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Pasterzenzunge, bereits ausgeapert im Mai 2011

Schlechte Aussichten für die Gletscher

Deutlich früher als sonst berichtet Gletscherforscher Heinz Slupetzky in seinem "Tagebuch" über den diesjährigen Zustand der Gletscher. Der Grund dafür: Die Prognosen sind schon jetzt sehr ungünstig, denn der letzte Winter hat viel zu wenig Schnee gebracht, den die "eisigen Riesen" dringend zur Regeneration gebraucht hätten.

Gletschertagebuch 2011 23.05.2011

Nur wenig Schnee auf den Gletschern

Von Heinz Slupetzky

Porträtfoto Heinz Slupetzky

Universität Salzburg

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geographie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte. Für science.ORF.at führt er seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Es ist das zweite Mal nach dem negativen Rekord an Schneehöhe am 1. Mai 2007, dass das Gletschertagebuch - in dem alljährlich über den Zustand der Tauerngletscher berichtet wird - so früh begonnen wurde.

Die Vorzeichen für die Gletscher sind heuer schon jetzt ungünstig. Der diesjährige Winter 2010/11 hat nur wenig Schneerücklage gebracht. Dabei sind es ja das Winterhalbjahr und die beiden ersten Frühjahrsmonate, die für den Gletscher die Zeit der Einnahme bedeuten, mit denen der Verlust durch die Abschmelzung im Sommer ausgeglichen werden müsste.
Nur ein kühles Frühjahr mit wenig Sonnenschein, sodass die Eis- und Schneeablation gering bleibt, wäre eine bessere Voraussetzung für die Gletscher, bevor die sommerliche Gletscherschmelze beginnt.

Geringe Schneehöhen auf den Gletschern

Weitgehend den ganzen (niederschlagsarmen) Winter hindurch blieben die Schneehöhen auf den Gletschern unter dem langjährigen Durchschnitt. Auch im April und Mai ist das sonst auftretende sekundäre Niederschlagsmaximum im Hochgebirge ausgeblieben.

Grafik der Schneehöhen von 1964 bis 2011

Heinz Slupetzky

Rote Säule: zweitgeringste Höhe 2,40 m; orange Säule: geringster Wert von 2,20 m.

Am 1. Mai lagen am Messpunkt am Unteren (Eis-) Boden des Stubacher Sonnblickkeeses in den mittleren Hohen Tauern nur 2,40 Meter Schnee (siehe Grafik oben), das ist der zweitgeringste Wert seit Beginn der Messreihe 1964. Gegenüber dem Mittelwert von 4,54 Meter sind es heuer um 2,14 Meter weniger, d.h. weniger als die Hälfte!

Der Stubacher Sonnblickkees im Mai 2011

Wilhelm Andel

Stubacher Sonnblickkees: Dunkle Felsrippen zeigen die geringe Schneedecke.

Vom 1. April auf den 1. Mai dieses Jahres nahm die Schneehöhe um 40 Zentimeter ab. Das ist sehr ungewöhnlich, in "guten Zeiten" kamen im April ein bis drei Meter Schnee dazu. Am 6. Mai 1979, dem bisherigen positiven Rekord seit 1964, gab es mit 7,80 Meter mehr als die dreifache (!) Schneehöhe.

Im Gelände ist deutlich sichtbar, wie wenig Schnee heuer liegt. Das ist nicht nur an der schon jetzt hoch liegenden "temporären" Altschneegrenze zu sehen, sondern auch beim Stubacher Sonnblickkees an Felsrippen im Gletscher, die heuer schneefrei geblieben sind. Am Ödenwinkelkees ragen die größeren Felsblöcke, die auf dem Gletscher liegen, heraus, während sie sonst völlig unter Schnee verschwunden sind.

Die hohe Schneegrenze im Stubachtal

Wilhelm Andel

Stubachtal: Bis ungewöhnlich hoch oben ist das Gelände schon schneefrei.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell, 23.5., 13:55 Uhr.

Bei der weiter östlich vom Stubacher Sonnblickkeeses gelegenen Wetterstation auf dem Rauriser oder Hohen Sonnblick wurden am 1. Mai 2,35 Meter gemessen. Das ist nur wenig mehr als der geringste Wert von 2,20 Meter 1996 und 1971 (Daten der Messreihe von der ZAMG).

In den Ötztaler Alpen wird der Hintereisferner seit Beginn der 1950er Jahre intensiv erforscht. Am 1. Mai war die Schneehöhe auf diesem Gletscher um rund ein Drittel weniger als normal (Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck). Die südlichen Gletscher und die nördlich am Alpenhauptkamm - wie der Hintereisferner - haben von den winterlichen Schneefällen aus dem Süden profitiert.

Früher Abschmelzbeginn

Die Pasterzenzunge im Mai 2011

Gerald Lesacher

Paterzenzunge: Schon Anfang Mai begann die Eisabschmelzung.

Zur Webcam der Kürsinger Hütte:

Die grauen Flächen (so kein Neuschnee vorhanden ist) auf der Gletscherzunge zeigen an, dass hier der Schnee schon weg ist und die Ausaperung begonnen hat

Auf den größeren Talgletschern, wie dem Hintereisferner und die Pasterze, ist die Ausaperung schon relativ weit fortgeschritten, die Eisabschmelzung hat begonnen.

Die Eisheiligen werden diesen Prozess wohl nur kurzfristig unterbrechen. Heuer traf diese markante kühle Phase recht pünktlich um die übliche Zeit ein. An der Rudolfshütte betrug die Neuschneesumme vom 14./15. nachts bis 17. Mai 61 Zentimeter, es schneite zum Teil bis unter 1200 Meter herab.

Die Tauerngletscher kamen "in den Genuss" von Neuschnee von 50 bis 100 Zentimeter. Die Abschmelzung des Altschnees auf den Gletschern wurde dadurch erheblich unterbrochen.

Schlechte Voraussetzungen für 2011

Ödenwinkelkees im Mai 2011

Wilhelm Andel

Ödenwinkelkees: Die Schneedecke auf dem Gletscher ist heuer nur dünn.

Weniger als die Hälfte (Alt-) Schnee gegenüber dem langjährigen Durchschnitt am 1. Mai (auf den Tauerngletschern) ist kein guter Start in die Abschmelzperiode. Nur ein kaltes Spätfrühjahr könnte den raschen Abbau der Winterschneedecke und die Eisabschmelzung bremsen, um Ende Juni/Anfang Juli mit "normalen" Schneehöhen in den Sommer zu gehen. Wenn das nicht eintritt, kann nur mehr ein sehr kühler, verregneter Sommer die Gletscher vor einem neuerlichen (deutlichen) Massenverlust retten.

Die Bilanz wird erst Ende des Sommers gezogen. Dann wird es sich weisen, ob die Tendenz zu einem wärmeren Klima anhält und damit die immer länger werdende Serie von Jahren mit einem Massenverlust ohne wesentliche Unterbrechung weitergeht. Ein solches Szenario (das ist keine Prognose) wäre keine Überraschung.

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