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Ein nachdenklicher Mann

Induktion statt Individuum

Edgar Zilsel war Philosoph, Physiker und Austromarxist im Umfeld des Wiener Kreises. Da er sich mit den sozialen Bedingungen beschäftigte, die zum Wissen und zur Wissenschaft der Neuzeit führten, gelangte er zur Methode der Induktion: dem Schluss von einer Vielzahl an Einzelfällen auf eine allgemeine Theorie.

Wissenschaftstheorie 27.06.2011

Damit komme man zwar nie zu endgültigen Resultaten, aber genau deshalb empfahl er die Induktion sowohl für die empirisch überprüfbaren Laborwissenschaften als auch für die Soziologie und Geschichtswissenschaften. Wissen war für Zilsel weniger eine Sache des Individuums als der Kollaboration, erklärt die Philosophin Monika Wulz in einem science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Wenn wir in einer fremden Stadt mit der U-Bahn fahren und anderen Menschen zusehen, wie sie durch Drücken eines Knopfs die Türen öffnen, lernen wir, wie das funktioniert. Auch ohne die Sprache zu verstehen, schließen wir durch die Beobachtung von Einzelfällen auf eine allgemeine Erkenntnis. Sind wir im Alltag alle Induktionisten?

Monika Wulz

IFK/privat

Monika Wulz ist Postdoctoral Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und zurzeit Research Fellow am IFK Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 27.6. hält Monika Wulz einen Vortrag mit dem Titel "Induktion um 1930: Verhalten in der unordentlichen Wirklichkeit".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Monika Wulz: Mit Zilsel könnte man das so sagen, ja. Das Induktionsproblem hat in der Philosophiegeschichte eine lange Tradition. Zilsel bezieht sich zwar auch auf den historischen Induktionsbegriff von David Hume, der ihn auf eine Gewohnheitsform zurückführt. Zilsel versucht aber mit diesem Begriff eine Theorie des Wissens zu begründen, die auf Häufigkeitsphänomenen beruht. Zum einen fragt er, welche empirischen Schritte zur Erlangung einer allgemeinen Erkenntnis nötig sind, zum anderen welche qualitativen Kriterien der Induktion zugrunde liegen. Er ist so radikal zu sagen, dass auch die qualitativen Kriterien auf Häufigkeitsphänomenen beruhen.

Ein anderes Beispiel für Induktion aus einem Philosophielehrbuch: Jemand wirft Gold ins Wasser und merkt, dass es sinkt. Er wirft Silber hinein und es sinkt ebenfalls. Nach weiteren schweren Metallen glaubt er: Alle Metalle sind schwerer als Wasser und sinken. Das stimmt so lange, bis man Kalium entdeckte, das leichter als Wasser ist ...

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Induktionsschluss zum Problem werden kann. Neue Experimente können ihn empirisch brechen. Zilsel trifft dabei eine grundlegende Unterscheidung: Laborwissenschaften können ganz bewusst solche Experimente durchführen und große Mengen Daten sammeln. Die Soziologie und die Geschichtswissenschaft können das hingegen nicht. Zilsel meint daher, dass man bei diesen Wissenschaften stärker mit Vergleichen arbeiten muss: kulturelle und historische Unterschiede vergleichen, um wieder induktiv verfahren zu können. Er vergleicht Soziologie und Geschichtswissenschaften eher mit dem Bereich der Geophysik und mit physikalischen Phänomenen, die nicht isolierbar sind und im Labor nicht experimentell veränderbar sind.

Induktion ist schon in den Laborwissenschaften schwierig, weil es empirische Änderungen geben kann, aber erst recht in den Gesellschaftswissenschaften: Trotzdem hält Zilsel an der Induktion fest, warum?

Was mich an Zilsel interessiert, ist dass das Wissen bei ihm aus einem induktiven Verfahren kommt und in gewisser Weise zu einem unendlichen Projekt wird. Das bezieht sich sowohl auf naturwissenschaftliche als auch auf historische und soziologische Studien und auf das Alltagswissen. Die Induktion ist eine Methode, die sich endgültigen Resultaten entzieht. Auch Zilsels sozio-historische Studien geben großteils keine endgültigen Antworten auf die historischen Fragenstellungen, die er aufwirft.

Dafür wurde Zilsel immer wieder kritisiert. Ich denke aber, dass er diese Unabgeschlossenheit der induktiven Methode zu seinem Forschungsprogramm macht. Er hat z.B. eine sozio-historische Studie veröffentlicht, die sich der Frage widmet, unter welchen sozialen Bedingungen sich die Vorstellung des Genies in der Renaissance entwickelt. Er sammelt zahlreiches historisches Material, um dieses Entstehen des Geniebegriffs zu untersuchen, geht tausende Künstlerbiographien durch. Er beendet das Buch aber mit dem Satz, dass jederzeit auch Gegenbeispiele gegen die Ergebnisse dieses Buches auftauchen könnten und dass andere Schlüsse zulässig wären.

Zilsel setzt sich dem bewusst aus, dass er die Fragen nicht endgültig beantworten kann. Dadurch changiert sein methodischer Ansatz zwischen einer gewissen Unfertigkeit und einer methodischen Stärke durch diese Unfertigkeit im Sinne eines "Hier kann man noch weiterarbeiten".

Zilsel war ja auch Austromarxist. Für einen Teil des Marxismus ist Wissenschaftlichkeit ganz wichtig, um Gesellschaft und Geschichte nicht nur zu erklären, sondern auch Zukunftsprognosen zu wagen. War das auch für ihn ein Antrieb?

Ich denke, mit der Forderung nach einer quantitativen Untersuchung gesellschaftlicher Prozesse geht es Zilsel nicht nur um die "wissenschaftliche" Absicherung von Zukunftsprognosen. Mit Zilsel könnte man zeigen, dass die Form und Möglichkeit wissenschaftlicher Prognosen selbst einer historischen Entwicklung unterliegen. Das quantitative Denken um 1600 bezieht sich ausschließlich auf physikalisch-mechanische Phänomene. Es geht um die Voraussage über das Eintreten mechanisch-kausaler Wirkungen aus den bisherigen Beobachtungen.

Diese wissenschaftshistorische Entwicklung des mechanistischen Denkens setzt Zilsel in Verbindung mit der Entwicklung des frühneuzeitlichen Kapitalismus. Die Berechenbarkeit mechanischer Vorgänge diente ihm dazu, die maschinelle Produktion voranzutreiben, und förderte eine kapitalistische Gesellschaftsstruktur. Andererseits interessiert sich Zilsel auch für die Entwicklung nicht-mechanistischer Gesetzmäßigkeiten seit dem 19. Jahrhundert, wie sie etwa für die Elektrizität und Thermodynamik diskutiert wurden. Diese Form von Prognosen will er in die Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften einführen.

Vor diesem Hintergrund versucht Zilsel eine Kapitalismuskritik anhand soziologischer Untersuchungen, die zwar auf quantitativen Methoden basieren, aber auf nicht-mechanistische Prognosen abzielen. Die quantitative Soziologie und Geschichtswissenschaft soll also über das mechanistische Denken, das das kapitalistische Denken stützt, hinausgehen. Es handelt sich nicht um eine Kapitalismuskritik, die sagt: Das Berechnen ist schlecht, und wir müssen zurück zum Individuellen und Intuitiven. Vielmehr geht es um die Idee, das quantitative Denken und das Berechnen nicht nur in den Naturwissenschaften und in der Ökonomie anzuwenden, sondern auf die Untersuchung nicht-mechanistischer, statistischer Gesetzmäßigkeiten auszudehnen und auf diese Weise auch Geschichte und Gesellschaft zu untersuchen.

Zilsel hofft, dass dadurch eine nicht-mechanistische Form von Prognosen ermöglicht wird, die auf der gesellschaftlichen Ebene gegen die kapitalistischen Entwicklungen eingreifen. Diese Idee des Weitertreibens der kapitalistischen Rationalität in eine nicht-kapitalistische Form findet sich in dieser Zeit u.a. auch bei Bertolt Brecht, Siegfried Kracauer und Alfred Sohn-Rethel.

Woher kam dieses Interesse der - nicht nur - marxistischen Autoren dieser Zeit an Naturwissenschaften?

Ich denke, muss man das vor zwei Hintergründen sehen: Einerseits geht es darum, die Gesellschaft nicht als geistigen Zusammenhang zu begreifen, sondern gewissermaßen als "Naturprozess", d.h. die Gesellschaft in Anlehnung an die Naturwissenschaften als empirischen Prozess zu untersuchen. Andererseits deutet dieses Interesse an den Naturwissenschaften auch eine Verschiebung in den wissenstheoretischen Fragen selbst an: Es geht nicht mehr um das Wissen des Individuums, seinen Empfindungen und Wahrnehmungsbedingungen, sondern um Methodenfragen, die nicht mehr an das Individuum gebunden sind.

Bei Zilsel spielt die Induktion eben diese Rolle der Methode. Vor diesem Hintergrund kritisiert Zilsel den Subjekt-Objekt-Dualismus der traditionellen Erkenntnistheorie. Er sucht nicht mehr nach einer Bestimmung dieser Subjekt-Objekt-Relation, fragt nicht mehr nach dem Denken des Individuums, sondern rückt mit seinem Interesse am Induktionsbegriff die Verfahren zur Herstellung von Wissen in den Vordergrund.

Inwiefern beschreibt Zilsel damit auch das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft neu?

