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Verlängerung eines Beinknochens

Knochen um 26 Zentimeter verlängert

Nach einem schweren Unfall im Vorjahr ist ein 15-jähriger Patient knapp davor gestanden, sein linkes Bein zu verlieren. Mit einer innovativen Methode gelang es Ärzten am Wiener AKH aber, seinen stark verkürzten Oberschenkelknochen wiederherzustellen: Er wurde innerhalb von acht Monaten um 26 Zentimeter verlängert.

Medizin 20.06.2011

Bei der Kallusdistraktion (Knochenverlängerung) wird der unfallbedingt verkürzte Röhrenknochen durchschnitten, wodurch eine künstliche Wachstumsfuge entsteht. Mit der kontrollierten Dehnung dieser Fuge kann der Knochen auch bei Erwachsenen verlängert werden.

Dazu wird ein ringförmiger, äußerer Rahmen angebracht, der mit den durchtrennten Knochen verbunden ist und sukzessive auseinanderbewegt wird.

Operation und Verlängerung des Beinknochens

Medizinuni Wien

"Nailing after Lengthening"

"Pro Tag kann der Knochen im Idealfall um einen Millimeter gedehnt werden. Weitere zwei Tage pro Millimeter sind für das Aushärten des Knochens nötig", erläuterte Unfallchirurg Gerald E. Wozasek von der Universitätsklinik für Unfallchirurgie der MedUni Wien am Montag.

"Als Faustregel entspricht bei der konventionellen Kallusdistraktion also ein Zentimeter Knochenverlängerung einem Monat Tragen des äußeren Rahmens. Gerade bei großen Dehnungen kann die Kallusdistraktion dadurch langwierig und unangenehm sein."

Bei der Alternative, der NAL-Methode (Nailing after Lengthening), zählt Wien zu den Vorreitern. Wozasek hat diese Methode, bei der nach Abschluss der Dehnung auf einen Marknagel als internes Stabilisierungssystem gewechselt wird, schon mehrfach erfolgreich angewendet. Der große Vorteil liegt in der Zeitersparnis: Der Patient muss den Rahmen um zwei Drittel kürzer tragen als sonst.

Verlängerung statt Amputation

Sendungshinweis:

Der ORF begleitete Patrick nach seinem Mopedunfall und die Rekonstruktion seines Oberschenkels:
ORF1 direkt- das Magazin, Di., 21. Juni, 22:50Uhr.

Der Patient, der 15-jährige Patrick, war im Juli 2010 schwerst verletzt worden: Auf 26 Zentimetern Länge wurde der linke Oberschenkelknochen über dem Knie ab- und ein großes Stück des Oberschenkels herausgetrennt. Das Bein hing nur noch an einigen Muskeln, Nerven und einer Arterie. Das Kniegelenk war zerstört. "Die Wunde sah aus, als ob der Knochen herausgerissen wurde", berichtete Wozasek. "In meiner gut 30-jährigen Arbeit als Unfallchirurg habe ich so etwas noch nie gesehen."

"Da das Knie zerstört war, musste Patrick klar sein, dass sein Bein steif bleibt. Nach einer Amputation hätte er innerhalb von drei Wochen nach Hause können", beschrieb Wozasek.

Für den jungen Niederösterreicher war das keine Option. Anfang September 2010 startete am AKH die Rekonstruktion. Wozasek zersägte den Knochen an zwei Stellen und setzte einen äußeren Rahmen. Damit begann die Verlängerung von Patricks Ober- und Unterschenkelknochen.

80 Zentimeter langer Marknagel

Im Mai 2011 war es so weit: Der Knochen war in nur acht Monaten um 26 Zentimeter länger geworden. Vor wenigen Tagen entfernte der Chirurg nun in einer vierstündigen Operation den externen Rahmen.

Ein 80 Zentimeter langer Marknagel verbindet den Unter- mit dem Oberschenkel. Schon bald werde der mittlerweile 16-Jährige wieder mobil sein, betonte Wozasek. "Noch im Aufwachraum bedankte er sich für die Operation. Das war für mich der schönste Augenblick."

science.ORF.at/APA

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