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Mann hält H. erectus-Schädel

Kein Treffen mit dem Homo erectus

War Homo erectus ein Zeitgenosse oder ein Vorfahre des modernen Menschen? Neue Messungen sprechen für letzteres: Homo erectus starb deutlich früher aus als bisher gedacht, eine Begegnung mit Homo sapiens fand vermutlich niemals statt.

Anthropologie 30.06.2011

Der Pionier

Homo erectus war der Vorreiter unter den Menschenartigen. Der "aufrechte Mensch", wie sein offizieller Name übersetzt heißt, war der Erste, der systematisch auf die Jagd ging und Feuer benutzte. Und Homo erectus war auch ein Pionier im ursprünglichen Wortsinn, ein guter Fußgänger, der als erster die Kontinente erschloss.

Er breitete sich von Afrika ausgehend nach Europa und Ostasien aus und blieb dort bis - nun, darüber sind sich die Anthropologen nicht ganz einig. Die Geburtsstunde des Homo erectus siedeln die meisten Fachleute vor gut anderthalb Millionen Jahren an, seine Spuren verlieren sich in Europa und Asien rund eine Million Jahre später. Aus der chronologischen Reihe tanzen allerdings Funde aus Indonesien.

In den 1930er Jahren wurden unweit des Solo-Flusses in Zentral-Java die Überreste von 25.000 fossilen Säugetieren gefunden, darunter auch die Knochen von 15 Vertretern der Spezies Homo erectus.

Forscher untersuchen Menschnschädel

Kenneth Garrett

Schädel von H. erectus

Laut einer Datierung aus dem Jahr 1996 sind die Tierknochen - und mit ihnen, so dachte man, wohl auch jene von Homo erectus - 35 bis 50.000 Jahre alt. Bzw. jung: Denn dass der Urmensch so lange in Indonesien überlebt haben soll, während er in den restlichen Weltregionen längst von der Bildfläche verschwunden ist, war damals keine schwache Überraschung (Science, Bd. 274, S. 1870).

Nicht zuletzt deshalb, weil die ältesten Funde von Homo sapiens in Indonesien 40.000 Jahre alt sind. Die beiden Menschenarten waren demnach nicht nur Zeitgenossen, sie könnten einander sogar getroffen haben.

H. sapiens, ein Mischwesen

Nun schwingt das Datierungspendel allerdings in die Gegenrichtung. Carl Swisher und Susan Antón, jene beiden Forscher, die in den 90er Jahren die Datierung der H. erectus-Funde veröffentlicht haben, korrigieren ihre Ergebnisse. Neuen Messungen zufolge ist der Fundort 143 bis 500.000 Jahre alt, das Rendezvous zwischen Homo erectus und Homo sapiens scheint also abgesagt (PLoS ONE, online).

Das Ergebnis hat naturgemäß Konsequenzen für die Urgeschichtsschreibung. Sprachen die früheren Messungen für das sogenannte Replacement Model (die Arten H. erectus und H. sapiens übergaben einander quasi das evolutionäre Staffelholz und existierten demnach für einige Zeit nebeneinander), sprechen die neuen Daten nun gegen eine geordnete Übergabe.

Im genetischen Sinn heißt das: Der moderne Mensch dürfte eher eine Mischform sein, vermutlich ist er aus verschiedenen Vormenschen-Populationen aus Afrika, Asien und Europa hervorgegangen.

Deutliche Diskrepanzen

Dass zwei Datierungen zu derart unterschiedlichen Ergebnissen führen können, ist allerdings ein diskussionswürdiger Punkt, wie Susan Antón im Gespräch mit science.ORF.at konzediert. Die alten Messungen wurden anhand von Uran-Isotopen an Knochen vorgenommen, die neuen an Argon-Isotopen aus an den Fundorten ausgegrabenen Bimssteinen.

Letztere seien verlässlicher, sagt die Anthropologin vom Center for the Study of Human Origins, in New York, hätten aber den Nachteil, dass sie nur indirekte Hinweis auf das Alter der Knochen geben würden. Erstere seien wiederum anfälliger für Verzerrungen - etwa durch Einflüsse des Grundwassers. Antón und ihr Kollege Swisher glauben nun jedenfalls an die Aussagekraft des Argons. Und somit an den frühen Abtritt des aufrechten Menschen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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