Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hahn: Fünftel der Dissertation abgeschrieben?"

Johannes Hahn

Hahn: Fünftel der Dissertation abgeschrieben?

Der ehemalige Wissenschaftsminister und derzeitige EU-Kommissar Johannes Hahn (ÖVP) hat sich "offensichtlich seine Dissertation erschwindelt". Das ist laut dem grünen Sicherheitssprecher Peter Pilz das Ergebnis einer Überprüfung der Dissertation Hahns durch den als "Plagiatsjäger" bekanntgewordenen Medienwissenschaftler Stefan Weber.

Plagiate 23.05.2011

Zumindest 17,2 Prozent der Gesamtzeilenanzahl der Arbeit sind plagiiert, heißt es in der im Auftrag des Grünen Klubs durchgeführten und von Pilz am Montag bei einer Pressekonferenz präsentierten Studie.

Hahn wies hat die Plagiatsvorwürfe in einer ersten Reaktion als haltlos zurück. Das Auftragsgutachten über seine Dissertation sei "politisch motiviert, wenig überraschend und nicht maßgeblich", so Hahn in einer Stellungnahme.

Die Uni Wien will aufgrund des neuen Gutachtens keine Schritte gegen Hahn einleiten und verweist auf eine Überprüfung der Arbeit aus dem Jahr 2007.

"Manipulation, möglicherweise Fälschung"

Stefan Weber hat im Schnitt auf jeder vierten Seite von Hahns 254 Seiten umfassenden Arbeit "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Beispiel der Stadt" (1987) Plagiatsfragmente entdeckt. Insgesamt waren es 76 Plagiatsfragmente, in 68 Fällen hatte Hahn laut dem Gutachten den Text angepasst - man könne daher nicht von vergessenen Anführungszeichen reden, so Pilz.

Das sei absichtlich geschehen, es handle sich daher um "Manipulation, möglicherweise Fälschung". Laut Pilz könnte Hahn in noch größerem Umfang abgeschrieben haben, als Weber in seinem rein manuellen Vergleich der Dissertation mit 21 Werken aus der Literaturliste feststellen konnte.

Kritik an Uni Wien

Ö1-Sendungshinweis:

Über das Gutachten zu Hahns Dissertation berichtete das Ö1-Journal, 23.5., 12-00 Uhr.

Harsche Kritik übte Pilz in diesem Zusammenhang an der Uni Wien: "Die Universität deckt ihre Minister", so habe sie eine Anzeige Webers aus 2007 "einfach liegengelassen." Er gehe davon aus, dass jenes Gutachten, das die Uni Wien nun bei der Agentur für wissenschaftliche Integrität angefordert hat und das bis Herbst veröffentlicht werden soll, "sauber" sein werde.

Er wolle sich aber sowohl die Rolle von Hahns Doktorvater Peter Kampits als auch der für die Einleitung von Plagiatsprüfungen in Verdachtsfällen zuständigen Studienpräses Brigitte Kopp ansehen.

Pilz: Hahn soll "mit Anstand" von Amt zurücktreten

Pilz verwies darauf, dass die Uni Wien laut dem Universitätsgesetz die Verleihung des akademischen Titels aufheben müsse, wenn dieser - wie laut Gutachten in Hahns Fall - "erschlichen" wurde. Es gebe auch ein Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofs (VwGH) aus 2009 zu einem der Dissertation Hahns sehr ähnlichen Fall, in dem ebenfalls Techniken verwendet wurden, die - wie es in dem Gutachten heißt - "auf bewusste Verschleierung hindeuten". Es könne gut sein, dass sich der VwGH auch mit der Arbeit des "Doktoratsschwindlers" Hahn beschäftigen werde, glaubt Pilz.

Das Gutachten wurde bereits am Vormittag der Uni Wien übermittelt, es soll auch an die Europäische Kommission gehen. Von dieser erwartet sich Pilz, dass sie - angesichts des schwindenden Vertrauens in alle Ebenen der EU - "zumindest die Standards der deutschen Bundesregierung auch in Brüssel" anwende, sagte er mit Verweis auf den nach einer Plagiatsaffäre zurückgetretenen deutschen Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Von Hahn selbst erhofft sich Pilz, dass er sich "mit Anstand" aus seinem Amt zurückzieht.

Hahn weist Vorwürfe zurück

Hahn wies die Vorwürfe mittlerweile als haltlos zurück. Für die Beurteilung der 1987 gemäß der damals geltenden Studienordnung der Universität Wien abgeschlossenen und approbierten Arbeit sei einzig und allein die Universität Wien bzw. die von ihr beauftragten Experten zuständig. Das Ergebnis einer im Auftrag der Uni Wien durch die Agentur für wissenschaftliche Integrität gegebenen Untersuchung sei abzuwarten.

Hahn verwies dabei auch auf ein Gutachten der Universität Zürich aus dem Jahr 2007. Dieses habe ergeben, "dass es sich bei der Dissertation von Dr. Hahn um kein Plagiat handelt". Der Sprecher des Kommissars, Ton van Lierop, sagte: "Hahn macht an allen wichtigen inkriminierten Stellen eine Quellenangabe (...) Der Leser kommt nie auf die Idee, die verhandelten Sachen seien das Resultat der Forschungen von Hahn."

Dieses Ergebnis werde auch vom renommierten Urheberrechtsexperten Gottfried Korn bestätigt, der die Auffassung vertrete, dass "die gegenteilige Meinung das urheberrechtliche Zitatrecht nicht berücksichtigt". Außerdem verweist der Hahn-Sprecher darauf, dass für eine objektive und seriöse Beurteilung der vor 25 Jahren entstandenen Dissertation die Berücksichtigung der zum Zeitpunkt der Entstehung geltenden Vorgaben (Studienordnung, Zitierstandards) unerlässlich sei. Darauf werde bereits im Züricher Gutachten hingewiesen.

Uni Wien wartet weiteres Gutachten ab

Auch die Uni Wien verweist gegenüber der APA auf das Gutachten der Uni Zürich, in dem "seriös" die damals als Plagiat angezeigten Passagen untersucht worden seien. Die Uni Wien gehe gerade bei Plagiatsverdachtsfällen "unabhängig von der Person" jedem Vorwurf nach, wies die Sprecherin des Rektorats den Vorwurf Pilz' zurück, dass Hahn "gedeckt" worden sei.

Die Uni werde aufgrund des Gutachtens Webers keine Schritte gegen Hahn einleiten, man warte das bei der Agentur für wissenschaftliche Integrität beauftragte Gutachten ab, in dem wohl auch Webers Untersuchungen berücksichtigt werden.

Spindelegger will Vorwürfe nicht kommentieren

Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) sagte am Montag in Brüssel, er wolle sich zu den Plagiatsvorwürfe gegen Hahn in Zusammenhang mit dessen Doktorarbeit nicht näher äußern. "Da ist offenbar ein Gutachten in Auftrag gegeben worden vom Grünen Klub, ich möchte das nicht bewerten, ich habe es nicht gesehen." Hahn müsse selbst dazu Stellung nehmen, sagte der ÖVP-Chef - noch bevor Hahn selbst diese Vorwürfe als haltlos zurückwies.

science.ORF.at/APA

Mehr zu dem Thema: