Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Voodoo ist Aufarbeitung der Sklaverei""

Ein Zombie des Vodu

"Voodoo ist Aufarbeitung der Sklaverei"

Körper in Trance, aggressives Trommeln, eine Prozession der Lebenden mit den Toten: Manche Praktiken des Voodoo sind für westlich geschulte Augen schwer zu durchschauen. Für viele verarmte Karibikbewohner sind sie aber bis heute wichtig. Einerseits um ihren Alltag besser zu bewältigen, andererseits wird in den Riten an die Gewalt der Sklaverei erinnert.

Kulturwissenschaften 17.06.2011

Das jedenfalls sagt die Kultur- und Sozialanthropologin Clarissa Thurnher. Sie weiß, wovon sie spricht. Seit 2006 war sie mit Unterbrechungen rund zwei Jahre lang in der Dominikanischen Republik und hat die Voodoo-Kulte (korrekt: Vodú) des Landes untersucht - in erster Linie den Gagá, eine rituelle Osterprozession, die der Toten gedenkt.

Portraitfoto von Clarissa Thurnher

privat

Clarissa Thurnher ist Doktorandin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und zurzeit Junior Fellow am IFK Wien.

Ihre Diplomarbeit "La 21 Division - Vodú in der dominikanischen Republik" kann man auf der Homepage der Uni Wien nachlesen.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 20.6. hält Clarissa Thurnher einen Vortrag mit dem Titel "!Fuego Petro! Der Tanz mit den Toten".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Prozession eines Gagá

Clarissa Thurnher

Prozession eines Gagá

Initiation in den Gaga

Clarissa Thurnher

Initiation in den Gagá

Magische Arbeiten: Behälter können mit Totenseelen gefüllt werden, wie bsw. Flaschen oder Stoffpakete.

Clarissa Thurnher

Magische Arbeiten: Behälter können mit Totenseelen gefüllt werden, wie z. B. Flaschen oder Stoffpakete, diese Totenseelen werden als Zombies bezeichnet. In die Flasche werden zudem persönliche Objekte des zu "Verhexenden" gefüllt.

Zombies im Gagá sind dafür zuständig negative Energien mit ihrem Besen zu reinigen.

Clarissa Thurnher

Im Gagá ist der Zombie jemand, der sich in Trance mit einer Totenseele befindet. Diese Zombies im Gagá sind dafür zuständig, negative Energien mit ihrem Besen zu reinigen, dies dient ebenfalls zum Schutz des Gagá.

science.ORF.at: Wie darf man sich Ihre Arbeit vorstellen: Schwarze Männer und Frauen in Trance, darum herum eine Gruppe weißer Anthropologen aus dem Westen, die Notizen machen?

Clarissa Thurnher: Nein, die rituellen Praktiken - ich forsche vor allem zu dem sogenannten Gagá - finden in privaten Häusern statt. Man muss also jemanden kennen, um dabei zu sein. Seitdem ich mich damit beschäftige, habe ich nur ein, zwei andere Anthropologen getroffen, dazu noch einen Fotografen, der gerade an einem Bildband arbeitet. Es gibt auch nicht sehr viele Bücher zu dem Thema, wie im Gegensatz über den haitianischen Vodú.

Nachdem Sie sich seit Jahren damit beschäftigt haben: Ist Vodú reiner Mumpitz oder ist da etwas dran?

Vodú gibt den Menschen Kraft, denn diese stehen unter der schützenden Hand eines Vodú-"Geistes", aber diese Beziehung ist reziprok. Der Spirit erwartet sich von den Gläubigen eine Gegenleistung für seine spirituelle Kraft, die dazu dienen kann, Krankheiten zu heilen, sich von negativen Energien zu lösen oder auch um "Magie" zu praktizieren, wie z. B. Liebeszauber. Im Gegensatz zur christlichen Doktrin, in der eine "Erlösung" im Jenseits erwartet wird, erhoffen sich die Vodú-Gläubigen eine Erfüllung im Diesseits, vor allem um ihre profanen Bedürfnisse zu stillen.

Hierfür leistet der Gläubige spirituelle "Arbeit": Das ist ein kulturelles Konzept, das in Haiti und der Dominikanischen Republik auf Resonanz trifft - Gesellschaften, die sich aus Sklavengemeinschaften formten und in denen Menschen regelrecht zu Tode gearbeitet wurden. Die spirituelle Arbeit wird geleistet in Form von Festen wie dem Gagá, Blumen, Alkohol, was immer die Spirits wollen. Im Gegenzug bekommt man etwas: Jemand wird gesund, man bekommt einen Job oder man bindet jemanden durch einen Liebeszauber.

Alles Wünsche, die in anderen Gesellschaften andere Institutionen zu erfüllen versprechen ...

Ja, bei uns geht man da vielleicht zum Therapeuten oder zum Arzt. Vodú in der Dominikanischen Republik wird für eine Reihe von Dingen benutzt: um sich spirituell weiterzuentwickeln, sich zu reinigen oder von negativen Energien zu befreien, so dienen z. B. indigene Geistwesen zur Reinigung so wie bei uns der Besuch einer Heilquelle.

Das Ganze ist aber auch ein Geschäft?

Natürlich, in den Ländern, wo Vodú praktiziert wird, herrscht für große Teile der Bevölkerung bittere Armut, ein Mangel an Arbeit, Hygiene und Gesundheit. Dadurch steigt die Nachfrage nach magischen Hilfsmitteln. Viele Krankheiten werden etwa durch Verwünschung oder einen entsendeten Totenseele erklärt, da braucht man jemanden, der vermittelt.

Und dafür gibt es die Vodú-Priester, von denen es wiederum zwei Arten gibt: die einen, die ihre Gabe mit den Spirits zu interagieren, von "Gott" haben und damit geboren wurden, und die anderen, die sich durch die spirituelle Arbeit mit einem Spirit erhoffen, viel Geld zu verdienen. So ist es Praxis, dass Spirits gekauft werden können. Den Vodú-Priestern, die Spirits kaufen, wird nachgesagt, sie seien böse.

Was genau ist der Gagá?

Ein Ritus des Vodú, der sich alljährlich zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag abspielt. Er wird nur von jenen Vodú-Priestern zelebriert, die in einer spirituellen Beziehung zu den "petro Spirits" stehen. Das sind die stärksten Spirits überhaupt, sie symbolisieren den Widerstand der Sklaven gegen die Kolonialmacht. So ziehen in diesem Ritus die Mitglieder der Gagá-Gruppe von einer Zuckerrohrsiedlung zur anderen, in einem tanzenden Marsch.

Charakteristisch für diesen Ritus ist es, Totenseelen vom Friedhof zu holen, diese werden dann in einem Ritual auf die Mitglieder des Gagá "gebunden", so tanzen die Tänzer mit den Totenseelen. Für christliche Missionare muss es sehr erschreckend sein, dass die Toten zum Leben erweckt werden, da für Christen nur Jesus auferstanden ist. Viele Adepten glauben also, da ein Großteil selbst getauft ist und "oft in die Kirche" geht, dass sie mit dem "Teufel" tanzen würden.

Einerseits spiegelt der Vodú einen katholischen Einfluss wider, denn die Spirits werden z. B. als Figuren katholischer Heilige dargestellt. Auf der anderen Seite erinnern die Riten des Gagá aber auch an die völlig unverarbeitete Geschichte der Sklaverei.

Inwiefern?

Ab dem Zuckerboom auf den karibischen Inseln im 16. Jahrhundert begann der Massenimport von Sklaven auf die Insel Hispaniola, dem spanischen Teil, und Saint Domingue, dem französischen Teil. Diese Sklaven wurden direkt von der westafrikanischen Küste über den Atlantik in die Neue Welt deportiert.

Das spiegelt sich bis heute im Vodú wider, dessen Götterpantheon verschiedene Divisionen oder "nations" kennt, die sich wiederum auf diese Ursprungsregionen in Afrika beziehen. Innerhalb der Gagá-Riten werden Erinnerungen an die Sklaverei durch "Verkörperung" in der rituellen Performance widergespiegelt.

Etwa an die vielen, zumeist gescheiterten Aufstände: Manche Bewegungen des Gagá erinnern an Kriegsvorbereitungen. Andere Tänzer bewegen sich, als ob sie Ketten hinter sich herziehen würden. Und auch die Zombies erinnern an die Erfahrungen der Sklaverei.

Die Untoten, die sich in Hollywood so gut bewähren?

