Standort: science.ORF.at / Meldung: "Friede im Straßenverkehr"

Ausschnitt eines Verkehrsschildes mit der Aufschrift "Share Space". Daneben Piktogramme eines Autos, eines Fahrrads und eines Menschen. Dazwischen Herzen.

Friede im Straßenverkehr

Straßenverkehr muss kein Kampf zwischen Verkehrsteilnehmern sein. Der Weg dorthin führt möglicherweise über Flächen ohne Schilder und Ampeln, auf denen sich jeder frei bewegen kann. Die Verkehrstelematik liefert die Grundlagen, um diese "Shared Spaces" zu simulieren.

Verkehr 08.08.2011

Die Städteplanerin Katja Schechtner erstellt wissenschaftliche Modelle und mathematische Methoden, mit denen Stadt- und Verkehrsplaner arbeiten. Im Interview erklärt sie, warum Menschen gerne ihre Mobilitätsdaten mit anderen teilen, wie die Verkehrstelematik von der Telekommunikation profitiert und wie Verkehrsflächen von entsetzlichen Orten zu spannenden Lebensräumen werden können.

science.ORF.at: Wie lässt sich das Verkehrssystem als Ganzes optimieren?

Porträtfoto von Katja Schechtner

Fotograf / AIT

Katja Schechnter leitet die Forschungsgruppe Dynamic Transportation Systems am Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien und arbeitet als Gastforscherin am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Katja Schechtner: Es braucht zwei wichtige Grundlagen: Gute Daten darüber, was sich bewegt und was die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer sind. Basierend auf dieser Datenlage müssen wir Muster erkennen.

Die zweite Grundlage: Wir müssen uns darüber klar sein, nach welchen Parametern wir optimieren wollen: möglichst billig, möglichst schnell, sicher oder CO2-effizient zu sein. Dies gewichtet man und verschränkt diese Daten zu Simulationsmodellen. Wir simulieren unterschiedliche Szenarien und schauen, ob sie funktionieren.

Nach welchen Zielen wird derzeit optimiert? Gibt es Prioritäten?

Es gibt unterschiedliche Prioritäten für unterschiedliche Anfragen. Wenn ein öffentlicher Verkehrsbetrieb das Netz optimiert, versucht er, kosteneffizient zu sein, aber gleichzeitig attraktiv für seine Kunden: in welcher Frequenz er seine Fahrzeuge schickt, wie dicht sie bestückt sind. Eine Stadt hat andere Anforderungen: Energieeffizienz oder geringer CO2-Ausstoß. Oder man versucht im Bereich der Elektromobilität Routen zu wählen, die so gestaltet sind, dass Elektromobile möglichst wenig Energie verbrauchen, sowie möglichst viel Rekuperationsenergie, also Energie beim Bremsen, rückgewinnen.

Vor kurzen kam es hinter dem ausgebauten Tauerntunnel zu Staus, weil auf der weiteren Strecke Engstellen lagen. Sind manche vermeintlichen Verkehrslösungen nicht nur eine Problemverschiebung?

Simulationen haben Systemgrenzen, zum Beispiel geografische. Wenn wir über die Systemgrenze nicht hinausrechnen, passieren diese Verlagerungseffekte. Das ist nicht überraschend: Wenn sie viel Flüssigkeit oben in ein Rohr füllen und hinten dran haben sie nur drei kleine Löcher, dann staut es irgendwo. Und es gibt immer immer wieder unvorhergesehene Effekte. Es gibt immer was Neues, man lernt dazu. Verkehr ist ein lebendes System und verändert sich.

In einem Ihrer Projekte beobachten sie Menschenströme in der Stadt. Worum geht es dabei?

Wir wollen uns anschauen, wie wir Bahnhöfe und Flughäfen optimieren. Grundsätzlich misst man zwei Faktoren: Entweder zählen wir an Schnittstellen, wie viele Leute an einem bestimmten Punkt durchgehen. Auf Basis dessen können wir hochrechnen, wie sich der Verkehr oder Fußgängerverkehr dazwischen entwickelt. Das messen wir, ohne persönliche Informationen aufzuzeichnen.

Die zweite Möglichkeit ist, auch die Spur zu erfassen, die Leute ziehen. Das geht über Kameras oder über Mobilfunkdaten. Wir dürfen das derzeit in Österreich nur für Forschungszwecke und nur eingeschränkt auf bestimmte Personen verwenden, die dem zustimmen.

Kann so etwas in Zukunft in größeren Maßstab eingesetzt werden? Immerhin wäre es mit Handys leicht möglich, und viele Menschen geben auch jetzt schon viele Informationen über sich preis.

