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Die Freiheitsstatue in New York

"Wie im Westen so auf Erden"

Europa und die USA sehen sich international als Vorbilder der Demokratie und beharren darauf, dass westliche Werte universalisierbar sind. In welcher Weise werden diese Werte - nach über 400 Jahren Kolonialgeschichte - anderen Ländern rund um den Globus immer noch aufgedrängt?

Ethnologie 03.06.2011

Die Ethnologin Shalini Randeria versucht, die Welt aus einer nicht-europäischen Warte zu sehen. Im Interview mit science.ORF.at spricht sie über Gefahren des europäischen Weltbilds, den arabischen Frühling und ihre außergewöhnliche Familie.

science.ORF.at: In einem Interview haben Sie gesagt: "Europa ist kein Hort des weltweit zu lernenden Guten. Wenn westliche Wissenschaft Begriffe wie Zivilgesellschaft, Gerechtigkeit oder Staat als universell gültig ansieht, verfehlt sie das Spezifische anderer Gesellschaften." Zwingt der Westen anderen Staaten und Kulturen immer noch seine Werte auf?

Porträtfoto der Ethnologin Shalini Randeria

privat

Shalini Randeria hat Soziologie und Sozialanthropologie an den Universitäten Delhi und Heidelberg sowie an der Freien Universität Berlin studiert. Heute ist sie Professorin für Ethnologie an der Universität Zürich. Am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien ist sie im Sommersemester Sir Peter Ustinov Gastprofessorin.

Wiener Vorlesung:

Am 7. Juni hält Randeria eine Wiener Vorlesung zum Thema "Enteignen, entrechten, ausgrenzen: Wirtschaftswachstum, Infrastrukturaufbau, Slums und Vision Bombay 2020".

Shalini Randeria: Das Aufoktroyieren europäischer Werte, Normen und Ideen basiert auf einer langen imperialen und kolonialen Geschichte. Heute wird mancherorts sehr selektiv im großen Stil interveniert - aus humanitären oder militärischen Gründen und je nach geostrategischen Interessen. Die Weltbank oder der IWF gestalten zum Beispiel Rechtssysteme und finanzielle Institutionen in Entwicklungsländern um. Kreditnehmerstaaten sind zwar freiwillige Mitglieder dieser Institutionen, haben aber kaum Einfluss auf die Politik des IWF, der WTO oder der Weltbank.

Welche Rolle spielt diese Oktroyierung, beispielsweise wenn der Westen in Konflikte arabischer Staaten wie Libyen eingreift?

Der Fall Libyen ist zwiespältig. Mit welcher Glaubwürdigkeit können westliche Regierungen in Libyen - angeblich zum Schutz der Zivilbevölkerung - eingreifen, die für hundert Tausende zivile Tote im Irak mitverantwortlich sind? Aber in Ländern des Nahen Ostens gibt es eine Sehnsucht in weiten Teilen der Bevölkerung nach politischer Teilhabe, gerechter Verteilung, Menschenwürde und Demokratie. Das allerdings sind nicht nur westliche Werte, die von Altertum oder Christentum direkt abgeleitet werden können. Säkularismus, Zivilgesellschaft und Demokratie in Europa sind das Ergebnis eines jahrhundertelangen Kampfes gegen die Kirche und die absolute Herrschaft gewesen. Ich glaube, in jeder Gesellschaft gibt es eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit. Und was nach dem "arabischen Frühling" zustande kommen wird, ist wahrscheinlich keine französische oder britische Demokratie.

Und wenn ein Flüchtlingsboot aus Libyen nach Lampedusa unterwegs ist - wie muss sich Europa verhalten? Gibt es eine historische Verantwortung?

Aufgrund der langen Geschichte des Imperialismus und Kolonialismus gibt es eine historische Verantwortung. Über Formen der Wiedergutmachung kann man diskutieren. Und auch darüber, ob sie nur von den ehemals kolonisierenden Staat getragen wird oder von allen europäischen Ländern, die vom Sklavenhandel profitiert haben, auch wenn sie selbst keine Kolonien für längere Zeit im Übersee besaßen. Außerdem gibt es eine Verantwortung, die in den heutigen Beziehungen zwischen europäischen Staaten und autoritären Regimes begründet ist: Regierungen, die bis vor kurzem gute Geschäfte mit Diktatoren wie Gaddafi gemacht haben, dürfen sich jetzt nicht aus der Verantwortung für die Flüchtlinge aus Libyen stehlen. Und wer von universellen Menschenrechten spricht, muss auch danach handeln.

Wie präsent ist das westlich-zentralistische Weltbild in Europa?

Das ist das herrschende Weltbild hier.

Und die Folge davon ist...

