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Einige Schachteln Medikamente liegen auf einem Tisch.

Mehr Gerechtigkeit, bessere Medikamente

Pharmafirmen verdienen mit patentgeschützten Arzneien weltweit viel Geld; Krankheiten, von denen vor allem ärmere Patienten betroffen sind, werden oft gar nicht erforscht. Wie man dieses ungerechte System ändern könnte, sodass Patienten und Firmen profitieren, beschreibt der Gerechtigkeitstheoretiker Thomas Pogge in einem Gastbeitrag.

Forum Alpbach 2011 29.07.2011

Seit Jahren setzt er sich für einen weltweiten Fonds ein, der die Wirkungen neuer Medikamente misst und mit Erfolgsprämien belohnt. Beim Europäischen Forum Alpbach 2011 leitet er ein Seminar zum Thema "Globale Gerechtigkeit".

Über den Autor:

Thomas Pogge

Thomas Pogge

Thomas Pogge ist Leitner Professor für Philosophie und internationale Angelegenheiten an der Yale Universität, Forschungsdirektor am Centre for the Study of Mind in Nature an der Universität Oslo und Professorial Fellow am Centre for Applied Philosophy and Public Ethics der Australian National University.

Mit Unterstützung der Europäischen Kommission (FP 7) und der Rockefeller Foundation ist Pogges Arbeit derzeit auf ein interdisziplinäres Forschungsprojekt konzentriert, das durch ein neues Finanzierungsinstrument für pharmazeutische Forschung den Zugang zu neuen Medikamenten strukturell zu verbessern sucht: der in diesem Gastbeitrag beschriebene Health Impact Fund.

Seminar beim Forum Alpbach:

Pogge leitet gemeinsam mit Lea Ypi beim Europäischen Forum Alpbach 2011 das Seminar "Global Justice" (19.- 24.8.2011). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Die Idee des Health Impact Fund

Von Thomas Pogge

Die Entwicklung neuer Medikamente wird derzeit weltweit über die Belohnung durch befristete Monopolrechte finanziert. Ist jedoch ein neues Medikament gegen Nachbau durch Generika-Hersteller geschützt ist, dann hat sein gewinnmaximierender Preis zur Folge, dass viele Menschen - auch in den reichen Ländern - sich das Mittel nicht leisten können.

Dieses Anreizsystem führt dazu, dass Millionen ärmerer Patienten unnötig leiden und sterben, und auch, dass die Pharmaforschung die auf arme Menschen konzentrierten Krankheiten ignoriert.

Es wäre schön, diese Lage zu verbessern. Aber wie? Die Entwicklung neuer Medikamente kostet viel Geld: eine runde Milliarde pro zugelassenes Produkt, wird gesagt, für Forschung, Entwicklung und klinische Studien. Wie sollen Firmen, ohne große Preisaufschläge, nachhaltig neue Medikamente auf den Markt bringen können?

Erfolgsprämien statt Preisaufschläge

Der Health Impact Fund (HIF) knackt diese Nuss. Von Staaten finanziert, böte er Patentnehmern die Möglichkeit, auf Preisaufschläge zugunsten von Erfolgsprämien zu verzichten. Eine Firma, die ein Medikament beim HIF meldet, verpflichtet sich, es weltweit zum Kostenpreis anzubieten. Im Gegenzug erhält sie zehn Jahresprämien, deren Höhe sich nach den Gesundheitsauswirkungen richtet, die ihr Medikament in seinen ersten zehn Jahren erzielt. Die Meldung beim HIF wäre freiwillig, und Patentrechte blieben den Meldern erhalten.

Der HIF müsste langfristig mit mindestens 4,5 Milliarden Euro pro Jahr (ein hundertstel Prozent des globalen Sozialprodukts) ausgestattet werden, die dann auf die gemeldeten Medikamente aufgeteilt würden. Bei dieser Ausstattung könnte man wohl zur Meldung von etwa drei neuen Medikamenten pro Jahr anreizen, so dass der HIF jederzeit so rund 30 Medikamente unterstützen würde.

Weil die jährlichen Ausschüttungen gemäβ der Gesundheitsauswirkungen der gemeldeten Produkte aufgeteilt werden, würden Firmen hochwirksame Mittel melden und diese auch so vertreiben, dass sie damit eine möglichst große Verbesserung der Weltgesundheit erzielen. Der HIF würde jährlich die Auswirkungen jedes gemeldeten Medikaments ermitteln.

Vorzüge des HIF für Patienten

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Der HIF verstärkt die Anreize, in die Entwicklung von Medikamenten zu investieren, die die Krankheitslast am meisten verringern würden. Er lenkt die Forschung hin zu den Medikamenten mit den besten Auswirkungen. Er kann die Entwicklung neuer Produkte und neuer Anwendungen schon zugelassener Produkte auch in den Fällen belohnen, in denen das bestehende Patentsystem unzureichenden Schutz gegen Nachahmung gewährt. Allen Patienten, armen wie reichen, wäre damit gedient, wenn die Pharmafirmen Forschung und Vertrieb auf effektive Verringerung der Krankheitslast ausrichten würden.

Alle beim HIF gemeldeten Medikamente wären von Beginn an überall zu marginalen Kosten erhältlich. Viele Patienten - in armen und zunehmend auch in wohlhabenderen Ländern - können sich derzeit die beste Behandlung nicht leisten. Selbst regulär krankenversicherte Patienten haben oft keinen Zugang zu einem Medikament, weil ihre Versicherung die Kosten nicht übernimmt. Der HIF löst dieses Problem für gemeldete Medikamente, indem er deren Preise auf das Kostenniveau senkt.

Vorzüge für pharmazeutische Unternehmen

Viele Vorschläge, die die Versorgung mit Medikamenten verbessern wollen, würden die Gewinne und damit wohl auch die Forschungsinvestitionen der Pharmafirmen verringern. Der HIF hingegen tastet die bestehenden Optionen dieser Firmen nicht an. Er eröffnet ihnen die neue Option, zusätzliche Gewinne zu generieren durch Entwicklung neuer, besonders wirksamer Arzneimittel, die zu patentgeschützten Monopolpreisen unrentabel oder weniger rentabel wären.

Solche HIF-gemeldeten Medikamente zum Kostenpreis zu verkaufen würde Pharmafirmen außerdem von dem Druck befreien, sich für hohe Verkaufspreise rechtfertigen und diese durch Spenden zugunsten armer Patienten ausgleichen zu müssen. Mit HIF-gemeldeten Produkten könnten sie stattdessen gut verdienen und dabei doch Gutes tun: nämlich Patienten auf profitablem Weg echte Vorteile bringen.

Der HIF würde die Forscher dieser Firmen dazu ermutigen, sich auf die wichtigsten Krankheiten zu konzentrieren statt auf jene, für die sich die teuersten Medikamente verkaufen lassen.

Vorzüge für den Steuerzahler

Der HIF wird in erster Linie von Staaten aus Steuermitteln finanziert. Steuerzahler würden einen Euro pro 10.000 ihres Einkommens beisteuern, oder auch zwei oder drei Euros, wenn nicht alle Staaten mitmachten. Durch billigere Medikamente würden sie aber auch Geld einsparen: beim Kauf in der Apotheke, bei Versicherungsprämien, beim nationalen Gesundheitssystem und in der Entwicklungshilfe.

Durch frühzeitige Interventionen mit preiswerten Arzneimitteln würden viele weit teurere Krankenhausaufenthalte abgewendet. Die massive Verringerung der weltweiten Krankheitslast brächte zusätzlich eine besser florierende Weltwirtschaft, was auch das Steueraufkommen von Staaten vergröβern würde.

Ist ein Wunder nötig?

Kann es wirklich eine Reform geben, die allen nutzt? Ja, schon, wenn die Vorgängerregelung hinreichend irrational ist. Und das ist das jetzige Anreizsystem. Pharmafirmen verdienen Unsummen mit neuen Medikamenten, die unser pharmakologisches Arsenal kaum bereichern. Und die Mehrheit der Menschheit wird daran gehindert, neue Medikamente als Generika zu kaufen, obwohl niemand von dieser Behinderung profitiert.

Der HIF würde dieses große Unrecht reduzieren: dadurch, dass wir für pharmazeutische Innovationen mit Gesundheitsprämien bezahlen anstatt mit Preisaufschlägen, die patentierte Medikamente für die meisten Patienten unerreichbar machen.

Dass eine Idee wirklich gut ist, heißt noch nicht, dass Politiker sie auch umsetzen werden. Aber immerhin laufen die Bemühungen um Umsetzung auf Hochtouren. Auf www.healthimpactfund.org kann man die Fortschritte der HIF-Initiative verfolgen und auch unterstützen.

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