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Schadstoffe verursachen offenen Rücken

Dass sogenannte langlebige organische Schadstoffe krank machen können, wusste man schon bisher. Chinesische Forscher berichten aber nun, dass Flammhemmer, Unkrautvernichtungsmittel und Co. fatale Auswirkungen auf ungeborene Kinder haben können: Sie verursachen in vielen Fällen einen offenen Rücken.

Umweltmedizin 19.07.2011

Manche dieser Schadstoffe finden sich auch in Alltagsdingen wie Insektenvernichtungsmitteln und Möbeln, schreiben die Forscher um Aiguo Ren, Xinghua Qiu und Kollegen von der Universität Peking. Durch die Analyse von Plazenta-Gewebe gelang ihnen der Nachweis des Zusammenhangs.

Die Studie:

"Association of selected persistent organic pollutants in the placenta with the risk of neural tube defects" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (doi/10.1073/pnas.1105209108).

Folgenschwere Fehlbildung

Ein offener Rücken entsteht, wenn sich zwischen dem 22. und 28. Tag der Entwicklung eines ungeborenen Kindes das Neuralrohr, aus dem sich später Gehirn und Rückenmark bilden, nicht vollständig schließt. Es gibt verschieden schwere Formen des offenen Rückens: Bei der sogenannten "Spina bifida", grob mit "Spaltwirbel" übersetzbar, wölbt sich meist ein Teil des Rückenmarks und Nerven vor - in schweren Fällen liegt das Nervengewebe sogar völlig offen. Je nach Ausformung können die Kinder kaum beeinträchtigt bis schwer behindert sein.

Ein offener Rücken kann auch zu einer Anenzephalie führen: Dabei schließt sich die Schädeldecke nicht und es fehlen in unterschiedlichem Ausmaß Teile des Schädeldaches, der Hirnhäute, der Kopfhaut und des Gehirns. Meist sterben Kinder mit dieser Fehlbildung schon während der Schwangerschaft. In Mitteleuropa kommt im Schnitt eines von tausend Kindern mit einem offenen Rücken zur Welt, rund 320.000 Kinder weltweit pro Jahr.

POPs unter der Lupe

Warum diese unter der Überschrift "Neuralrohrdefekte" zusammengefassten Fehlbildungen entstehen, ist bis heute nicht restlos geklärt. Mangelnde Versorgung mit Folsäure ist ein Grund, deshalb bekommen Frauen bei Feststellung einer Schwangerschaft sofort entsprechende Vitaminpräparate verschrieben. Aber auch eine Epilepsie-Erkrankung der Mutter und dementsprechende Medikamenten-Einnahme oder extremes Übergewicht können eine Rolle spielen - oder eben Umweltfaktoren, wie sie nun ein Team aus chinesischen Medizinern genauer unter die Lupe nahm.

Konkret untersuchten sie die Wechselwirkungen zwischen Embryonen und sogenannten langlebigen organischen Schadstoffen (oder POPs von englisch "Persistent Organic Pollutants"). Darunter versteht man organische Verbindungen, die nur sehr langsam abgebaut werden. Die Stoffe, die sich in so alltäglichen Gegenständen wie Teppichen, Polstermöbeln, Plastikverpackungen, Düngern und Insektenvernichtungsmitteln finden, galten schon in der Vergangenheit als Krankmacher, teilweise auch als krebserregend.

Bekannte POPs:

Zu den bekanntesten POPs gehören organochlorine Pestizide, von denen Rückstände auch in der menschlichen Muttermilch nachgewiesen wurden, polychlorierte Biphenyle, die als Weichmacher unter anderem in Kunststoffen verwendet werden, das Flammschutzmittel polybromierter Diphenylether und polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe, die vor allem mit der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Gas mit den Abgasen in die Luft gelangen.

Langlebige Schadstoffe

Die These, dass es einen Zusammenhang zwischen einem offenen Rücken bei Embryonen und dem Kontakt der Mutter mit diesen Schadstoffen geben könnte, überprüften die chinesischen Forscher nun anhand von Gewebsproben aus der Plazenta, dem Mutterkuchen, der für die Versorgung des Ungeborenen zuständig ist. 130 Mütter wurden untersucht, 80 davon bekamen zwischen 2005 und 2007 ein Kind mit offenem Rücken, 50 hingegen gesunde Kinder.

Bei allen Kindern mit Fehlbildungen wurde in der Plazenta ein deutlich höheres Niveau an Schadstoffen nachgewiesen als bei den gesunden Kindern. Am deutlichsten war in der Studie der Zusammenhang zwischen den polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen und einem offenen Rücken: Lag das in der Plazenta gespeicherte Level über dem Durchschnitt, stieg die Wahrscheinlichkeit für ein beeinträchtigtes Kind um den Faktor 4,5.

Aber auch die anderen untersuchten Stoffe fanden sich in höheren Konzentrationen bei Frauen, deren Kinder mit offenem Rücken zur Welt kamen. Die Untersuchung belegte auch einmal mehr die Langlebigkeit von Schadstoffen: Obwohl das Insektizid DDT bereits 1983 in China verboten wurde, findet es sich noch immer in der Plazenta schwangerer Frauen, beschreiben die Mediziner ihre Ergebnisse.

Die Forscher wollen nun klären, warum bei manchen, aber offenbar nicht bei allen Frauen die Schadstoffe bis in die Plazenta wandern. Eine Vermutung haben sie bereits: Je nachdem, wie schnell bzw. langsam der Stoffwechsel einer Frau ist, kursieren die Schadstoffe kürzer bzw. länger im Körper - und werden von Mutter an Kind weitergegeben.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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