... dass man sich hier kaum eine Welt vorstellen kann, in der statt Europa Länder wie China; Brasilien oder Indien die Vormachtstellung hätten. Verkürzt könnte man die eurozentristische Sicht so formulieren: Wie im Westen so auf Erden. Paradox daran ist, dass man einerseits glaubt, dass der Westen universalisierbar sei, andererseits wird aber darauf beharrt, dass er auch einzigartig in seiner historischen Entwicklung ist.

Wie lange werden aufstrebende Weltmächte wie China den westlichen Anspruch auf Werteführerschaft dulden?

Dieser Anspruch wird auf ganz unterschiedliche Art und Weise angefochten. China eignet sich selektiv westliche Institutionen und Werte an: Kapitalismus ja, Demokratie nein. Konsum ja, Menschenrechte nein. Die Kommunistische Partei versucht die politische Kontrolle über das, was man ins Land hineinlässt an Werten, Ideen und Technologien zu behalten. Ich weiß nicht, wie lange das gut geht.

Die Frauenquote ist in Europa immer wieder Thema. In einem Interview mit der "Zeit" wunderten Sie sich über die Debatte einer weiblichen Kanzlerschaft und betonten, dass in Südasien seit 35 Jahren Frauen in politische Spitzenämter gewählt werden und am Können nie gezweifelt wurde. Wäre das etwas, was dem Westen als Vorbildwirkung dienen könnte?

Auf jeden Fall. Die ehemaligen Premierministerinnen Benazir Bhutto in Pakistan, Indira Gandhi in Indien, Khaleda Zia in Bangladesch und Chandrika Kumaratunge in Sri Lanka - sie waren alle an der Regierungsspitze, bevor Europa so weit war. Aber die Position von Frauen in der Gesellschaft wurde nicht automatisch dadurch verbessert. Man muss auch dazusagen, dass diese Frauen aus mächtigen politischen Familien des jeweiligen Landes kamen.

In Ihrer Vorlesung an der Uni Wien spielt die Gender-Thematik eine große Rolle. In Europa wird beklagt, dass Frauen keine Kinder bekommen und gleichzeitig gelten Entwicklungsländer als überbevölkert. Wer trifft also - global gesehen - die Entscheidung, wie viele Menschen wo leben und Kinder bekommen sollen?

Es gibt tatsächlich eine demografische Zweiteilung der Welt. In Europa führt man Steuererleichterungen für deutsche oder französische Kinder ein, während die vermeintliche Überbevölkerung der "Anderen" als globales Problem dargestellt wird. Zu viele sind immer die Anderen, seien es die Migranten in Europa oder die Armen in den Entwicklungsländern. In den USA versucht man durch Kürzungen der Sozialleistungen arme und schwarze Familien dazu zu bringen, weniger Kinder zu bekommen. Reproduktive Freiheit gilt in jeder Gesellschaft nur für bestimmte Klassen und ethnische Gruppen. Dabei darf man nicht übersehen, dass solange Afrika und Asien europäische Kolonien waren, sich die Europäer über niedrige Geburtenraten in diesen Ländern beklagt haben. Sie hatten nämlich Interesse an den billigen Arbeitskräften. Die Belgier haben etwa in Kongo versucht, die Stillzeit der Mütter zu verkürzen, damit sie häufiger Kinder gebären.

Liegt Ihnen die Gender-Thematik am Herzen, weil sie persönliche Erfahrungen mit Formen der Diskriminierung gemacht haben?

Im Gegenteil. Vielleicht liegt sie mir am Herzen, weil ich eben keine Diskriminierungserfahrungen gemacht habe. Ich komme aus einer Familie von vier Generationen Frauen, die universitäre Ausbildung genießen. Meine Urgroßmutter hatte sieben Kinder und 1901 als eine der ersten Frauen Indiens einen Universitätsabschluss. Sie war Mitbegründerin des "All India Women’s Council", die erste indische Frauenorganisation. Mein Urgroßvater ging in den 1870er Jahren nach England, um sich Institutionen für Mädchen- und Frauenbildung anzusehen. Meine Familie war immer schon sehr ungewöhnlich. Meine Eltern haben beide nie einen Tempel betreten und sind überzeugte Atheisten. Jegliche Art von religiösem Ritual war absolut Tabu. Diese Art der Modernisierung war aber immer verknüpft mit einer sehr traditionellen Haltung in Sachen Essen oder Sprache. Wir aßen stets vegetarisch zuhause, es wurde kein Alkohol getrunken. Außerdem achtete meine Mutter peinlich genau darauf, dass in der Familie kein Englisch gesprochen wird, obwohl nur englische Tageszeitungen, indische wie britische, gelesen wurden. Ich glaube, mich hat meine Familie geprägt - und nicht die Erfahrung mit Diskriminierung.

Interview: Christine Baumgartner, science.ORF.at

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