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Männer schweißen an der TU Wien

Studie: TU Wien bevorzugt Männer

Karriere zu machen ist für Frauen an der Technischen Universität Wien schwierig: Der Frauenanteil in allen Studienrichtungen wird entlang der Karriereleiter immer geringer, Männer werden laut einer TU-eigenen Studie bei Bewerbungen bevorzugt.

Gender 15.06.2011

Ein höherer Frauenanteil unter den Studienanfängern führt deshalb auch nicht automatisch zu einem höheren Frauenanteil in den oberen Hierarchien der Wissenschaft, heißt es in der "Leaky Pipeline"-Studie, die am Mittwoch von der TU Wien vorgestellt wurde.

Sabine Köszegi, Studienleiterin und Ökonomin am Institut für Managmentwissenschaften, empfiehlt als Gegenmittel eine Strategie, die vor Jahren schon das Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) angewendet hat.

Viertel Studentinnen, acht Prozent Professorinnen

Die Studien:

  • Leaky Pipeline - Executive Summary:
PDF (340.3 kB)
  • Analysis of Student Dropout at Vienna University of Technology:
PDF (516.5 kB)

An der TU Wien, wo mit Sabine Seidler ab Herbst die erste Rektorin an der Spitze einer Technischen Universität in Österreich steht, ist ein Viertel (25,1 Prozent) der Studenten weiblich, ebenso bei den Erstabschlüssen. Der Professorinnenanteil liegt jedoch nur bei 7,6 Prozent.

"Wenn auch Frauen, die sich bereits für eine technische oder naturwissenschaftliche Karriere interessieren, 'durch die Maschen' fallen, besteht Handlungsbedarf für die TU Wien", so Vizerektor Gerhard Schimak.

Das Problem beginnt laut Studie bereits sehr früh: So liegt die Abbruchquote unter Studentinnen um 30 Prozent höher als bei männlichen Studienkollegen mit identen Voraussetzungen.

Schlechte Karten bei Personalauswahl

Hat eine Frau dann einmal ein Studium abgeschlossen und bewirbt sich für eine ausgeschriebene wissenschaftliche Position an der TU, sinken ihre Chancen, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, wenn ihr Geschlecht aus dem Lebenslauf ersichtlich ist.

"Wir haben Experimente mit rund 40 Professoren, 50 Angehörigen des Mittelbaus und über 200 höhersemestrigen Studierenden von drei Fakultäten - Bauingeneurswesen, technische Chemie und Maschinenbau - gemacht. Sie haben vergleichbare Lebensläufe in 'geschlechterblinder' und in 'normaler' Form erhalten", erklärte die Studienleiterin Sabine Köszegi gegenüber science.ORF.at.

"Das Resultat war überall das gleiche: Bei Lebensläufen werden Frauen, die als solche erkennbar sind, deutlich seltener ausgewählt als Männer."

Geschlechtersteretoypen bei Begründen

Ö1 Sendehinweis:

Berichte über Frauen und Männer und wer oder was sie dazu macht. Ein Ö1 Jahresschwerpunkt 2011 aus Anlass des Jubiläums "100 Jahre internationaler Frauentag":
Mehr dazu in oe1.ORF.at

Als Begründung argumentierten die Versuchsteilnehmer "geschlechtertypisch": Während Frauen im "blinden" Szenario Kompetenzen wie Durchsetzungsfähigkeit und Zielorientiertheit attestiert bekommen, verlieren sie diese vorteilhaften Einschätzungen, sobald sie als Frauen erkennbar sind. Genau der gegenteilige Effekt tritt bei männlichen Bewerbern auf: Durch Zuschreibung vorteilhafter Eigenschaften wie Überzeugungsvermögen oder Führungskompetenz werden sie im regulären Szenario deutlich besser eingeschätzt als im geschlechterblinden Szenario.

Die Hoffnung, nachkommende Generationen würden bereits weniger stereotyp entscheiden, hat das Experiment ebenfalls getrübt: Zwischen den Gruppen der Professoren, der Angehörigen des Mittelbaus und der Studierenden gibt es keine signifikanten Unterschiede im Entscheidungsverhalten.

Ob Frauen anders über Frauen denken als Männer, konnte indes nicht erhoben - dafür war ihr Sample unter den Versuchspersonen schlicht zu klein, wie Studienleiterin Köszegi erklärte.

"Assimilationsdruck und Konflikte"

Auch am Arbeitsplatz selbst werden Frauen benachteiligt. Wie sich in Biografieanalysen von ehemaligen TU-Wissenschaftlerinnen zeigt, sind Frauen auf jeglicher Hierarchieebene in der Minderheit und dabei "von Assimilationsdruck und Konflikten betroffen".

Ihre Karrieren selbst sind wiederum "durch starke Abhängigkeit von (männlichen) Förderern gezeichnet". Verglichen zu Mitarbeitern der Dienstleistungseinheiten sind Mitarbeiter in den Fakultäten zudem deutlich häufiger aggressiven Handlungen am Arbeitsplatz ausgesetzt, wie eine Umfrage ergab.

Für die designierte TU-Vizerektorin für Personal und Gender, Anna Steiger, liefern die Erkenntnisse die Grundlage für nachhaltige Maßnahmen gegen die Leaky Pipeline an der TU Wien: "Die Ergebnisse aus dem Leaky Pipeline Projekt sind schockierend und bedeuten einen klaren Arbeitsauftrag für die TU Wien."

M.I.T. als Vorbild

Was das konkret heißen mag? Studienleiterin Köszegi rät, sich an den Besten der Branche zu orientieren. "Vor zehn Jahren ist das M.I.T. an der gleichen Stelle gestanden wie die TU Wien heute. An den Fortschritten danach sollte man sich ein Vorbild nehmen", sagte die Forscherin.

"Grundlegend war das Eingeständnis der Institution, dass es sich dabei um eine Diskriminierung handelt und nicht um ein Kavaliersdelikt."

Erst mit dieser Grundeinsicht seien konkrete Maßnahmen sinnvoll: etwa analog zum M.I.T. die Blindauswahl bei der Rekrutierung von zukünftigem Personal, die Einrichtung von Gender-Professuren oder Gender Budgeting. Davor gelte es aber noch das "Tal der Tränen zu durchwandern", wie es Köszegi nennt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at/APA

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