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Hände mit Handschuhen fassen in einen Berg Tabletten

Doping fürs Hirn: "Sinnlos, riskant und teuer"

Schon Schüler setzen auf Wundermittel aus der Pillendose. Sie erhoffen sich bessere Noten mit Hilfe von Medikamenten. Der Erfolgsdruck in Schule, Ausbildung und Beruf wächst stetig. Doch Suchtexperten warnen vor solchem "Hirndoping".

Suchtgefahr 21.06.2011

In den 60er Jahren nahmen viele Leute Drogen, um sich der Bürgerlichkeit zu entziehen. Heute dagegen schlucken schon Jugendliche Medikamente, um die Anpassung an die Gesellschaft zu schaffen.

Kinder handeln auf Schulhof

Dass es illegal ist, sich ohne Rezept verschreibungspflichtige Medikamente zu beschaffen, die teils unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, steht für manchen offenbar hintenan. Gelegentlich frage er seine Studenten, wer schon Erfahrung mit einschlägigen Mitteln gemacht habe, berichtet Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Da strecke etwa jeder Zehnte den Finger hoch.

Viele Medikamente seien ohne Rezept über das Internet zu bekommen, enthielten jedoch teilweise gar keinen Wirkstoff oder seien überdosiert und damit gefährlich. Den Internetseiten sei kaum beizukommen: Werde die eine gesperrt, sei gleich die nächste da.

In den USA, wo das Medikament Ritalin gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS bereits zehn Prozent der Kinder verschrieben werde, handelten Kids damit schon auf dem Schulhof. Denn Ritalin mit dem Wirkstoff Methylphenidat soll die Konzentration steigern - man könne hellwach lernen wie eine Maschine, behaupten manche.

Wissenschaftler "dopen" gerne

Im Jahr 2008 stellte die Zeitschrift "Nature" einen Fragebogen online, um die Verbreitung künstlichen "Hirndopings" unter Forschern zu erheben. Das Ergebnis: Ein Fünftel der Menschen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, nahm leistungssteigernde Medikamente aus keinem medizinischen Grund, 62 Prozent davon Ritalin - mehr dazu hier.

Positive Effekte nicht belegt

Genommen werden auch Präparate gegen Depression, Demenz oder das Schlafapnoe-Syndrom. Dabei gibt es laut Suchtexperten keine belastbaren Studien, die belegen, dass die Arzneien bei Gesunden tatsächlich positive Effekte auf die Hirnleistung haben.

Teilweise sei das Gegenteil der Fall, etwa bei Ritalin, sagt Glaeske. "Die Einnahme führt bei Gesunden nachweislich weder zu gewünschter Stimmungsaufhellung noch zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Eher erreichen sie die Verringerung der Leistungsfähigkeit und Aktivität." Die Konsumenten dieses und anderer Mittel riskierten Abhängigkeiten, Nebenwirkungen und mögliche Langzeitfolgen.

Teufelskreis

Die Pharmaindustrie habe hier ein großes Interesse, wie Glaeske sagt. Würde ein Medikament entwickelt, das nachweislich die Leistungsfähigkeit steigere, könnte das ein riesiger Zukunftsmarkt sein.

Oliver Pogarell, Leiter des Suchtbereichs in der Klinik für Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, warnt jedoch vor gravierenden sozialen Folgen: "Wenn es einer macht, werden es alle machen wollen." Dabei gebe es kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Der Weg führe in noch größeren Leistungsdruck und Abhängigkeit: "Man ist dann kein freier Mensch mehr."

Sabine Dobel, dpa

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