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Daniela Katzenberger singt oder spricht in ein Mikrophon

"Fernsehen ist kein Fenster zur Welt"

Vor sechs Jahren hat der Entertainer Harald Schmidt das Programm deutscher Privatsender als "Unterschichtenfernsehen" bezeichnet. Einige Jahre, viele Feuilletonartikel und unzählige "Big Brother"-Staffeln später beschäftigen sich Forscher immer noch intensiv mit den Auswüchsen und Auswirkungen der Reality-TV-Formate.

Medienwissenschaft 10.06.2011

Wer glaubt, etwas über die Menschen in "Saturday Night Fever" und Co. zu wissen, hat sich jedenfalls getäuscht: Formate des vermeintlichen "Unterschichtenfernsehens" haben nur wenig mit der Lebensrealität gemein. Andrea Seier vom Institut für Theater-. Film-, und Medienwissenschaft hat mit science.ORF.at über Fernsehen für die Ober-, Mittel-, und Unterschicht gesprochen.

Der Begriff Unterschichtenfernsehen taucht immer wieder auf - in den Feuilletons und in wissenschaftlichen Debatten. Was ist denn dran an diesem vieldiskutierten Wort?

Porträt Andrea Seier

Andrea Seier

Andrea Seier ist Universitätsassistenin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. Sie hat die Tagung "Klassenproduktion: Fernsehen als Agentur des Sozialen" zum Thema Unterschichtenfernsehen von 9. bis 11. Juni initiiert.

Andrea Seier: Ich würde den Begriff Unterschichtenfernsehen gar nicht verwenden. Viele verstehen darunter Reality TV, also Fernsehsendungen wie "Saturday Night Fever", "Bauer sucht Frau" oder "Das Geschäft mit der Liebe" auf ATV. Es heißt oft: Am Bildschirm sind dieselben Menschen zu sehen, wie die, die davor sitzen. Jene, die diesen Begriff verwenden, glauben also zu wissen, was darunter zu verstehen ist. Man kann aber nicht einfach von Fernsehformaten auf die Lebensrealität schließen und davon ausgehen, dass solche Sendungen etwas über eine soziale Schicht aussagen - das ist diskriminierend.

Der deutsche Historiker und Soziologe Paul Nolte sieht im Unterschichtenfernsehen eine kulturelle Verarmung. Er meint, dass kulturelle Verwahrlosung die zentrale Ursache für prekäre Lebenslagen ist. Geben Fernsehformate also doch Auskunft über unsere sozialen Lebensverhältnisse?

Fernsehen ist kein Fenster zur Welt und bildet wie gesagt keine soziale Realität ab. Auch Reality Formate sind inszeniert. Nolte begeht den Fehler, die Protagonisten aus bestimmten TV-Formaten mit Angehörigen des Prekariats gleichzusetzen. Andererseits ist es auch nicht so, dass Reality TV Realität frei erfindet. Es gibt bestimmte Vorannahmen: Wie könnte man Menschen zeigen, die wenig Geld haben? So ein Gedanke schließt an der Realität an. Die Sendungsverantwortlichen glauben etwas über die Realität zu wissen und setzen diese Vorstellung in ihren Sendungen um. Indem man Fernsehformate wie "Saturday Night Fever" als Unterschichtenfernsehen bezeichnet, fördert man auf jedem Fall die starke Differenzierung zwischen sozialen Schichten.

Ist das, was Fernsehen heute bietet, also sogenanntes Unterschichtenfernsehen und Quality TV ein Angebot für zwei gesellschaftliche Klassen?

Das Fernsehprogramm ist etwas ausdifferenzierter und bemüht sich nach wie vor in sämtlichen Zielgruppen um Zuschauer. Aber es wird in der Tat ein Graben in der Gesellschaft geschaffen – allein schon indem die bürgerliche Mitte beschlossen hat, sich mit dem Begriff Unterschichtenfernsehen abzugrenzen. Die Menschen, die in Reality TV Formaten zu sehen sind gelten oft als Leute, die nicht der bürgerlichen Leitkultur angehören. Eine interessante These in diesem Zusammenhang ist: Reality Formate dienen manchen dazu, sich selbst in den Protagonisten wiederzufinden. Gleichzeitig erlauben diese Sendungen der bürgerlichen Mitte sich abzugrenzen und sich zu empören.

Reality TV Formate richten sich also auch an jene, die sich beim Zusehen fremdschämen?

Genau. Die bürgerliche Mitte, die sich von den Formaten der Privatsender abgrenzt hat nämlich ein Problem: Sie hat Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg. Es könnte sein, dass man den Job verliert und finanziell nicht besser da steht, als ein Sozialleistungsempfänger. Aber wenigstens kann man dann während einer Reality TV Sendung noch sagen: "Ich bin immer noch besser als die." Und insofern wird so auch das Selbstverständnis der bürgerlichen Mitte durch die Angebote im Fernsehen hergestellt. Die einen bejahen es, die anderen empören sich – aber immer werden Identitätsentwürfe produziert. Es entstehen soziale Realitäten – und hier formiert sich die Gesellschaft.

Rund um den Globus gibt es Reality Formate - den Begriff Unterschichtenfernsehen gibt es aber nur im Deutschen. Wie wird dieses Thema international diskutiert?

Zu Beginn der 1990er Jahre gab es in den USA und Großbritannien bereits eine Debatte um das sogenannte Trash TV, also Reality Formate im Fernsehen. Die Medienwissenschaftlerin Amy West hat jetzt in dem Oxford Journal "Screen" den Begriff "Cultural Dirt" ins Spiel gebracht. Sie untersucht das „schmutzige“ Image des Fernsehens, das heißt, dass es kulturell weniger akzeptiert wird, als beispielsweise Zeitunglesen. Anhand der Ratgebersendung „How Clean is your House?“ untersucht sie den Zusammenhang zwischen dem Image des Fernsehens, den Schmutz, der in der Sendung zu sehen ist und die Darstellung der Protagonisten.

John Hartley hat sich bereits 1983 mit dem "schmutzigen" Image des Fernsehens beschäftigt. Er ging davon aus, dass das damit zu tun hat, dass das Fernsehen ganz unterschiedliche Zielgruppen anspricht und die fließenden Grenzen zwischen Kultur, Unterhaltung und Kommerz. In den 1980er Jahren war Fernsehen ja noch etwas, dass alle möglichen Generationen und sozialen Schichten bedient hat. Sendungen wie "Wetten Dass..?" sind aus der Idee heraus entstanden, dass die ganze Familie vor dem Fernseher sitzt. Mit den vielfältigen Möglichkeiten, die es heutzutage gibt fernzusehen, verändert sich auch die Rolle des Fernsehens im Alltag. Es ist nicht mehr nur dem häuslichen Wohnzimmer verknüpft. Dadurch ändern sich auch die Sehgewohnheiten. Mit Quality und Trash TV, als die zwei dominanten Lager, stellt sich heute die Frage: Schafft es das Fernsehen noch eine gesellschaftliche Mitte zu bedienen?

Interview: Christine Baumgartner, science.ORF.at

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