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Großwesir Kara Mustafa Pascha, Ölporträt

Türkenbelagerung: Ein Evergreen der Angst

Die beiden Türkenbelagerungen Wiens haben sich tief in das kollektive Gedächtnis Österreichs eingeschrieben. Mit antitürkischen Positionen kann man hierzulande gut Politik machen, das zeigen nicht nur die jüngsten Ereignisse. Wie unterschiedlich die Positionen dabei sein können, beweist ein historischer Vergleich der Jubiläen zur Belagerung von 1683.

Gesellschaft 13.06.2011

Gleichgeblieben ist dabei nur das Szenario der Angst, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Sandra Bittmann in einem Fachartikel ausführt: Das westliche, katholische Österreich sieht sich seit Jahrhunderten vom Osten bedroht - gleichgültig, ob der Osten nun aus ungläubigen Moslems oder aus Kommunisten besteht.

Der Artikel:

"1683 - und was uns davon bleibt. Die zweite Türkenbelagerung als medialer Referenzrahmen" von Sandra Bittmann erscheint in der "SWS-Rundschau "(Bd . 2/2011, S. 145.).

1683: Türkenlieder gegen die "Hunde"

Als das Entsatzheer am 12. September 1683 unter Führung des polnischen Königs Jan Sobieski die Zweite Wiener Türkenbelagerung zugunsten des Habsburgerreichs entschieden hat, hätte vermutlich niemand gedacht, dass die Geschehnisse auch noch Jahrhunderte später eine Rolle spielen würden. Wie sehr sich das Datum in das historische Gedächtnis eingebrannt hat, zeigt Bittmann anhand öffentlicher Äußerungen zu dem Thema in runden Jubiläumsjahren. Bedient hat sie sich dabei der sogenannten Kritischen Diskursanalyse. Konkret heißt das soviel, wie die Bandbreite dessen zu ermitteln, was in Zeitungen, Theaterstücken, Liedern und Romanen gesagt wurde, und dadurch zu zeigen, worüber gesprochen wurde und worüber nicht.

1683, also unmittelbar nach der Niederlage des Osmanischen Reichs unter seinem Großwesir Kara Mustafa (siehe Bild) vor Wien, war diese Bandbreite noch sehr groß. Zwar standen damals logischerweise die unmittelbaren Kampfhandlungen und die Situation der belagerten Stadt im Mittelpunkt. Es wurde aber auch über die Folterung von gefangenen Osmanen durch Soldaten und Bürger berichtet - ein Thema, das danach "vollständig aus dem medialen Diskurs verschwindet", wie Bittmann schreibt.

"Die Ausübung dieser Gewalt legitimiert man unter Berufung auf die Gräueltaten des 'ungläubigen' osmanischen Gegners, aber auch unter Hinweis auf seinen tierähnlichen Status ... Im Genre des Türkenlieds wird der Feind sogar explizit als 'Hund' bezeichnet."

1783: Selbstpromotion des Habsburger

1783, als unter der Regierungszeit von Joseph II. das 100-Jahr-Jubiläum gefeiert wurde, ging es laut Bittmann vor allem um die Rehabilitierung eines Mannes, der bei der Türkenbelagerung eine eher unrühmliche Rolle gespielt hat: Kaiser Leopold I., der aus Wien geflohen war, kurz bevor das osmanische Heer vor der Stadt stand. Nun sollte ihm - wie auch dem Oberfehlshaber der kaiserlichen Truppen Karl V. von Lothringen - gehuldigt werden. Zwar wurden auch die Wiener Bürgerschaft und der Stadtkommandant Ernst Rüdiger von Starhemberg geehrt, vorrangig war aber die Selbstpromotion des Herrscherhauses Habsburg.

1883: Eine deutsche Tat, keine polnische

100 Jahre später, zum 200-Jahr-Jubiläum sollte sich die Perspektive erneut verschieben. Den politischen Entwicklungen im späten 19. Jahrhundert gemäß wurden nationalistische Motive und die Verbindung von Christen- und Deutschtum immer wichtiger. Die deutschnationale "Neue Freie Presse" etwa betonte die Bedeutung, die Sachsen, Franken und Bayern beim Entsatzheer gehabt hätten ("eine deutsche Tat"), und schmälerten den Beitrag des Polenkönigs Jan Sobieski ("dem Polenkönig müsse der Heiligenschein abgenommen werden"). Die liberale und sozialdemokratische Presse hätten hingegen eher die völkerbindende Zusammensetzung des Entsatzheers betont, wie Bittmann schreibt.