Ich würde das im Zusammenhang mit seiner Kritik am Geniebegriff sehen, die er einerseits als historische Studie zur Entstehung der Genievorstellung in der Renaissance durchführt, andererseits auch als Kritik an einem zeitgenössischen Geniekult äußert. Das Problem am Geniekult für Zilsel ist, dass er eine zweischichtige Gesellschaftstruktur erzeugt. Er zeichnet einzelne Individuen und ihre geistigen Produkte aus und setzt sie von der breiten Masse ab, die keine "Genialität" hervorbringt. Auch hier setzt Zilsel mit seinen unterschiedlichen Projekten einen Kontrapunkt: Einerseits betont er nicht die individuelle Einzigartigkeit bestimmter Ideen, sondern untersucht Wissen als historisches und soziales Phänomen.

Andererseits sehe ich auch Zilsels langjährige Tätigkeit in den Wiener Volkshochschulen als einen Versuch dieser zweischichtigen Wissensgesellschaft, die der Geniekult erzeugt, etwas entgegenzusetzen. Ziel seines Unterrichts an den Volkshochschulen war nicht, Wissen hierarchisch von oben nach unten zu vermitteln, sondern vor allem ein eigenständiges Erarbeiten von Wissensinhalten zu ermöglichen.

Ich denke, dass auch die induktive Methode als ein solches kritisches Verfahren gegen den Geniekult gesehen werden kann. Sie trifft Aussagen über Phänomene nicht anhand von Einzelobjekten oder Einzelbeobachtungen, sondern aufgrund großer Mengen von Beobachtungen. Aus diesem Grund betont Zilsel, dass die quantitativen empirischen Untersuchungen kollaborative Projekte sein sollten. Es geht also nicht um ein Wissen, das von einem Individuum ausgeht. Panajotis Kondylis beschreibt diese größere historische Entwicklung auch als "Niedergang der bürgerlichen Denkform".

Um im Alltag zu entscheiden, welches Wissen wichtig ist, verweist Zilsel auf die Nützlichkeit. Ist er ein Pragmatiker?

Zilsel betont, dass man eben nicht nach rein logischen oder mathematischen Verfahren entscheiden kann, was "richtig" ist. Seine Theorie des induktiven Wissens kann daher nicht unabhängig von der Frage nach der Anwendung von Wissen in der Empirie gedacht werden. Wissen umfasst immer auch Anwendung und Erprobung an der komplexen Wirklichkeit. Es ist nicht getrennt von Handeln und einem Sich-Verhalten in der Wirklichkeit, sondern diese Bereiche werden von Zilsel in der induktiven Methode verbunden.

Mit der Frage nach der Lebensnützlichkeit der Induktion verweist er gleichzeitig auch auf die Nützlichkeit der Häufigkeitsphänomene und der Statistik für unser Leben und unser Verhalten. Einerseits geht es also um die Frage nach der Lebensnützlichkeit des induktiven Schließens aus häufigen Einzelbeobachtungen für das empirische Alltagswissen, aber auch um eine Nützlichkeit der statistischen Betrachtungsweise für die empirischen Wissenschaften, sowohl für die Naturwissenschaften als auch für die Geschichts- und Sozialwissenschaften.

Neben dem Nutzen gibt es aber auch das Interesse - die Frage: Wem nutzt welches Wissen?

Diese Frage stellt sich gerade im Bereich der Sozial- und Geschichtswissenschaften. Hier wird es relevant, dass man ein Wissen über empirische Massenphänomene nicht rein theoretisch klären kann, sondern dass es zusätzlich pragmatische Kriterien des Wissens gibt. In diesem Sinn fragt Zilsel in seinen politischen Texten auch nach der Verantwortung des Individuums innerhalb der großen gesellschaftlichen Prozesse. Wie verhält sich der Einzelne zur Geschichte und zur Gesellschaft? Wie kann der Einzelne aufgrund des Wissens aus quantitativen historischen und soziologischen Untersuchungen in gesellschaftliche und politische Entscheidungen eingreifen?

Kann man Zilsel als "wissenschaftstheoretischen Sozialingenieur" bezeichnen, der Grundlagen für seine Nachfolger geschaffen hat?

Den Begriff Sozialingenieur würde ich eher für Neurath wählen, der sich u.a. mit seiner Bildstatistik an ein größeres Publikum gewendet hat und zum Verstehen gesellschaftlicher Prozesse und zum Eingreifen animierte. Zilsel geht es einerseits um die individuelle Verantwortung innerhalb der gesellschaftlichen Prozesse, die bei ihm auf einem induktiven Verständnis gesellschaftlicher Veränderung basieren. Andererseits erwartet er sich gerade von der Anwendung quantitativer Untersuchungsmethoden auf die Gebiete der Soziologie und Geschichtswissenschaften eine Aufklärung der eigenen Zeit.

In dem Sinne würde ich für Zilsel nicht sagen, dass er als Sozialingenieur agiert, sondern er hofft auf einen methodischen Effekt, der aus der quantitativen Untersuchung gesellschaftlicher Prozesse selbst kommen soll. Er möchte die gesellschaftlichen Strukturen öffnen aufgrund jener Methoden, die zwar das kapitalistische Denken in der frühen Neuzeit möglich gemacht haben, nun aber in Anwendung auf gesellschaftliche Fragen zu einer Kritik des Kapitalismus führen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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