Standort: science.ORF.at / Meldung: "Rauchzeichen, Biberfelle und Schneebälle "

Marshall McLuhan blickt ironisch in die Kamera

Rauchzeichen, Biberfelle und Schneebälle

Der eine gilt als wichtigster Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts, der andere hat vor 20 Jahren die "Generation X" porträtiert. Zum 100. Geburtstag des einen - Marshall McLuhan - hat der andere - Douglas Coupland - vor kurzem eine Biografie geschrieben. Darin geht es um Rauchzeichen, Biberfelle und Schneebälle - allesamt Medien, die ihre Botschaft sind.

Marshall McLuhan 20.07.2011

Zwei Navajo-Indianer in Arizona

"Zwei Navajo-Indianer unterhalten sich mit Rauchzeichen quer über ein Tal in Arizona. Mitten in ihrem Plausch startet die Atomenergiekommission einen Atomversuch, und als der dicke Atompilz sich verzogen hat, schickt der eine Indianer dem anderen ein Rauchzeichen. 'Junge, Junge, ich wünschte, ich hätte das gesagt."

In Ergänzung dieses Witzes, den McLuhan laut Coupland geschätzt hat, kann man sagen: Das Geburtstagskind hat uns mehrere dieser Atompilze hinterlassen. Dass das "Medium die Botschaft ist" und Medien unsere Welt zum Dorf gemacht haben, sind nur die zwei bekanntesten. Sie haben sich nicht nur auf das Fernsehen bezogen und auch nicht nur auf das Internet, das McLuhan prognostiziert, aber nicht erlebt hat, sondern auch auf Biberfelle. Wie das?

Die Biografie:

Douglas Coupland: Marshall McLuhan. Eine Biographie, Verlag Klett-Cotta 2011(Leseprobe)

Ö1 Schwerpunkt:

Eine Reihe von Sendungen widmen sich dem 100. Geburtstag von Marshall McLuhan:
Ö1 Schwerpunkt.

Links:

Kanada, ein kommunikationsbedürftiges Land

In seiner umsichtigen Biografie verweist Douglas Coupland nebst anderen einflussreichen Lehrern McLuhans auf den Ökonomen Harold Adams Innis. 1930 hat dieser ein Buch über den Pelzhandel in Kanada veröffentlicht und darin erläutert, wie die Einführung neuer Handelsrohstoffe zur Vernetzung der Gesellschaft führen kann.

Biberfelle plus Eisenbahnnetze hätten das Zusammenleben der Menschen genauso verändert, wie dies auch das Radio und der Film getan hat. Coupland bezeichnet Innis als Riese auf dem Gebiet der Medienanalyse, auf dessen Schultern McLuhan stehen konnte.

Ganz wichtig für die Entstehung ihrer verwandten Theorien war die Weite ihres gemeinsamen Heimatlandes Kanada, die es mit Hilfe von Handel, Eisenbahn und Informationsmedien zu überbrücken galt. Das riesige Land ist vergleichsweise gering besiedelt, Kommunikation zwischen Menschen wird da schnell zu harter Arbeit.

Beulengefahr der Medien

"Wenn man also an einem kalten kanadischen Tag mit einem Schneeball beworfen wird, ist das Medium allerdings Teil der Botschaft", fasst Coupland treffend zusammen.

Gleichgültig ob liebevoll oder in aggressiver Absicht abgeschossen, kann der Schneeball auf der Stirn unglücklich gelandet zu einer Beule führen. Die Botschaft des Mediums ist insofern weniger relevant als das Medium selbst. Ob sich eine Gesellschaft akustischer oder visueller Medien bedient, prägt nach McLuhan ihre Organisation. Elektronische Medien, etwa das Fernsehen, das in den 1950er Jahren gerade seinen Siegeszug angetreten hatte, verändern auch ihre Empfänger - sozial, aber auch unmittelbar physisch.

In einer Zeit lange vor den bildgebenden Verfahren der Gehirnwissenschaften von heute war McLuhan fasziniert von der Vorstellung, diese Auswirkungen zu messen und sichtbar zu machen. An seinem 1963 gegründeten Centre for Culture and Technology in Toronto hat er u.a. untersucht, ob Fernsehen auf muskulärer Ebene zu Lesestörungen führt.

Blut im Hirn wie eine Katze?

Coupland bemüht die Anatomie McLuhans, um sein Schaffen zu erklären. An mehreren Stellen verweist er auf die "zwei Arterien, mit denen frisches Blut in Marshalls Gehirn gelangte, eine Besonderheit, die unter Säugetieren hauptsächlich bei Katzen vorkommt, bei Menschen dagegen so gut wie nie." Diese Eigenschaft, mit der er u.a. seine Fähigkeit erklärt, Bücher besonders schnell lesen zu können, wurde von zahlreichen Rezensenten hervorgehoben und wiederholt.

... eher ein Holler

"Der Vergleich zwischen Menschen und Katzen ist ein Holler", meint der Anatom Wolfgang Künzel von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. "Die Art und Weise, wie Blut an die Gehirnbasis kommt, ist zwischen Menschen und Katzen vollkommen unterschiedlich", so der Mediziner gegenüber science.ORF.at. Das Argument, wonach mehr Arterien auch eine bessere Denkleistung bringen würden, sei überhaupt hanebüchen. "Mehr Arterien bedeuten nicht automatisch, dass das Gehirn mit mehr Sauerstoff versorgt wird."

Tennisballgroßer Tumor im Gehirn

Diese Neigung zu handfesten empirischen Untersuchungen stand nicht im Gegensatz zu seinem eigentlichen Metier als Professor für Rhetorik der Renaissance. Im Gegenteil, seine oft schwierig zu lesenden Werke wimmeln von Querweisen in alle möglichen Bereiche des Wissens und der Wissenschaften. Douglas Coupland nimmt diesen Faden in seiner Biografie auf und beantwortet die zentrale Frage "Wie konnte aus einem konservativen Rhetorikprofessor, der das elektronische Zeitalter verachtete, der Techno-Guru der Hippiezeit und der Prophet des Internets werden?" sowohl kulturell als auch biologisch.

"Marshall war nicht bloß anders, sondern sehr anders, und nicht nur in seinem Denken", schreibt Coupland bezüglich letzterem. Seine Macken und exzentrischen Anwandlungen hatten körperliche Ursachen: Er neigte zu Autismus, war überempfindlich gegenüber Geräuschen, hörte mitten im Gespräch plötzlich auf zu reden und erstarrte, um nach einigen Minuten an gleicher Stelle weiterzureden.

1967 entfernten Chirurgen einen tennisballgroßen Tumor aus seinem Gehirn, eine wahrscheinliche Ursache für die Vielzahl der Sonderlichkeiten. "Als Marshall eine Stunde nach der Operation aufwachte und der Arzt ihn fragte, wie er sich fühle, antwortete er, das käme darauf an, wie man 'fühlen' definiere. Er war wieder der Alte - puh! - wenn auch nicht in ganz alter Form."

Erziehung und Religion

Neben biologischen Argumenten zählt Coupland aber auch eine Reihe biografischer Aspekte auf, die aus McLuhan jenen Mann gemacht haben, an den wir uns heute noch erinnern. So war es der Rhetorikunterricht seiner Mutter, der schon früh sein Interesse an Worten, Wortspielen und dem Erkennen von Mustern weckte, das er später in der Literatur, der Kunst und der Gesellschaft anzuwenden wusste.

Und es war seine tiefe Religiosität, die ihn an einen alles verknüpfenden Masterplan glauben ließ: an Gott, für den er zum Katholizismus übertrat, und an die Medien, die seiner Ansicht nach die Gesellschaft prägen. Dies ist zumindest die Parallele, die Coupland sieht, der selbst einmal in einem Interview bekannte: "Die Massenkultur schafft Großartiges. Sie ersetzt heute Gott. Sie verbindet uns. Wer die gleichen Serien schaut wie ich, ist mein Freund, wo immer er wohnt."

Warum überhaupt eine Biografie?

Das Internet hat diese Schraube noch ein Stück weiter gedreht. Es verbindet Menschen rund um den Globus, führt aber auch vermehrt zu jener Retribalisierung, vor der schon McLuhan gewarnt hat. Die Stämme mit den gleichen Ansichten, Interessen oder Geschmäckern sammeln sich, der Austausch zwischen ihnen wird seltener und eher schwieriger. Dabei steht ein riesiger Teil an Information zur Verfügung für so viele Menschen wie nie zuvor in der Geschichte.

Auch die Institution der klassischen Biografie steht in Zeiten von Wikipedia zur Disposition. Warum der überaus Web 2.0-affine Coupland dennoch eine auf Papier geschrieben hat? "Vielleicht um ein Bewusstsein zu bekommen, wie es sich angefühlt hat, jemand anderes in einer anderen Zeit zu sein. Vielleicht um neues Licht auf ein altes Thema zu werfen. Vielleicht um neue Denkweisen kennenzulernen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: