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Künstlerische Darstellung des Exoplaneten Gliese 581g

"Wahrscheinlichkeit für Leben sehr gering"

Astronomen haben einen weiteren Planeten entdeckt, der Lebewesen beherbergen könnte - mit Betonung auf "könnte": Denn wie wahrscheinlich die Entstehung von extraterrestrischem Leben ist, wissen Forscher noch immer nicht. Eine neue Studie besagt: Die Wahrscheinlichkeit ist extrem gering.

Aliens 26.07.2011

Ist da jemand?

Für Jacques Monod, den französischen Biochemiker mit Hang zu Existenzialfragen, war die Sache klar: Der Mensch ist einsam auf seinem Planeten, draußen im Weltall gibt es nur Strahlung und empfindungslose Materie - aber keine Antwort.

"Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch [...] seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen", schrieb der Nobelpreisträger in seinem Buch "Zufall und Notwendigkeit". "Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen."

Exobiologen sehen das traditionell ein wenig anders. Sie wollen nicht ausschließen, dass es irgendwo da draußen eine Antwort geben könnte, nach der es sich zu suchen lohnt. Immerhin hat man in den letzten Jahren tatsächlich ein paar Kandidaten für astronomische Recherchen gefunden, als da wären:

  • Der Exoplanet Gliese 581g, 4,3 Mal so schwer wie die Erde und etwa 20 Lichtjahre entfernt, umkreist im Sternbild Waage einen Roten Zwerg. Allerdings ist man bis heute nicht ganz sicher, ob Gliese 581g tatsächlich existiert oder nur durch Messfehler "entdeckt" wurde.
  • Doppelt so weit entfernt, nämlich 40 Lichtjahre, ist die Supererde GJ 1214 b im Sternbild Schlangenträger. Sie umkreist ebenfalls einen Roten Zwerg, allerdings einen relativ schwachbrüstigen: Seine Strahlung beträgt nicht einmal ein Prozent unserer Sonne.
  • Der Gasplanet HD 28185 b im Sternbild Eridanus ist 138 Lichtjahre von uns entfernt. Er selbst dürfte kaum Leben beherbergen, aber seine Monde - so er welche besitzt - wären nach Ansicht von Astronomen "habitabel", also zumindest nicht lebensfeindlich.

Neu: Exoplanet mit zwei Sonnen

Studien:

"The 55 Cancri System: Fundamental Stellar Parameters, Habitable Zone Planet, and Super-Earth Diameter", Proceedings of the 2nd CoRoT symposium (arXiv:1107.1936v1).

Seit kurzem gibt es noch einen Kandidaten auf der Liste: 55 Cancri f ist einer von fünf Planeten, die um einen orangefarbigen Zwerg kreisen. Wie nun ein Team um Kaspar von Braun vom California Institute of Technology berichtet, weist der Planet einige Ähnlichkeiten mit der Erde auf. Sein Jahr ist in etwa so lang wie das unsrige und mit einem moderaten Treibhauseffekt könnte es dort auch flüssiges Wasser geben, das für Leben, so wie wir es kennen, unverzichtbar ist.

Ansonsten hat 55 Cancri f ein durchaus exotisches Profil: Um als "zweite Erde" durchgehen zu können, ist er eindeutig zu schwer, seine Sonne unterhält außerdem mit einem Roten Zwerg eine Fernliaison, die sich nun als Doppelsternsystem entpuppt. Der Rote Zwerg ist übrigens so weit entfernt, dass er von 55 Cancri f aus gesehen wohl eher wie ein rötlicher Stern denn eine Zweitsonne aussieht.

"Notwendig Zufall"

Den exobiologischen Optimismus schmälern dürfte indes eine kürzlich im Fachblatt "PNAS" erschienene Studie. David Spiegel und Edwin Turner von der Princeton University nahmen sich darin der Frage an, wie wahrscheinlich die Entstehung von Leben ist. Bisher ging man davon aus, dass lediglich die physikalischen und chemischen Voraussetzungen erfüllt sein müssten, der Rest ergebe sich schon von alleine.

Die Erde scheint diese Position zu bestätigen. Sie bildete sich vor rund 4,5 Milliarden Jahren, rund 700 Millionen Jahre später entstanden bereits die ersten primitiven Lebensformen. Stellt man in Rechnung, dass es mehrere hundert Millionen Jahre gedauert hat, bis die Temperaturen auf ein erträgliches Maß gefallen sind, entstand das Leben nach astronomischen Maßstäben tatsächlich sehr schnell. Das bedeutet aber keineswegs, dass das überall so sein muss, betonen Spiegel und Turner.

Ihr Argument: Wir nehmen uns als Beobachter intuitiv aus der Gleichung heraus, Fakt ist aber, dass es auf der Erde mehr als 3,5 Milliarden Jahre gedauert hat, bis intelligentes Leben entstand. So gesehen ist es eine Notwendigkeit, dass die ersten Urzellen sehr früh entstehen mussten. Ansonsten könnte es angesichts des Alters unseres Planeten keine Menschen geben, die sich Gedanken über das Alter des Lebens machen.

Das ist sophistisch und trivial zugleich, für die Wahrscheinlichkeitskalkulation macht das Argument jedenfalls einen großen Unterschied, wie Spiegel und Turner vorrechnen: Demnach scheint die Erde ein Ausnahmefall zu sein, denn der Übergang von der Chemie zur belebten Materie könnte andernorts viel zäher verlaufen. Das irdische Leben wäre somit eine Unwahrscheinlichkeit in einem ansonsten öden, unbelebten Universum, mehr nicht. Jacques Monod hätte dem nicht widersprochen.

Robert Czepel, science.ORF.at