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eine Handvoll Erde

Erdeessen ist gesund

Abgesehen von Kindern in der Sandkiste ziehen es wohl nur wenige ernsthaft in Erwägung, eine Handvoll Erde zu essen. Dennoch ist dies eine bei vielen Völkern der Welt durchaus übliche Sitte. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür: Es schützt den Magen vor Giften, Parasiten und Keimen.

Ernährung 03.06.2011

Wozu Erde?

Eine erste Erwähnung des Erdeessen bzw. der Geophagie findet sich laut den Forschern um Sera Young von der Cornell University bereits bei Hippocrates vor über 2.000 Jahren. Seitdem gebe es viele Spekulationen über die Ursachen der etwas seltsam anmutenden Praxis.

Eine mögliche Erklärung ist Nahrungsmittelknappheit: Um Hungerattacken besser auszuhalten, stopfen sich Menschen mit Erde voll; selbst wenn diese keinerlei Nährstoffe liefert. Eine andere Hypothese meint dagegen, dass gerade die Nährstoffe der Grund für das Verhalten sind. D.h. Menschen entwickeln vielleicht aus Mangel an bestimmten Spurenelementen ein Verlangen nach Erde, wie z.B. Eisen, Zink oder Kalzium. Die dritte These behauptet, Erde hätte positive gesundheitliche Effekte, da sie vor Erregern und Giften schützt.

Zur Studie in "The Quaterly Review of Biology":

"Why on Earth?: Evaluationg Hypotheses about the Physiological Functions of Geophagy" von Sera Young et all.

Auf der Suche nach dem echten Grund haben Forscher nun eine umfassende Meta-Studie durchgeführt und dabei eine Datenbasis von 480 Fällen von Geophagie zusammengestellt. Die Sammlung enthält außerdem Daten darüber, wer die Erde gegessen hat und unter welchen Umständen.

Sinnvolles Verhalten

Bei der Analyse zeigte sich, dass die Hunger-Hypothese sehr unwahrscheinlich ist. Denn auch bei ausgezeichneter Versorgungslage kommt es häufig zum Erdeessen. Menschen scheinen eher absichtlich wenig zu essen, wenn sie auch Erde zu sich nehmen.

Auch für die Nährstoff-Erklärung fanden sich laut den Forschern kaum Belege. Die am häufigsten konsumierte Erde sei eine Art Lehm, die kaum Eisen, Kalzium oder Zink enthält. Diese Erde binde sogar manche Spurenelemente im Magen, was deren Aufnahme zusätzlich erschwert. Erde könne also so gesehen eher zu einem Mangel führen als diesen ausgleichen.

Die meisten Belege gibt es den Wissenschaftlern zufolge für einen schützenden Effekt. So würden insgesamt vor allem schwangere Frauen und Kinder Erde essen, welche beide sehr empfindlich gegenüber Parasiten und Krankheitserregern sind. Besonders weit verbreitet sei die Geophagie zudem in den Tropen, wo Lebensmittelinfektionen sehr häufig sind. Weiters zeigen die Daten, dass Menschen oft dann Erde essen, wenn sie Magen-Darm-Probleme haben.

Die Studie macht laut Young jedenfalls deutlich, dass es sich bei Geophagie nicht um eine bizarre Geschmacksverwirrung handelt: "Es ist eindeutig, dass Erdeessen ein weit verbreitetes Verhalten ist, welches besonders in anfälligen Zeiten oder in einer von Krankheitskeimen durchsetzten Umwelt auftritt."

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