Es gibt da verschiedene Traditionen. Der Mythos des Zombies, wie wir ihn aus Filmen kennen, stammt aus Haiti. Dort gibt es eine Praktik, die es erlaubt, dass Vodú-Priester die Toten zum Leben erwecken. Aufgrund eines sozialen Konflikts kann eine Person von Vodú-Priestern vergiftet werden und dann in der Nacht von diesem mit einem Gegenmittel aus dem Grabe geholt werden. Dieser auferstandene seelenlose Tote – der Zombie – muss dann sein Leben lang für den Vodú-Priester arbeiten.

Die Zombies der Gagá sind hingegen geistige Wesen, die einerseits den Gagá und dessen Tänzer stärken und andererseits magische Waffen in ihrer Wirkung bekräftigen sollen. Der Vodú-Priester entwendet diese Totenseelen vom Friedhof und schließt sie dann in ein Gefäß. Den Totenseelen, die vom Vodú-Priester für magische Zwecke entsendet werden, wird etwas Persönliches, wie Haare, Fingernägel, etc. dem zu "Verhexenden" hinzugefügt.

Worin besteht nun die Erinnerung an die Sklaverei in dem Ritus?

Der Vodú-Priester des Gagá repräsentiert in seiner Glaubensgemeinde die ultimative Macht, seine Hilfsleute knallen mit den Peitschen auf den Boden, zeigen den Tänzern, wo es langgeht, und zwingen die Totenseelen sich zu bewegen - zu "arbeiten". Der Tanz des Gagá ist wild, aggressiv, aber auch sexuell.

Bezeichnend sind die marschierenden Tanzschritte der Tänzer, die so laufen als seien sie angekettet. Die Zombies, die in ihren Behältnissen eingesperrt sind, symbolisieren die gekidnappten Sklaven bei ihrer Verschiffung in die Neue Welt. Nach der Freilassung des Zombies aus dem Behälter wird er zur rituellen Arbeit für die Vodú-Priester gezwungen, wie damals der Sklave auf der Plantage.

Eine These meiner Arbeit ist, dass der Gagá das Machtsystem und die Gewalt der Sklavenrebellionen in seinen Riten widerspiegelt und dass der Vodú-Priester als charismatischer Führer nun seine eigenen Sklaven besitzt.

Eine Art Selbstermächtigung, indem man spielerisch mit einer schrecklichen Vergangenheit umgeht?

Spielerisch würde ich nicht sagen, die rituelle Arbeit wird von allen sehr ernst genommen. Die Geschichte der Sklaverei wird ja als solche nicht angesprochen, deshalb denke ich nicht, dass die Widerspiegelung etwaiger Erinnerungen an diese Zeit bewusst erfolgt. Für die Adepten geht es um die Erfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber den Entitäten des Gagá.

Der Vodú-Priester ist in seiner Gemeinde sehr anerkannt. Er hat aufgrund seiner speziellen Beziehungen zu den Geistern die absolute Macht und weiß das. Dennoch glaube ich nicht, dass er sich mit einem Plantagenbesitzer vergleicht, es geht in meiner Arbeit vor allem um die Argumentation, wie "verkörperte Erinnerungen" an die Sklaverei in der rituellen Praxis der Gläubigen reflektiert wird. Diese Erinnerungen basieren nicht auf einem spezifisches Ereignis, mehr auf einem kollektiven Lebensumstand.

Ist Vodú die Antwort, wie die Nachkommen der Sklaven in Haiti und der Dominikanischen Republik mit den Folgen der Sklaverei umgehen?

Meiner Meinung nach leidet die Dominikanische Republik ohne Frage unter einem unbeantworteten kulturellen Trauma. Im Gegensatz zu den USA oder anderen Ländern hat es hier nach Beendigung der Sklaverei keinerlei Tendenzen zu einer Reafrikanisierung oder Aufarbeitung des Traumas gegeben. Der Hang zu Vodú, der in den vergangenen Jahren eher zugenommen hat, bietet vielen Kraft und Stärke, um die schwierigen Lebensumstände zu meistern.

Vodú ist aber auch nicht die Antwort auf die Frage, denn wir dürfen nicht vergessen, dass in dem Land extreme Klassengegensätze herrschen. Die weiße Oberklasse negiert das afrikanische Erbe. Sie predigt, dass das alles Hexerei ist. Für die Unterklasse bedeutet es hingegen, sich über die Riten zu organisieren, um einen Halt in der Gemeinschaft zu finden, und sich mit ihrer Kultur und Identität auseinanderzusetzen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: