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Blindenschleife

Blinde können sich durch Schallwellen orientieren

Manche Blinde tun es den Fledermäusen gleich und orientieren sich in ihrer Umwelt anhand reflektierter Schallwellen. Eine Studie von Hirnforschern zeigt: Dabei ist ihr Sehzentrum aktiv, sie können Echos förmlich sehen.

Orientierung 26.05.2011

Wenn Blinde sehen

"Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube", heißt es im Matthäus-Evangelium. Das war als Spitze gegen die Pharisäer gemeint, aber man kann den Satz auch wörtlich nehmen, so wie das Pieter Bruegel der Ältere gemacht hat: Auf seinem Bild "Der Blindensturz" fallen die Blinden tatsächlich in die Grube.

Fallen sie? Nicht unbedingt: In den Medien mehren sich Berichte über Blinde, die sich ohne Hilfsmittel sehr gut in der Welt zurechtfinden. Nicht nur durch Schärfung der verbliebenen Sinne, sondern durch eine Strategie, die man ansonsten nur von Delphinen und Fledermäusen kennt: Echolokation - die Orientierung an reflektierten Schallwellen.

Der vor zwei Jahren verstorbene Amerikaner Ben Underwood war so ein Fall. Im Alter von zwei Jahren wurde bei ihm ein bösartiger Tumor in der Netzhaut entdeckt, ein Jahr später entfernten ihm Ärzte beide Augen. Als Fünfjähriger entdeckte Underwood, dass er sich an Echolauten orientieren konnte, indem er mit der Zunge schnalzte. Er brachte diese Technik zur Meisterschaft, fuhr mit Skateboard und Rollerblades, "sah" Hydranten und Abfalleimer am Straßenrand. Er spielte Basketball, ja sogar Tischfußball: Einen Reporter soll er laut einem CBS-Bericht beim "Wuzzeln" 5:2 geschlagen haben.

Primäre Sehrinde aktiv

Die Studie:

"Neural Correlates of Natural Human Echolocation in Early and Late Blind Echolocation Experts", PLoS ONE (6(5): e20162. doi:10.1371/journal.pone.0020162).

Was im Gehirn von Underwood vor sich gegangen sein mag, wird man aufgrund seines frühen Todes nicht mehr herausfinden. Drei kanadischen Forschern ist das allerdings nun bei zwei anderen, ähnlich begabten Blinden per funktioneller Magnetresonanztomographie gelungen.

Das Problem dabei ist: Hirnscanner stören die Echoortung massiv. Sie sind groß, schwer und, sofern in Betrieb, auch sehr laut. Melvyn Goodale von der University of ´Western Ontario hat dieses Problem gelöst, indem er seinen Testpersonen im Freien kleine Mikrofone am Ohr festklebte, die Geräusche aufzeichnete und ihnen diese Aufnahme dann im Hirnscanner liegend nochmals vorspielte.

Die Analyse zeigte, dass Aufnahmen mit und ohne Echo in etwa die gleiche Aktivität im Hörzentrum hervorrufen. In der primären Sehrinde hingegen war der Unterschied sehr deutlich. Die Blinden verwenden dieses Areal offenbar für die Verarbeitung der Echosignale, sie sehen also gewissermaßen, was sie hören.

Diese Fähigkeit muss nicht notwendigerweise auf Blinde mit Sonderbegabungen beschränkt bleiben, sagt Stephen Arnott, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Es ist durchaus möglich, dass auch Sehende die Echolokation erlernen und dass auch sie ihr Sehzentrum für diese Aufgabe rekrutieren."

Die Technik jedenfalls wird mittlerweile in Kursen unterrichtet. Der US-Amerikaner Daniel Kish etwa ist einer jener Blinden, die ihre besonderen Fähigkeiten an andere weitergeben. Kish, der im Alter von 13 Monaten sein Augenlicht verlor und dennoch mit dem Mountainbike durch kalifornische Wälder fährt, hat zu diesem Zweck die Non-Profit-Organisation "World Access for the Blind" gegründet. Sie hat laut Eigendarstellung mittlerweile 2.500 Menschen in 18 Ländern in Sachen Echoortung instruiert. Ihr Motto: "Our Vision is Sound".

Robert Czepel, science.ORF.at

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