielen sie in der Philosophie?

Sie werden zu der Geste, dass Sprache nicht mit Erleben zusammenfällt, dass wir also etwas erleben, empfinden und wahrnehmen können, was nicht exakt in Sprache übersetzt werden kann. Die Auslassungspunkte nehmen in der Schrift Partei für moderne Sprachkritik. Sie markieren die Grenze von Sprache und zeigen gleichzeitig, dass mit allen Mitteln sprachlich gegen diese Grenze angegangen werden soll. Heidegger verwendet in seinem Aufsatz "Was ist Metaphysik?" die drei Punkte immer dort, wo er auf jenen Horizont verweist, vor dem sich Sprache erst realisiert. Dieser Horizont ist dem Einzelnen, so Heidegger, in Gefühlen wie der Langeweile oder der Angst gewahr. In seinen Texten zeigt sich dieser nicht auf den Begriff zu bringende Horizont nur mehr in den drei Punkten. Heideggers Ontologie ist nicht zuletzt an der Verwendung der Auslassungszeichen auszumachen. "Wir haben Angst vor ..." Mit den Punkten wird angezeigt, es gibt etwas, was über Sprache hinausgeht.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 27.5., 19:06 Uhr.

Bevor es zu diesen drei Punkten gekommen ist, hat die Philosophie gerne "einen Punkt gemacht". Wie ist der Übergang erfolgt?

Das Lieblingszeichen einer langen philosophischen Tradition ist in der Tat der Punkt. Die zentrale Auffassung dahinter lautet: Pro Gedanke gibt es einen Satz, der einen Sinn aussagt. Der Punkt dahinter markiert sein Ende und die Ankündigung: Jetzt kommt der nächste. Mit dem Schritt zu drei Punkten kommen nun eine neue Vielheit und Dynamisierung ins Spiel. Sie deuten dem Leser oder der Leserin an: Es gibt viel mehr zu denken und zu empfinden, als da je stehen kann in einem Text. Die sprachkritischen Texte der Moderne haben nach einer Sprache gesucht, die es schafft, diese Brüchigkeit und die Grenzen der Begrifflichkeit in das Schriftbild zu integrieren, ohne sie wieder auf einen Begriff zu bringen. Die Punkte machen die Brüchigkeit jeder Verständigung optisch unübersehbar und sensibilieren für das, was Sprache antreibt, aber nicht vollkommen in Sprache aufgeht.

Bei den vermeintlich harmlosen drei kleinen Pünktchen tut sich ein "philosophischer Grabenkampf" auf, wie Sie es in ihrem Buch nennen, der sich um das Sprachverständnis dreht. Welche beiden Seiten gibt es hier?

Die Auslassungspunkte kommen besonders gehäuft bei jenen philosophischen Texten vor, die um Sprachgrenzen ringen. Nach dem Linguistic Turn im 20. Jahrhundert, wonach alles Sprache ist, werden die Punkte durch die kleinen Striche im Anführungszeichen ersetzt. Wenn die Differenz zwischen Erleben und Sprechen abgelehnt wird, dann werden auch die Punkte, die in der Moderne diese Unterscheidung bekräftigen, problematisch.

In den Texten der Dekonstruktion von Derrida kommen die drei Punkte nur noch dort vor, wo sie als Vorlage für die Kritik genommen werden. "Was ist ...? Ursprungsfrage." Die Punkte erscheinen bei Derrida in den Fragen der traditionellen Philosophie, gegen die nun angegangen wird. Wo sich das Denken an identischen Begriffen dekonstruktiv abarbeitet - also an Begriffen, die vorgeben, dass man genau weiß, was sie bedeuten - werden die drei Punkte nicht verwendet.

Dafür beginnt mit der Dekonstruktion die "epochale Herrschaft der Anführungsstriche", wie es bei Derrida heißt. Diese stehen für eine fremde Rede und betonen die Nachträglichkeit und Fremdheit von allem Gesagten, von Schrift und Sprache. Derrida betont, dass man keine Sprache hat für sich selbst, dass man immer schon in einem sozialen Gefüge drin ist, dass Sprache selbst eine soziale Ordnung ist und eine Privatsprache unmöglich. Daher ist die eigene Rede immer auch eine fremde, eine, die von "unsichtbaren" Anführungszeichen umgeben ist.

Sprache und ihre Zeichen ändern sich stetig: Gibt es aktuelle Beispiele, wie sich die Philosophie mit Satzzeichen beschäftigt?

Der New Yorker Philosoph Eugene Gendlin versucht in seinen Texten, einen körperlich empfindbaren Sinn ("body felt sense") zu beschreiben, und verwendet dazu fünf unterstrichene Punkte. Sie markieren Leiblichkeit, die in Sprache mitwirkt. Im Buch diskutiert Donata Schoeller diese Neuschöpfung eines philosophischen Zeichens. Ich halte das für ein schönes Beispiel dafür, dass auch in der Gegenwart nach Zeichen oder Formen gesucht wird, die für einen Gedanken oder eine Überzeugung schriftbildlich agieren.

Smileys und Emoticons aus der IT-Welt tun genau dies und lösen in etwa das ein, was Gottsched vor 200 Jahren eingefordert hat: Warum werden sie in der Philosophie nicht verwendet?

Vermutlich weil die westliche Philosophie seit ihren Anfängen sehr vorsichtig ist gegenüber von Bildern, seien es die Metaphern oder die Ikonographie. Und ebenso vorsichtig ist sie gegenüber populären Praktiken. Ganz grundsätzlich bemüht sich Philosophie im besten Fall um Differenzierung. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Smiley global durchgesetzt hat und die Effizienz, mit der es so komplexe Phänomene wie Ironie ausdrückt, wirkt philosophisch in jedem Fall zunächst einmal suspekt. Die differenzierte Beschäftigung mit den Zeichen, auch mit den Emoticons, ist philosophisch hingegen durchaus legitim.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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