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Anders Behring Breivik

Der Kreuzritter und andere Massenmörder

Jahrelang hat Anders Behring Breivik an der Umsetzung seines Plans gearbeitet, Europa vor "Islam und Marxismus" zu schützen. Die Mittel, die er dabei eingesetzt hat, ähneln stark jenen islamistischer Selbstmordattentäter. Die 1.500 Seiten Text zur Rechtfertigung seiner Massenmorde sind hingegen rekordverdächtig.

Terrorismus 25.07.2011

Dies meint der Kriminologe und Terrorismusexperte Sebastian Scheerer von der Universität Hamburg in einem science.ORF.at-Interview.

Sebastian Scheerer ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg.

Links:

Sebastian Scheerer über Terror
Unabomber, Wikipedia

science.ORF.at: Ist Breivik ein Terrorist oder - wie er selbst glaubt - ein Tempelritter, der für ein christliches, nicht-islamisches Europa kämpft?

Sebastian Scheerer: Terrorismus ist für mich eine sich über einen längeren Zeitraum erstreckende Abfolge von Akten physischer Gewalt, die mittels einer psychischen Wirkung auf Dritte eine politisch-strategische Entwicklung beeinflussen sollen. Breivik hat eine Explosion und einen Massenmord mit Schusswaffen innerhalb weniger Stunden als Doppelanschlag inszeniert. Er ähnelt damit eher einem politischen Attentäter wie Timothy McVeigh oder dem Unabomber, auch wenn seine Taten in manchen Aspekten an Terrorismus ebenso wie an Amokläufe erinnern können. Dass Breivik seine Tat selbst als Fanal für einen neuen Kreuzzug verstanden wissen will, steht dem nicht entgegen. Politische Attentate sind ebenso wie der Terrorismus nur Mittel und Methoden - die Zwecke, für welche diese Methoden eingesetzt werden, können die unterschiedlichsten Wert- und Sinngehalte beinhalten.

Breivik hat ganz schön viel Lebenszeit investiert, um seine Morde zu rechtfertigen: Kennen Sie einen Terroristen oder Attentäter, der ähnlich viel Text produziert hat?

Der Attentäter sieht sich wohl als eine Art politischer Gründungsvater mit religionsstifterähnlichen Zügen. Dazu gehört dann auch ein Gründungsdokument, wenn nicht gar ein Buch, in dem er seine Sicht der Welt darstellt. Das sind dann schon mal längere Texte. Denken Sie an Hitlers "Mein Kampf". Oder an das Manifest des Unabombers, dessen Länge sogar der "New York Times" Kopfschmerzen machte, als diese sich auf Druck des Attentäters zum Abdruck entschlossen hatte. Aber 1.500 Seiten im Internet sind schon rekordverdächtig. Allerdings mag es auch andere Einzelgänger geben, deren Sendungsbewusstsein sie zu ähnlich breit angelegten Produktionen bringt - doch in aller Regel erhalten die eben keine Aufmerksamkeit.

Der Norweger sucht die Öffentlichkeit für seine Propaganda, welche Rolle spielen die Medien für ihn?

Natürlich eine zentrale, sie sind die Bedingung, sich so etwas überhaupt erst auszudenken. Terroristen fragen sich: Wie wirken meine Taten? Und sie wirken in erster Linie über die Multiplikation der Nachricht. Andererseits gab es schon vor 2.000 Jahren, lange bevor es die Presse gegeben hat, Anschläge. Der Attentäter hat damals darauf erwartet, dass sich seine Tat herumspricht, und dass sie sich auf andere psychisch auswirkt. Heute potenzieren die Massenmedien diesen Mechanismus, aber es gibt ihn schon lange.

Wenn man sich die Resultate ansieht, ist es schwer zwischen islamistischem und christlich-fundamentalistischem Naziterror zu unterscheiden. Gibt es überhaupt Unterschiede?

Kurz nach dem Attentat sind ja viele von einem islamistisch motivierten Anschlag ausgegangen, und das wäre auch nicht unplausibel gewesen. Die islamistische Zeitschrift "Inspire" etwa fordert Menschen auf, sich möglichst als Einzeltäter selbst einen Anschlag zu überlegen und ihn dann auch selbst vorzubereiten und durchzuführen: etwa mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Wer alles selbst vorbereitet, hat die Chance, keinen Verdacht zu erregen und dem Zugriff der Polizei bis nach der Tatausführung zu entgehen. Diese Maxime hat sich der Norweger auch zu eigen gemacht. Und möglicherweise von seinem Gegner gelernt.

Historisch betrachtet: Gibt es Unterscheide zwischen religiös und weltlich motivierten Terroranschlägen?

In der Regel sind die religiösen Überzeugungen stärker. Wenn ich bloß die Einkommensverhältnisse ändern will, bin ich als Terrorist nicht so motiviert, als wenn ich glaube, im Namen Gottes zu handeln. Wer im Namen Gottes agiert, für den ist das Ziel so hoch, dass es auch mehr Kosten rechtfertigt. Je höher das Ziel, desto höher die Anzahl an Opfern, die ich in Kauf nehmen darf, um dieses Ziel zu erreichen. Mit Gott kann ich meine eigenen Bedenken eher neutralisieren und mir das Bewusstsein erhalten, dass ich eigentlich ein guter Mensch bin. Mark Juergensmeyer hat das in seinem Buch "Terror im Namen Gottes", in dem er Terroristen verschiedener Religionsgemeinschaften interviewt hat, sehr differenziert aufgezeigt.

Bei Breivik scheint es sich um eine Mischung von religiösen und politischen Motiven zu handeln. Bleiben wir bei letzteren: Gibt es da Unterschiede zwischen linkem und rechtem Terror?

Mit Sicherheit. Die Linke etwa der 1960er Jahre hat lange Zeit große Tötungshemmungen gehabt. Es wurde viel über die strategische Bedeutung von Tötungen nachgedacht, und gesagt, wenn wir Werktätige töten, verscherzen wir es uns mit unseren Bundesgenossen oder revolutionärem Subjekt. Neofaschistischer Terrorismus wie im Italien der 1970er Jahre kennt diese Sorgen nicht; seine Idee ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten, die öffentliche Unsicherheit zu verbreiten und einen autoritären Staat zu fördern, weil das ja genau das Ziel ist. Je mehr unschuldige Leute ich umbringe, desto eher bekomme ich den Polizeistaat oder die Militärdiktatur. Rechte Terroristen oder Ideologen wollen damit der von ihnen konstatierten Degeneration und Unübersichtlichkeit der Gesellschaft etwas entgegenstellen. Breivik wollte mit seinen Taten aber vermutlich schon die Bevölkerung erreichen und "aufwecken", aber er hat da eine sehr abenteuerliche Revolutionsvorstellung.

Wäre es nicht das Schlimmste für ihn, wenn es gar keine Reaktion gäbe?

Ja, das wäre sicher sehr deprimierend für ihn. Aber es gibt Ereignisse, die in vielerlei Hinsicht verarbeitungswürdig sind, und eines davon hat er produziert. Die Welt denkt nun über seine Taten nach, das hat er geschafft und diesen Erfolg konnte man auch nicht verhindern.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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