Standort: science.ORF.at / Meldung: "Seeanemonen: Kein Gehirn, aber Charakter"

Die Seeanemone Actinia equina (Pferdeaktinie)

Seeanemonen: Kein Gehirn, aber Charakter

Ein zentrales Nervensystem haben Pferdeaktinien nicht. Über so etwas wie eine Persönlichkeit verfügen die Seeanemonen einer aktuellen Studie zufolge aber schon. Offenbar wurden die Tiere bisher unterschätzt: Wie Forscher berichten, können sie auch logisch handeln.

Zoologie 14.07.2011

Mark Briffa und Kollegen von der Plymouth University haben Pferdeaktinien in zwei Studien untersucht.

Bei Versuchen in ihrem natürlichen Lebensumfeld reagierten die Tiere unterschiedlich auf Bedrohungen. Die individuellen Reaktionen wiederholten sich sogar. Diese beständigen Unterschiede im Verhalten der Tiere deuten laut den Forschern darauf hin, dass sie tatsächlich eine eigene Persönlichkeit haben.

Anemonen haben Angst vor Spritzen

Die Forscher beobachteten 65 Pferdeaktinien, die an zwei verschiedenen Ufern an der Süd-Westküste Großbritanniens leben. Sie untersuchten ihre Reaktion auf Bedrohung, indem sie mit einer mit Meerwasser gefüllten Spritze direkt auf das Mundloch der Anemonen zielten. Die Pferdeaktinien verschlossen es daraufhin mit ihren Tentakeln. So reagieren Anemonen für gewöhnlich, wenn sie gestört werden. Die Forscher stoppten, wie lange es dauerte, bis die Tiere ihr Mundloch wieder öffneten.

Pferdeaktinie (Actinia Equina):
Diese Seeanemone kommt im nordöstlichen Atlantik und im Mittelmeer vor. Sie lebt hauptsächlich an felsigen Ufern in der Gezeitenzone. Pferdeaktinien haben kein separates Gehirn, ihre Körper sind von feinen Nerven durchzogen. Sie sind Einzelgänger: Treffen zwei Tiere aufeinander, kämpfen sie um das Territorium. An ihren Tentakeln befinden sich Nesselzellen, mit denen sie ihrem Gegner ein Gift injizieren.

Dieses Bedrohungs-Szenario spielten die Forscher in 14 Tagen mit jeder Pferdeaktinie drei Mal durch. Tatsächlich dauerte die Angstreaktion einzelner Individuen bei allen drei Versuchen etwa gleich lange.

Der Charakter ist entscheidend

Bei einem Teil der Pferdeaktinien maßen die Forscher auch die Wassertemperatur. Sie ist einer der Hauptverursacher von unterschiedlichem Verhalten bei Wasserorganismen. Die Pferdeaktinien ließen sich davon aber nur gering beeinflussen. Die Unterschiede im Verhalten der einzelnen Anemonen sind also im Wesentlichen auf ihren individuellen Charakter zurückzuführen - und nicht auf äußere Einflüsse in ihrem Lebensraum, meinen zumindest die Forscher.

Strategische Entscheidung zum Kampf

Einer weiteren Studie zufolge entscheiden Pferdeaktinien strategisch, ob sich ein Kampf mit einem Artgenossen bezahlt macht. Ihre Überlegung ist von der Kampftechnik des Gegners abhängig, also ob dieser beispielsweise Gebrauch von seinen Nesselzellen macht oder nicht. Die Körpergröße, die Größe der Nesselzellen und die Schlagfertigkeit der Tentakel des Gegners beeinflussen die Entscheidung der Pferdeaktinie ebenfalls.

science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: