Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schönheit liegt im Gehirn des Betrachters"

Die Augen einer Frau

Schönheit liegt im Gehirn des Betrachters

Ob ein Gemälde oder ein Musikstück als schön empfunden wird, wird wohl immer am individuellen Geschmack liegen. Bei allen Menschen gleich ist aber die Reaktion des Gehirns auf Schönheit, berichten nun britische Forscher - egal, ob das Schöne gesehen oder gehört wird.

Gehirnforschung 07.07.2011

Zumindest im Gehirn existiere demnach ein abstraktes Verständnis von Schönheit, unabhängig davon, aus welcher Quelle sie stammt, interpretieren Semir Zeki und Tomohiro Ishizu, Neurowissenschaftler am University College London, die Ergebnisse ihrer Studie.

Die Studie:

"Toward A Brain-Based Theory of Beauty" ist im Open-Access-Journal "PLoS One" erschienen (doi:10.1371/journal.pone.0021852).

Jahrhundertealte Frage

Was macht wahre Schönheit aus? Antworten auf diese Frage zu finden, versuchen Philosophen, Schriftsteller, Maler und Musiker seit Jahrhunderten. Ein prominenter Autor, der sich an einer Definition von Schönheit versucht hat, war Edmund Burke, Philosoph und Politiker des 18. Jahrhunderts.

Er formulierte in seinen "Philosophischen Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen": "Schönheit ist in der Hauptsache irgendeine Qualität an Körpern, die durch Vermittlung der Sinne in mechanischer Weise auf das menschliche Gemüt einwirkt." Burke nimmt demnach an, dass Schönheit eine besondere Qualität ist, die - egal, durch welchen Sinn vermittelt - den Menschen berührt.

Ein Versuch der "schöneren" Art

Nimmt man Burkes Definition ernst, würde das bedeuten, dass Schönheit im Gehirn ein typisches Reaktionsmuster auslöst. Dennoch könnte es aber sein, dass das Gehirn nach Sinnen differenziert, auf klangliche Schönheit also das auditive Zentrum stärker reagiert und auf schönes Aussehen das visuelle.

Um den Verarbeitungsmustern des Gehirns auf die Schliche zu kommen, luden die Forscher 21 Freiwillige mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund zu einem Versuch ein: Sie bekamen eine Reihe von Bildern zu sehen bzw. Musikstücken zu hören und mussten bewerten, ob sie sie schön, hässlich oder durchschnittlich empfanden.

Die Grundlagen des Menschseins:

Der Wellcome Trust ist eine private Fördereinrichtung in Großbritannien, die 2007 einen Award in der Höhe von einer Million Pfund (rund 1,1 Mio Euro) an Semir Zeki vergab, um ein Forschungsprogramm zum Schwerpunkt "Neuroästhetik" aufzubauen. Gesucht wird nach den neurologischen und biologischen Grundlagen von Kreativität, Schönheit und Liebe in einer Kombination aus Naturwissenschaften, Kunst und Philosophie.

Vorderhirn registriert Schönes

Danach bekamen sie die Bilder und Musik nochmals präsentiert, allerdings während die Reaktionen ihrer Gehirne mittels funktioneller Magnetresonanztomografie aufgezeichnet wurden. Es zeigte sich, dass eine spezielle Region im Vorderhirn immer dann aufleuchtet, wenn Schönes wahrgenommen wird: der mittlere orbitofrontale Cortex, ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde.

Dieser Teil des Gehirns war schon bisher bekannt als Teil des Belohnungs- und "Wohlfühl"-Zentrums. Im Versuch wurde er immer aktiv - egal, ob schöne Musik oder ein schönes Bild wahrgenommen wurde. Im Gegensatz dazu löste der Anblick von Hässlichem keine universelle Reaktion aus, berichten Semir Zeki und Tomohiro Ishizu in ihrer Studie. Das deute darauf hin, dass das Gehirn eine universelle Antwort auf Schönheit gebe, nicht aber auf das Gegenteil.

Die Reaktionen des Gehirns auf gesehene und gehörte Schönheit.

PLoS One

Der Sitz der universellen Schönheitswahrnehmung wurde auf diesem Gehirnscan gelb eingefärbt, daneben leuchten auch Verarbeitungszentren von visuellen (rot) und auditiven (grün) Reizen auf.

Kunst nicht immer schön

Ganz klar zeigte sich aber auch, dass Kunst nicht immer schön sein muss: "Fast alles kann als Kunst definiert werden, aber wir behaupten auf Basis unserer Untersuchung, dass nur jene Kunst, die eine Reaktion im mittleren orbitofrontalen Cortex auslöst, als 'schöne Kunst' eingestuft werden kann," argumentiert der Neurowissenschaftler Semir Zeki.

Dem entsprechend mag ein Gemälde von Francis Bacon zwar Kunst sein, in der Wahrnehmung des Betrachters aber nicht besonders schön. Schönheit liegt demnach also weiterhin im Auge - und im Gehirn - des Betrachters.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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