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Ein Mann spielt Klavier

Was Improvisationen im Gehirn auslösen

Zwei deutsche Hirnforscher haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und die Wahrnehmung von Jazz-Improvisationen untersucht. Ein Befund: Maschinen können spontane von einstudierten Passagen unterscheiden, Menschen eher nicht.

Jazz 25.05.2011

Pseudo-Spontanität im Test

"Stellen sie sich vor, Sie betreten einen Jazz-Club. Sie hören einen Pianisten, der sein Spiel mit einem hypnotisierenden Solo abschließt - ein Solo, wie sie es noch nie zuvor gehört haben. Könnten Sie anhand der Töne entscheiden, ob das Solo improvisiert oder einstudiert war?"

Mit diesen Sätzen beginnt eine aktuelle Veröffentlichung von Annerose Engel und Peter Keller vom Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften. Man würde annehmen: Zumindest geübte Musiker sollten mit dieser Aufgabe keine Probleme haben. Doch wie die beiden im Fachblatt "Frontiers in Psychology" berichten, ist die Sache so einfach nicht.

Die Studie

"The perception of musical spontaneity in improvised and imitated jazz performances", Frontiers in Psychology (2:83, doi: 10.3389/fpsyg.2011.00083).

Engel und Keller wiesen im Rahmen ihrer Studie sechs Jazz-Pianisten an, Improvisationen zu einer vorgegebenen Melodie zu spielen. Diese Aufnahmen transkribierten die beiden Hirnforscher aufs Notenblatt und legten den Musikern die Stücke ihrer Kollegen vor.

Die Aufgabe lautete: Lernen Sie die Improvisationen auswendig, und spielen Sie diese nach. Eine Computeranalyse zeigte: Echte und einstudierte Improvisation unterscheiden sich voneinander. Erstere ist, was Lautstärke und Tempo betrifft, unsteter. Oder anders ausgedrückt: Pseudo-Spontanität äußert sich durch ein akustisches Profil, das den Messgeräten im Labor nicht verborgen bleibt.

Maschine übertrifft Menschen

Bemerkenswerterweise konnten Musiker echt und unecht dennoch kaum unterscheiden: Engel und Keller baten 22 weitere Jazz-Musiker zum Hörtest, ihre Trefferquote betrug 55 Prozent. Sie lag also kaum besser als der reine Zufall.

Ein Fragebogen schälte dann ein interessantes Ergebnis aus den Daten: Bei den Tests schnitten nämlich jene Musiker besser ab, die sich selbst als empathischer einschätzten. Ähnlich war das Verhältnis von Band- vs. Solokünstlern. Jene, die im Kollektiv musizierten, waren ebenfalls besser darin, die echten Improvisationen zu erkennen.

Empathie hilft

Sämtliche Musiker berichteten nach den Versuchen, dass sie sich bei der Unterscheidung der Stücke vorgestellt hatten, sie würden selbst am Instrument sitzen und solieren. Das würde, so das einhellige Urteil der Jazzer, das Urteil erleichtern (wenn auch nicht mit großem Erfolg, wie die Versuche zeigten). Gehirnscans bestätigten jedenfalls diese Einschätzung. Während die 22 Jazzer den Aufnahmen zuhörten, waren sämtliche Gehirnbereiche aktiv, die auch bei aktiven Improvisationen gefordert sind - inklusive der motorischen Zentren.

Und es war auch die sogenannte Amygdala aktiv, das Gefühlszentrum des Gehirns: Robert Zatore von der McGill University in Montreal hält das für einen überraschenden Befund. Wie er gegenüber dem Newsdienst von "Science" sagt, sei die Amygdala offenbar an der Beurteilung von Spontanität beteiligt. Das bedeute jedoch nicht notwendigerweise, dass Spontanität direkt mit Emotionen verbunden sei: "Die besten Experimente sind gerade diejenigen, die neue Fragen aufwerfen. Fragen, die wir vorher nicht einmal zu stellen wussten."

Engel will nun die Wahrnehmung der Spontanität auch in anderen Bereichen untersuchen, etwa beim Tanzen oder Sprechen. Sie und ihr Fachkollege Keller beherrschen selbst einige Instrumente. Dem Jazz werden sie beide treu bleiben, sagt die deutsche Hirnforscherin. Privat wie in der Forschung.

science.ORF.at

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