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Frauenlob in der großen Heidelberger Liederhandschrift

Vor 700 Jahren: Literatur trifft Wissenschaft

Um 1300 entstand der "Marienleich": ein 20-strophiges Lobesgedicht auf die Gottesmutter Maria, das lange Zeit als verrückt und völlig unverständlich galt. Erst vor wenigen Jahren wurde sein Schöpfer, Heinrich von Meißen ("Frauenlob") von der Germanistik rehabilitiert - völlig zu Recht, wie die Germanistin Michaela Wiesinger in einem Gastbeitrag schreibt.

Germanistik 20.05.2011

Frauenlob, so ihr Befund, war nicht nur auf den Gebieten der Musik, der Mathematik und der Theologie bewandert. In seiner Dichtung finden sich auch zahlreiche naturwissenschaftliche - oder wie es damals hieß: naturphilosophische - Bezüge.

Ein würdiges Ende

Von Michaela Wiesinger

Über die Autorin:

Porträtfoto der Germanistin Michaela Wiesinger

Michaela Wiesinger

Michaela Wiesinger ist Assistentin in Ausbildung am Institut für Germanistik der Universität Wien (derzeit freigestellt) und zurzeit Junior Fellow am IFK Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 23.5. hält Michaela Wiesinger einen Vortrag mit dem Titel "Frauenlob und die Schwierigkeit, etwas zu wissen".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Klagende Frauen trugen im November 1318 Heinrich von Meißen genannt Frauenlob zu seiner letzten Ruhestätte und schütteten so viel Wein über seinem Grab aus, dass der Kreuzgang des Mainzer Doms, in dem der hoch angesehene Dichter beigesetzt wurde, davon regelrecht überflutet war.

Dies sagt zumindest die Legende, die sich bereits 30 Jahre später um seinen Tod rankte und in einem Nachtrag zur Chronik des Matthias von Neuenburg nachzulesen ist. Die Grabplatte mit dem genauen Sterbedatum findet sich noch heute im Mainzer Dom.

Zwischen Spott und Anerkennung

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Frauenlob von der Forschung als unlesbar bezeichnet. Er weist pathologische Züge auf, meinte etwa Ludwig Pfannmüller, der eine Edition der Werke Heinrichs von Meißen für unwahrscheinlich hielt, da er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand sein Leben auf Frauenlob verschwenden würde.

Zugegebenermaßen bereiten seine metaphernreiche Sprache und sein schwer verständlicher, dunkler Stil auch heute noch interpretatorische Schwierigkeiten, doch geht man mittlerweile nicht mehr von einem geisteskranken Autor sinnentleerter Verse aus, sondern schätzt Frauenlob als den Menschen, der er war: als sehr gebildeten Gelehrten und kunstfertigen sowie musikalisch erfahrenen Dichter.

Echt oder unecht?

Frauenlobs umfassendes Werk ist zwar in zahlreichen Handschriften, aber nicht geschlossen überliefert. Aufgrund vieler Nachahmer, die bereits früh Frauenlobs charakteristischen Stil imitierten, gestaltet sich die Trennung zwischen "echten" und "unechten" Frauenlobstrophen immer noch schwierig.

Einen unverzichtbaren Beitrag zur Aufarbeitung der Texte Heinrichs von Meißen leisteten in den 1980er Jahren Karl Stackmann und Karl Bertau. Sie machten das von Pfannmüller als unmöglich bezeichnete möglich und edierten Frauenlobs Werk. Das Ergebnis ist eine zweibändige Gesamtausgabe samt Kommentar und ein eigenes Frauenlob-Wörterbuch, welches das Lesen und Verstehen dieser schwierigen Texte seither erleichtert.

