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Männlicher Schimpanse, Kopf

Das Tier und die Moral

Die Moral trennt den Menschen vom Tierreich, lautet ein Grundsatz der christlichen Ethik. Der österreichische Kognitionsbiologe Ludwig Huber widerspricht: Er sieht Grundzüge des moralischen Handelns bereits bei unseren Verwandten im Tierreich angelegt.

Forum Alpbach 2011 05.08.2011

"Die menschliche Moral hat ihren evolutionären Ursprung in den Emotionen der Tiere", schreibt Huber in einem Gastbeitrag.

Woher kommt die Moral?

Von Ludwig Huber

Oft wird Moral als Antithese der Natur betrachtet. Diese Ansicht ist so verbreitet, dass sich Biologen fast der Blasphemie aussetzen, wenn sie sich auf die Suche ihrer biologischen Wurzeln machen. Wie lässt sich dennoch ein solcher "ethischer Dualismus" zwischen menschlicher Natur und menschlicher Moral widerlegen? Sicherlich ein Stück weit dadurch, dass er neben der Erklärung des Zustandekommens normativer Ideale auch die Genese und die Beschränkungen menschlichen Handelns untersucht. Nur ein evolutionäres Verständnis der menschlichen Natur kann erklären, warum wir moralisches Empfinden haben.

Seminar beim Forum Alpbach:

Huber leitet gemeinsam mit Carel van Schaik beim Europäischen Forum Alpbach 2011 das Seminar "The Biological Roots of Altruism, Justice and Morality" (19.- 24.8.2011). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Wie können wir erklären, dass wir Menschen trotz eines genetischen Egoismus dazu gelangt sind, uns so stark an den Wert des Guten zu binden? Welchen Beitrag kann die Biologie, die nun starke und umfangreiche Belege für Kooperation, Altruismus, soziale Bindung, Empathie, Freundschaft und Fürsorge im Tierreich vorweist, zu Entstehung menschlicher Moral im Sinne eines normativen Selbstbewusstseins (wie wir leben sollen) leisten? Welchen Stand kann die Biologie einnehmen, die oft in der Kritik steht, menschliches Handeln und Wollen auf physiologische Prozesse und genetische Determinanten zu reduzieren?

Ist die "Evolutionäre Ethik" gescheitert, weil sie zwar Wichtiges zur Erklärung des Ursprungs der Moral beitragen kann, aber eine solche kausale Erklärung noch keine Ethik ist? Steht sie bei der argumentativen Begründung von moralischen, normativen Sätzen nicht immer in der Gefahr des "naturalistisches Fehlschlusses" (der Schluss vom Sein auf das Sollen) und der unzulässigen Reduktion auf rein beschreibende Untersuchungen der Sittlichkeit?

Emotionale Ursprünge

Porträt Ludwig Huber

Ludwig Huber

Ludwig Huber, geb. 1964. Studium der Biologie, Philosophie und Wissenschaftstheorie, 2000 Habilitation an der Universität Wien. Von 1995 bis 2003 Leiter der Abteilung für Theoretische Biologie, 2000 a.o. Professor für Zoologie/Kognitionsbiologie der Universität Wien. Seit 1993 Mitglied des Konrad Lorenz Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung, seit 2005 Gastprofessor an der Karls-Universität Prag.

Seit 2010 Leiter des Departments für Kognitionsbiologie der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Ab 1. September 2011 Universitätsprofessor für die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Tierethik und der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli-Institut der VetMed Wien, der MedUni Wien sowie der Universität Wien. Forschungsschwerpunkt: die kognitiven Grundlagen tierischen Verhaltens.

Buchveröffentlichungen:
The Evolution of Cognition, Cambridge: MIT Press 2000 (Hg. zus. M. C. Heyes); Wie das Neue in die Welt kommt. Phasenübergänge in Natur und Kultur Wien, WUV 2000.

Die Fülle der empirischen Evidenz legt nahe, dass die menschliche Moral ihren evolutionären Ursprung in den Emotionen und Denkprozessen, die wir mit anderen Tieren teilen, hat. Verhaltensbiologen und vergleichende Psychologen können heute zeigen, dass beginnend mit der ‚emotionalen Ansteckung’ auch Formen der Empathie (Einfühlung) und sogar der Sympathie auftreten, bei der situationsspezifische Wünsche und Bedürfnisse des anderen von den eigenen unterschieden werden.

Aus der Fürsorge gegenüber den eigenen Nachkommen kann eine Sorge auch um andere Gruppenmitglieder werden. Heute ist die Erforschung dieser Fähigkeiten und Neigungen ein Hauptgebiet der kognitiven Ethologie, die auch andere hochsozial lebende Tiere, wie etwa Rabenvögel, Hyänen, Elefanten, Wölfe und Delphine in die Betrachtung einbezieht. Die Entwicklung sozialer Normen, die Strategien ihrer Durchsetzung, die Befähigung zu Bindung und Freundschaft, zu Konfliktlösung und gegenseitiger Hilfe sind Bestandteile oder zumindest Voraussetzungen jener moralischen Empfindungen, die auch wir besitzen.

Auch wenn das moralische Verhalten des Menschen um einiges entwickelter und großzügiger als das irgendeines nichtmenschlichen Tieres ist, weil es auch weit über Verwandte und Gruppenmitglieder hinausgehen kann, bildet es doch ein Kontinuum mit dem nichtmenschlichen Verhalten. Daher ist es ein erster wichtiger Beitrag der Biologie nach den Wurzeln unseres moralischen Empfindens, wenn schon nicht unseres moralischen Urteilens zu suchen.

Aber müssen wir dennoch annehmen, dass Menschen eine Fähigkeit besitzen, die einen Bruch mit den natürlichen Fähigkeiten aller nichtmenschlichen Arten darstellt? Ist dies die Verallgemeinerbarkeit der Moral? Die zumindest begrifflich endlose Ausweitung von Moral? Wenn ja (wie auch ich glaube), woher kommt diese Fähigkeit?
Sie könnte in der selbstreflexiven Anwendung der Vernunft begründet sein, die wiederum stark von Bewusstsein und der einzigartigen menschlichen Sprache abhängt. Diese Fähigkeiten hängen natürlich mit Erkenntnisfähigkeit zusammen. Was können wir also über nichtmenschliche Erkenntnisfähigkeit sagen?

Antworten der Kognitionsbiologie

Hier liefert nun eine neue Disziplin der Biologie einen wesentlichen Beitrag: die Kognitionsbiologie. Im Unterschied zu einer soziobiologischen (streng genommen soziogenetischen) Betrachtung der Moral ist für sie die Bedeutung von Motiven, Intentionen, Gefühlen und Entscheidungen vorrangig. Sie untersucht Kooperation und Altruismus nicht nur aus dem Blickwinkel der Verwandtenselektion und inklusiven Fitness, sondern der beteiligten kognitiven und emotionalen Komponenten des Verhaltens.

Eine wichtige Frage dabei ist, ob ein nichtmenschliches Tier in der Lage ist, etwas wie eine richtige "Theorie des Geistes" zu entwickeln. Damit wird die Fähigkeit bezeichnet, sich in den anderen hineinzuversetzen oder sogar den Inhalt des Denkens eines anderen Wesens als etwas vorzustellen, das sich vom eigenen unterscheidet.

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Auch diese Fähigkeit hat sich evolutionär entwickelt und fußt auf einfacheren Elementen, wie dem gemeinsamen Interesse, dem Blicke folgen, oder dem Verstehen, was andere gesehen haben und somit wissen. Daraus kann mit Hilfe der eigenen Erfahrungen auch auf die Wünsche, Motive und zu erwartenden Entscheidungen des Anderen geschlossen werden. Schlussfolgerndes Denken, Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft, sich Lösen vom Hier und Jetzt, Planung und Einschätzen zukünftiger Motivationslagen gehören auch zum Repertoire mancher hoch-sozialer Tiere.

Damit sind wir tatsächlich in der Nähe eines echten "psychologischen Altruismus" angelangt, der notwendig ist, um sein eigenes Handeln auf die Wünsche und Bedürfnisse des anderen abzustimmen. Hilfe in diesem Sinne, Fairness und ein Gefühl für Gerechtigkeit sind die Themen, mit denen sich Kognitionsbiologen zunehmend beschäftigen. Es ist dies die zweite große Herausforderung neben der Frage nach dem Entstehen von Kultur, welche die Vertreter dieser neuen Zunft zu einem ernsthaften Partner von Geisteswissenschaftlern auf der Suche nach einer Antwort auf die Kardinalfrage macht: Was ist der Mensch?

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