Sendungshinweis:

Mit dem schwierigen Verhältnis zwischen der Türkei und Österreich beschäftigte sich ein Club 2 am 8.6. um 23:05 Uhr.

1933: Von Starhemberg zu Starhemberg

1933, zur 250-Jahrfeier des Ereignisses, befand sich Österreich mitten im Austrofaschismus der Regierung Dollfuß. Passenderweise wurde nun die Rolle der Religion betont, die bei der Türkenbelagerung die verschiedenen Völker des Entsatzheers vereinte, und es wurden einige Persönlichkeiten in den Vordergrund gestellt, die zuvor nicht so zentral waren: etwa der Kapuzinermönch Marco d'Aviano, der Legat des Papstes in Wien, der die Messe vor der entscheidenden Schlacht gelesen hatte.

Und natürlich der Wiener Stadtkommandant Ernst Rüdiger von Starhemberg, der im Heimwehrführer gleichen Namens - einem direkten Nachfahren - einen politischen Wiedergänger fand, der sich ideal für zeitgenössische Anknüpfungspunkte anbot.

"Wir freuen uns, dass der Name und die Familientradition Starhembergs gerade in der heutigen Zeit in uns so lebendig ist", zitierte etwa die "Neue Freie Presse" eine Rede von Dollfuß. Umgekehrt versuchte die links-liberale Presse den Beitrag des 1683er-Starhembergs zu schmälern: Nicht er, sondern Karl V. von Lothringen sei der "Kopf in diesem Feldzug" gewesen, schrieb die Arbeiterzeitung.

Der 1933er-Starhemberg selbst versuchte hingegen, die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Zwar wurden aus den Türken Bolschewiken, die Gefahr drohte aber weiter aus dem Osten: "Ich glaube, es liegt im Sinne der Kämpfer von 1683, auch das Jahr 1933 zum Jahr der Befreiung Wiens von einer anderen Gefahr, die vielleicht viel ärger ist, zu machen." Der konkrete Feind, den er meinte, saß in Form der Sozialdemokratie im Wiener Rathaus; die "Befreiung" im Sinne des Heimwehrführers sollte erst 1934 erfolgen, als die Austrofaschisten den Februaraufstand der Arbeiterbewegung blutig unterdrückten.

1983: Kommunistische Gefahr aus dem Osten

Politisch sehr anders sah die Situation im 300. Jubiläumsjahr aus: 1983 war es deshalb der Wienbesuch von Papst Johannes Paul II., der den Rahmen der medialen Berichterstattung bildete. Konsequenterweise stand die Dimension der Religion wieder im Vordergrund, und hier besonders Jan Sobieski. Als "Landsmann" (Kronenzeitung) sei er dem Papst sehr ähnlich, etwa was seine Verehrung der Mutter Maria betraf.

Auch diesmal gab es eine aktuelle Entsprechung der Gefahr, die aus dem Osten kommt, diesmal sogar in Blockform. "Damit hält man auch 1983 an Thematisierungsformen fest, die auf dem altbekannten bipolaren Prinzip fußen: Der Gruppe der ... Katholiken steht ein Feind gegenüber, der diese Gemeinschaft beständig - und zwar in wechselnder Gestalt - bedroht", schreibt Bittmann. Aber nicht nur der Ostblock war als Feind identifiziert, erstmals finden sich auch mediale Verweise auf türkische Zuwanderer.

Gegenwart: Weiterhin Ideologie

In der Gegenwart - dem letzten Untersuchungszeitpunkt von Bittmann - dominieren diese Verknüpfungen mit dem Migrations- und Integrationsthema. Die Rede von einer "dritten Türkenbelagerung", die demografisch bedingt sei, gehört heute zum bekannten Arsenal rechter Politikrhetorik. Die Kommunikationswissenschaftlerin erinnert u.a. an die Broschüren der FPÖ zur Wienwahl 2010, die ein Comic über die Zweite Türkenbelagerung beinhaltete und eindeutige Anspielungen auf die Gegenwart unternahm.

Die beständige Warnung vor einer "türkischen Gefahr" sieht Bittmann als ein "schweres Erbe". Der Vergleich der medialen Beschäftigung mit der Türkenbelagerung von 1683 über die Jahrhunderte hinweg zeige, wie sehr der aktuelle Zeitgeist das Thema bestimme. Im besten Fall, so die Forscherin, könne man dadurch in Zukunft "wacher sein" für eine weitere "ideologische Vereinnahmung" des historischen Ereignisses.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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