Standort: science.ORF.at / Meldung: "Krieg verstärkt Sinn für Kooperation"

Soldaten vor Sonnenuntergang

Krieg verstärkt Sinn für Kooperation

Der Krieg ist der Vater aller Dinge: Auf diesen Nenner könnte man die Studie von zwei US-Forschern bringen. Sie haben gezeigt, dass die Mitglieder einer Gruppe Kooperation und Selbstlosigkeit besonders dann bevorzugen, wenn es einen äußeren Feind gibt, mit dem man Krieg führt.

Spieltheorie 08.06.2011

Die Forscher untersuchten dabei einen realen Krieg: jenen zwischen Israel und dem Libanon, die im Sommer 2006 über einen Monat lang gegeneinander kämpften.

Die Studie:

"Conflict, sticks and carrots: war increases prosocial punishments and reward" von Ayelet Gneezy und Daniel Fessler ist in den "Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences" erschienen.

Von ihrer bisher einzigartigen spieltheoretischen Untersuchung in blutigen Zeiten berichten die Wirtschaftswissenschaftlerin Ayelet Gneezy und der Evolutionspsychologe Daniel Fessler von der University of California in einer Studie.

Warum sind wir so nett?

Warum sind viele Menschen anderen Menschen gegenüber nett, helfen ihnen über die Straße, erklären ihnen den Weg zum Bahnhof etc.? Was im Alltag für die meisten selbstverständlich ist, ist für die Evolutionsbiologen ein wichtiges Forschungsthema. Warum kooperieren wildfremde Menschen miteinander, auch wenn sie sich davon keine unmittelbare Weitergabe ihrer Gene erwarten, was der evolutionären Logik entsprechen würde?

Einen seit Jahren immer beliebter werdenden Erklärungsansatz bietet die Spieltheorie. Die aus der Mathematik und Wirtschaftswissenschaft stammende Methode versucht nebst anderem, kooperatives Verhalten in Gruppen zu erklären, die aus Individuen bestehen, die eigentlich ihren eigenen Vorteil im Auge behalten. Paradoxerweise kann aus dieser Eigennützigkeit auf Gruppenebene bis zu einem gewissen Grad Altruismus werden.

Dass sich der Grad dieser Selbstlosigkeit in Zeiten des Kriegs erhöhen kann, haben Gneezy und Fessler nun in ihrer Studie demonstriert. Dafür mussten sie aber erst aus der Not eine Tugend machen. Als im Juli 2006 der Zweite Libanonkrieg ausgebrochen war, hatten sie gerade eine spieltheoretische Studienreihe in Tel Aviv laufen. Sie ließen von ihrer ursprünglichen Fragestellung ab und widmeten sich einer neuen: Wie würde der Krieg die Ergebnisse beeinflussen?

Ultimatumspiel und Trust Game

Dazu wiederholten sie zwei Experimente, die sie vor dem Krieg gemacht hatten, in der zweiten Woche der 33-tägigen Auseinandersetzung zwischen der israelischen Armee und der libanesischen Hisbollah und dann noch einmal, ein Jahr nach Ende der Kampfhandlungen.

Die Teilnehmer ihrer Studie hatten zwei Klassiker der Spieltheorie zu absolvieren: das Ultimatumspiel und das Trust Game. Beim Ultimatumspiel erhält Spieler A einen Geldbetrag, den er mit einem Mitspieler B teilen muss. Wie der Betrag geteilt wird, entscheidet A, Spieler B kann diesen Vorschlag annehmen oder - wenn er ihm ungerecht vorkommt - auch ablehnen. In diesem Fall wird der Betrag allerdings eingezogen und beide Teilnehmer gehen leer aus - die Spieltheoretiker sprechen in dem Fall deshalb von "teurer Bestrafung".

Beim Trust Game kann hingegen die Belohnung teuer werden: Dabei erhält Spieler A eine Summe Geld. Er kann diese bzw. einen Teil davon an Spieler B weitergeben, wobei dieser Teil verdreifacht wird. Anschließend hat B die Möglichkeit, einen Teil davon wieder an A zurückzugeben. Im Idealfall haben beide etwas davon, nämlich mehr Geld als zu Beginn des Spiels. Spieler B kann den Spieler A also für sein kooperatives Verhalten belohnen (wenn er viel Geld bekommen hat), für eigennütziges Verhalten (kein oder wenig Geld) aber auch bestrafen und nichts mehr zurückgeben.

Belohnung von Uneigennützigkeit im Krieg

Wie Gneezy und Fessler berichten, unterschieden sich die Resultate beider Spiele in der Zeit vor und nach dem Krieg nicht. Sie führten deshalb eine andere Kategorisierung ein: Krieg und Frieden. Und dabei zeigten sich große Differenzen.

Unter kriegerischen Voraussetzungen verweigerten die Spieler B beim Ultimatumspiel Angebote von weniger als 40 Prozent der Stumme signifikant öfter als in Friedenszeiten. Sie waren also eher bereit, auch zum eigenen Nachteil unkooperatives Verhalten zu bestrafen.

Gleiches galt auch für das Trust Game: Während des Libanonkriegs retournierten die Spieler B bei einer hohen von A erhaltenen Summe deutlich mehr Geld als im Frieden. Sie belohnten also die Uneigennützigkeit ihres Mitspielers auf eigene Kosten.

Kooperation aus Geschichte der Gewalt

Beide Tendenzen - die Bestrafung von Eigennützigkeit und die Belohnung von Kooperation - waren im Krieg größer. Und das führen die Forscher auf den gemeinsamen äußeren Feind zurück, der den Zusammenhalt der eigenen Gruppe fördert.

Da kooperative Gruppen aus evolutionärer Sicht erfolgreicher seien als unkooperative, sei das Verhalten der Individuen zu erklären. "Ironischerweise könnte die einzigartige Kooperationsbereitschaft unserer Art aus einer Geschichte der Gewalt zwischen unterschiedlichen Gruppen resultieren", schreiben sie in ihrer Studie.

Gneezy und Fessler argumentieren in ihrer Studie zwar nahezu vollständig biologisch, ganz am Schluss blitzt aber ein wenig Kulturalismus auf. Denn, wie sie schreiben, die Tendenz zu mehr Kooperation in der eigenen Gruppe in Kriegszeiten könnte auch mit mehr Druck zu Konformität einhergehen. Und da "liefert die Geschichte beunruhigende Hinweise, dass Krieg kulturelle Pluralität und Demokratie genauso von Innen wie von Außen gefährdet." Der Schluss der Forscher: Weitere Studien sollen folgen. Zu befürchten: An Gelegenheiten wird es nicht mangeln.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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