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Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Neandertal in der Unterzahl

Warum der Neandertaler vor 30.000 Jahren plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist, wissen Anthropologen bis heute nicht. Eine neue Studie zeigt: Er hatte dem Bevölkerungswachstum des modernen Menschen nichts entgegenzusetzen.

Ur-Demografie 29.07.2011

Tödliche Konkurrenz

Vielleicht sollte man den Homo sapiens in Homo exponentialis umtaufen. Denn wenn es eine hervorstechende Eigenschaft unserer Art gibt, dann wohl die Fähigkeit zur explosiven Vermehrung. Der Startschuss erfolgte während der letzten Eiszeit, vor 50.000 Jahren.

Damals wanderte der moderne Mensch von Afrika nach Europa und traf dort auf eine zweite, bereits seit einer viertel Million Jahren ansässige Menschenart, den Homo neanderthalensis. 20.000 Jahre später hatte der moderne Mensch den Kontinent für sich allein. Der Neandertaler war nicht mehr da, ausgestorben.

Zwar müssen einander die beiden Menschenarten näher gekommen sein und sogar Nachkommen gezeugt haben, wie jüngste Analysen des X-Chromosoms zeigen. Doch das rapide Verschwinden des Neandertalers weist auch auf verschärfte Konkurrenz hin. Wie nun Paul Mellars und Jennifer French im Fachblatt "Science" berichten, lässt sich der evolutionäre Wettstreit zwischen Homo sapiens und neanderthalensis anhand von Knochenfunden und Artefakten ablesen.

Die beiden Archäologen von der Cambridge University haben Fundstellen aus dem im Südwesten Frankreichs gelegenen Périgord unter die Lupe genommen. Sie zeigen, dass der moderne Mensch gegenüber dem Neandertaler binnen weniger Tausend Jahre ein Zahlenverhältnis von zehn zu eins erreicht hatte. Letzterer war, wie es im Englischen so schön heißt, "outnumbered". Er hatte der stetig wachsenden Population der neuen Menschenart nichts entgegenzusetzen.

Als Folge der demografischen Gewichtsverlagerung musste der Neandertaler wohl immer stärker um sein Überleben kämpfen. Nahrungsressourcen (Rentiere, Pferde, Bisons und Hirsche) wurden zusehends von den modernen Menschen okkupiert, ebenso der Lebensraum.

Unter milden klimatischen Verhältnissen dürfte die Konkurrenz nicht so stark ins Gewicht gefallen sein - unter den lebensfeindlichen Bedingungen der Eiszeit indes führte der stete Druck zum Niedergang unseres nächsten Verwandten.

Jungsteinzeitliche Revolution

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studien berichtet auch "Wissen aktuell", Fr., 29.07.2011, 13:55 Uhr

Die archäologische Momentaufnahme sagt freilich nichts über die eigentlichen Ursachen der Entwicklung aus. Sie sind bis heute nicht ganz klar: Möglicherweise war der moderne Mensch schlichtweg technologisch begabter und entwickelte etwa effizientere Jagdtechniken. Vielleicht hatte sein Erfolg auch mit seiner elaborierten Kommunikation bzw. Sprache zu tun, die ihm half, die widrigen Lebensumstände besser zu meistern. Und nicht zuletzt könnten auch Kriege und Krankheiten entscheidende Faktoren gewesen sein.

Während die eine Art von der Bildfläche verschwand, schwang sich die andere in der Folge zu einem Höhenflug auf. Man könnte es als Achsenzeit der Urgeschichte bezeichnen, was vor 11.500 bis 3.000 Jahren in der Levante, in China, Neu Guinea, Äthiopien, Nord-, Süd- und Mesoamerika geschah: In diesen Regionen wurde die Landwirtschaft erfunden - und das war, wie der Franzose Jean-Pierre Bocquet-Appel in einer zweiten Studie schreibt, der Katalysator für eine weiteres Anschwellen der Bevölkerung.

Die Entwicklung in Zahlen: Während des Überganges von der Jäger-und-Sammler-Kultur zur sesshaften Lebensweise lebten auf der Erde ca. sechs Millionen Menschen. Heute nähert sich die Weltbevölkerung der siebten Milliarde. Das macht einen Zuwachs um den Faktor 1.200 in nur 11.000 Jahren.

Zehn Milliarden im Jahr 2100

Bocquet-Appel hat die demografischen Auswirkungen der neolithischen Revolution anhand von Knochenfunden in urtümlichen Gräbern und Friedhöfen analysiert und kommt zu dem Schluss, dass sich Neolithikum und Gegenwart wie Spiegelbilder verhalten. In der Jungsteinzeit bekamen Frauen durchschnittlich zwei Kinder mehr als zuvor, diesem enormen Zuwachs auf der Fortpflanzungsseite folgte jedoch ein fast ebenso starkes Plus bei der Kindersterblichkeit.

Durchfälle, vermutlich ausgelöst durch Rota- und Coronaviren, sowie Krankheitserreger domestizierter Tiere rafften vor allem Kinder dahin und limitierten des Bevölkerungswachstum zunächst auf 0,2 Prozent pro Jahr. In den westlichen Industrienationen heutiger Zeit ist es genau umgekehrt: Die Zahl der Nachkommen fällt, allerdings hat auch die Kindersterblichkeit im gleichen Maß abgenommen.

Das prognostizierte Wachstum der Bevölkerung wird andernorts, nämlich in der sogenannten Dritten Welt, stattfinden. Im Jahr 2100 soll laut aktuellen Berechnungen erstmals die Zehn-Milliarden-Grenze fallen. Knapp die Hälfte des weiteren Zuwachses wird dort stattfinden, wo der moderne Mensch entstanden ist: in Afrika.

Robert Czepel, science.ORF.at

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