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Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz

Neueröffnung der Gedenkstätte für NS-Opfer

Ein wesentliches Instrument für den Terror des Nationalsozialismus war die Geheime Staatspolizei (Gestapo). Die Gestapo-Leitstelle in Wien - das ehemalige Hotel Metropole auf dem Morzinplatz im ersten Bezirk - war die größte im Dritten Reich. Im Keller wurden Tausende Häftlinge gefoltert, zu Geständnissen gezwungen und dann in die Konzentrationslager geschickt.

Zeitgeschichte 26.05.2011

1945 wurde das Hotel durch Bombentreffer zerstört. In dem an dieser Stelle neu errichteten Haus erinnert seit 1968 eine Gedenkstätte an die Opfer des Nationalsozialismus.

Nach einer Renovierungsphase wird der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gestaltete Raum Donnerstagvormittag nun neu eröffnet. Er informiert über Täter und Opfer, wie die Kuratorin Elisabeth Klamper in einem Gastbeitrag schreibt.

Zur Gedenkstätte für die Opfer der Gestapo-Leitstelle Wien

Von Elisabeth Klamper

Über die Autorin:

Elisabeth Klamper ist seit 1981 wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Archivarin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), Kuratorin zahlreicher Ausstellungen, u. a. auch für das Jüdische Museum der Stadt Wien ("Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Stereotypen", 1995) und nun Kuratorin der Ausstellung über Opfer und Täter der Gestapo-Leitstelle Wien.

Neueröffnung der Gedenkstätte

In Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer wird am Donnerstag, den 26. Mai 2011, 10.30 Uhr, die vom DÖW betreute und neu gestaltete Gedenkstätte für die Opfer des österreichischen Freiheitskampfes eröffnet (Salztorgasse 6, 1010 Wien), unterstützt vom Kulturamt der Stadt Wien, dem Zukunftsfonds und dem Nationalfonds.

Im Rahmen einer Begleitveranstaltung am Abend (19.00 Uhr) lesen Elisabeth Orth, Cornelius Obonya und Otto Tausig aus Texten von Opfern und Tätern (Altes Rathaus, Wipplingerstraße 8, 1010 Wien).

Hotel Metropole, ab 1. April 1938 Sitz der Gestapo-Leitstelle Wien

DÖW

Hotel Metropole, seit 1. April 1938 Sitz der Gestapo-Leitstelle Wien

Die Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Österreich war 1968 von den Opferverbänden an jener Stelle errichtet worden, wo sich bis 1938 der Lieferanteneingang des luxuriösen Hotels Metropole befunden hatte. Nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 wurde das Hotel, dessen Betreiber nach den "Nürnberger Gesetzen" als Juden galten, beschlagnahmt.

Ab 1. April 1938 war es Sitz der Gestapo-Leitstelle Wien. Durch den früheren Lieferanteneingang wurden nun die von der Gestapo Verhafteten zu den Verhören geführt, die oftmals mit grausamen Folterungen sowie Einweisungen in Konzentrationslager verbunden waren.

Die 1968 eingerichtete Gedenkstätte, die seit einigen Jahren vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes betreut wird, sollte die Erinnerung an den Mut, aber auch an das Leiden und Sterben der österreichischen Widerstandskämpfer bzw. Opfer des NS-Terrors wachhalten.

Sie wurde nun mit einer dokumentarischen Ausstellung ergänzt, die nicht nur über die hier inhaftierten WiderstandskämpferInnen und die anderen von der Gestapo verfolgten Menschen informiert, sondern auch über die Gestapo, deren Organisation, Mitarbeiter, Arbeitsweise etc. Denn Quantität und Qualität des österreichischen Widerstandes können nur angemessen beurteilt werden, wenn auch der Repressionsapparat und die Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes sichtbar gemacht werden.

Gestapo - wesentliches Instrument des NS-Terrors

Die Gestapo - 1933 nach dem Machtantritt Hitlers in Deutschland gegründet - war innerhalb kurzer Zeit zu einer schlagkräftigen politischen Polizei avanciert. Sie operierte ohne institutionelle Kontrolle und war mit zahlreichen Sonderrechten ausgestattet.

So waren die lokalen Gestapo-Leitstellen z. B. befugt, zeitlich unbeschränkte "Schutzhaft", d. h. die Einweisung in ein Konzentrationslager (KZ) zu beantragen. Diese musste vom Reichssicherheitshauptamt bzw. vom Chef der Gestapo nur mehr genehmigt werden.

Die Gestapo überwachte und verfolgte Menschen, die der NS-Staat zu "Staats- und Volksfeinden" erklärte bzw. als potenziell gefährlich einstufte: politisch Andersdenkende, Juden und Jüdinnen, Menschen, die gegen die Normen des NS-Staats verstießen, soziale Randgruppen, ZwangsarbeiterInnen.

Wiener Leitstelle größer als die Berliner

Nach Kriegsausbruch im Herbst 1939 war sie an der Unterdrückung des Widerstands in den besetzten Gebieten und an der Überwachung der ausländischen ZwangsarbeiterInnen sowie ab 1941 am Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden maßgeblich beteiligt. Die Gestapo war keineswegs "allwissend" und "allgegenwärtig", sondern Spitzel- und Denunziantentum trugen wesentlich zum Funktionieren der Kontrolle und Verfolgung durch die Gestapo bei.

Mit über 900 MitarbeiterInnen war die Gestapo-Leitstelle Wien größer als die Leitstelle Berlin. Die wichtigsten Schlüsselstellen der Gestapo wurden 1938 mit Beamten aus dem "Altreich" besetzt. 80 Prozent der Beamten und Angestellten wurden allerdings aus dem österreichischen Polizeidienst rekrutiert.

Auf Führungsebene betrug der Anteil der Österreicher fast 70 Prozent; gegen Kriegsende stieg er auf über 80 Prozent. Polizeiliches Fachwissen und die Bereitschaft, sich mit dem NS-Regime zu identifizieren, waren ausschlaggebend für die Weiterverwendung ehemals österreichischer Polizeibeamter bei der Gestapo.

Verfolgung und Zerschlagung des Widerstandes

Die nationalsozialistische Diktatur wurde zumindest in den ersten Jahren von einem Gutteil der österreichischen Bevölkerung als legale Staatsführung akzeptiert. Nur wenige Menschen hatten den Mut, sich in Widerstandsgruppen zu organisieren und das Regime aktiv zu bekämpfen. Die WiderstandskämpferInnen operierten weitgehend isoliert von der Bevölkerung und sahen sich mit zahlreichen Spitzeln und Zuträgern des Regimes konfrontiert.

Die Mehrheit der Frauen und Männer, die organisierten Widerstand leisteten, stammte aus der Arbeiterbewegung (SozialistInnen, KommunistInnen), viele gehörten aber auch dem bürgerlich-konservativen Lager (ehemalige Christlichsoziale, MonarchistInnen etc.) an oder standen der katholischen Kirche bzw. religiösen Gruppierungen wie z. B. den Zeugen Jehovas nahe.

Die österreichischen WiderstandskämpferInnen versuchten auf verschiedene Weise, sich dem NS-Regime entgegenzustellen. Obwohl sie keine Chance hatten, das NS-Regime aus eigener Kraft zu stürzen, bewiesen sie, dass es Menschen gab, die sich nicht schweigend anpassten, sondern aktiv gegen Diktatur und Barbarei kämpften.

Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zur politischen Aufklärung bzw. Bildung, die sowohl über die Opfer als auch über die Täter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft informiert und den Morzinplatz als ehemaligen Sitz der Gestapo-Leitstelle Wien wieder in der Alltagsgeschichte Wiens "sichtbar" macht.

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