Keine Leichen sondern "Leichs"

Meister Heinrich Frauenlob in der großen Heidelberger Liederhandschrif

gemeinfrei

Meister Heinrich Frauenlob in der großen Heidelberger Liederhandschrift

Drei große Werke finden sich innerhalb des frauenlobschen Gesamtwerks, denen in den letzten Jahren auch die meiste Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Dabei handelt es sich um komplexe Dichtungen in der lyrischen Großform der mittelhochdeutschen Literatur, die als "Leichs" bezeichnet werden. Bereits Karl Bertau wies darauf hin, dass er es vermeide von "Leichen" zu sprechen, obwohl dies der korrekte Plural wäre, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen.

Frauenlob dichtete drei Leichs: Im Marienleich wird kunstvoll die Mutter Gottes gepriesen, der Minneleich hat das Lob der Frau zum Inhalt, im Kreuzleich werden die Trinität, das Kreuz Christi und die Heilsgeschichte besungen.

In den Leichs unterstreicht Frauenlob immer wieder die zentrale Rolle Marias als Mutter und damit auch als Frau im Allgemeinen. Dies steht in direktem Zusammenhang mit seinem Beinamen und erklärt auch, warum gerade die Frauen bei der Schilderung seines Begräbnisses im Vordergrund stehen.

"Verführer zu einer gränzenlosen Auslegung"

Das sagt Karl Stackmann nicht zu Unrecht. Frauenlobs Bildsprache ist komplex und seine Metaphern weisen eine Tendenz zur Verselbstständigung auf, wenn man sie nicht zu deuten weiß. Alles, was dann bleibt, ist die Oberfläche der Form, die jedoch selbst viele Rätsel aufgibt: Frauenlob erfindet neue Wörter, er verkürzt, verdichtet, häuft Reime und stellt sowohl Syntax als auch Semantik auf den Kopf.

Dennoch sind die Bildkompositionen nicht dem Zufall überlassen, wörtliche und übertragene Bedeutung sind nicht unverbunden. Die Deutung dieser Sprachbilder setzt jedoch voraus, dass der/die Leser/in das historische Umfeld der Texte kennt. Da das aber nicht immer möglich ist, werden wohl viele Stellen in Frauenlobs Werk noch länger als sehr dunkel und unzugänglich gelten.

Himmel und Erde

Der Anfang des Marienleichs in der großen Heidelberger Liederhandschrift

gemeinfrei

Der Anfang des Marienleichs in der großen Heidelberger Liederhandschrift

Auch die Naturphilosophie spielt innerhalb dieses dichten Netzes an Anspielungen und Metaphern eine große Rolle. Im 13. Jahrhundert entdeckt Westeuropa Aristoteles wieder. Die Universitäten ersetzten langsam die Klöster als Zentren der Gelehrsamkeit. Dort regten Übersetzung und Studium der aristotelischen Werke die "wissenschaftliche" Produktion an.

Frauenlob spielt in seinen Leichs mit naturphilosophischem Wissen, wenn im Zusammenhang mit dem Schöpfungsmythos auf die Kosmologie verwiesen wird, sich das alchemistische Zusammenspiel der Elemente in der Beschreibung eines Hermaphroditen offenbart oder sich Marias Fruchtbarkeit humoralpathologisch erklären lässt. Den Fokus auf diese Orte der Vernetzung von Dichtung und dem, was wir heute Naturwissenschaft nennen würden, zu legen, kann dabei helfen, vordergründig verstellte Sprachbilder zu entwirren und inhaltliche Zusammenhänge klar zu machen.

Frauenlob "zu knacken" ist nicht leicht, doch die Beschäftigung mit diesem faszinierenden Autor zeigt vor allem zwei Dinge auf: Erstens kann die Zusammenschau von Naturphilosophie und Dichtung das Lesen schwieriger mittelalterlicher Texte vereinfachen, und zweitens machen die Texte Frauenlobs gerade wegen ihrer Komplexität einfach großen Spaß. Und falls das verrückt klingt, weiß man sich mit Heinrich von Meißen in guter Gesellschaft.

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