Ausstellung bei der Ars Electronica:

Katja Schechtner ist Mitkuratorin einer Ausstellung für die Ars Electronica zum Thema "Sensing Place, Placing Sense", in der es um Technologien zur Erfassung von Daten und das durch digitale Informationen immer komplexer werdende mentale Bild der Stadt geht.
Ein Symposium zur Ausstellungseröffnung findet am 3. und 4. September statt. Weitere Informationen: www.afo.at

Das wird kommen. Wir sehen das bei Zusammenschlüssen von Leuten, die ihre Mobilitätsprofile freiwillig austauschen. In NY gibt es Roadify, wo Menschen ihre Mobilitätsprofile ablegen, damit sich andere daran orientieren können, um besser von A nach B zu kommen. Es gibt Apps, mit denen Leute ihre Routenprofile vergleichen, wenn sie laufen oder joggen gehen. Menschen haben an dieser Information Interesse und sind bereit, sie zu teilen. Eine wichtige Frage ist, wo die Datenschnittstelle liegt. Da müssen wir wie in der Medizin ethische Beiräte haben. Das wird von der EU auch vorangetrieben.

Wie werden wissenschaftliche Grundlagen für Verkehrsanalysen erstellt?

Wir arbeiten mit verschiedensten Daten wie Wi-Fi, Mobilfunkdaten, Befragungsdaten und Zähldaten. Diese verbinden wir, ziehen daraus Schlüsse über das Mobilitätsverhalten und darüber, wie man Dinge optimieren kann - von der Planung von Innenstadtzugänglichkeiten bis zu Shared Spaces, bei denen es keinerlei Verkehrsschilder und Verkehrsinformation gibt, sondern die Leute aufeinander achten müssen.

Dort gibt es keine Ampeln. Wir simulieren zum Beispiel, wie Fahrradfahrer ausweichen und stellen diese Info für Ziviltechniker und Städte zur Verfügung, damit diese die Planung durchführen.

Ein Verkehrssystem ohne Ampeln und Verkehrsschilder?

Wir haben in Österreich derzeit eine solche Situation in Gleinstätten in der Steiermark. Eine zweite wird in Graz ausgebaut. Daher haben wir in Österreich noch nicht viele Daten und Erfahrungen. Die grundsätzliche Philosophie des Shared Space ist, dass sich die Sicherheit sogar erhöht, weil die Leute besser aufeinander achten müssen und Verkehr kein Kampf mehr ist, sondern ein koordinierte Aktion.

Technologiegespräche in Alpbach

Von 25. bis 27. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Technologie als Chance - Verantwortung für die Zukunft".

Davor erscheinen in science.ORF.at regelmäßig Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Kathy Pain nimmt am 26. August am Arbeitskreis "Die Zukunft der urbanen Mobilität" teil.

Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2011:

Beiträge zu den bisherigen Technologiegesprächen

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Wir müssen uns aber auch die Kapazität anschauen. Beim Shared Space geht es nicht darum, dass so viele Autos wie möglich so schnell wie möglich durchkommen, sondern es geht um das Gesamtsystem inklusive Fußgänger, Mopeds, Güterverkehr und öffentlichem Verkehr. Ist es insgesamt effizient? Kommt man sicherer, schneller, zuverlässiger und komfortabler an? Die Theorie des Shared Space ist, dass die Durchflusskapazität für alle besser ist und die Balance zwischen individuellem Nutzen und Gesamtnutzen besser hergestellt wird.

Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Shared Spaces sind außerdem günstiger, weil sie keine Verkehrs- und Ampelanlagen, Bodenmarkierungen und Schilder brauchen. Wenn wir dieses Geld hineinstecken, um den Verkehrsraum schön zu gestalten, sind Shared Spaces auch ästhetisch anspruchsvoller. Es geht im Verkehr ja nicht nur um Quantität, sondern auch um Qualität. Dann sind Verkehrsräume Lebensräume und nicht nur entsetzliche Orte, die man möglichst schnell überwindet, um von A nach B zu kommen.

Würde das Konzept des Shared Space auch auf stark verkehrsreichen Flächen wie zum Beispiel dem Wiener Ring oder Gürtel funktionieren?

Grundsätzlich ist es wichtig, Shared Spaces nicht als punktuelle Lösung einzusetzen, sondern großflächig, aber diese konkrete Frage, kann ich Ihnen leider noch nicht beantworten – genau dafür entwickeln wir ja Simulationsmodelle, um verschiedene Szenarien im Vorfeld durchzuspielen.

Wie haben sich die Verkehrstechnologien in den letzten Jahren verändert und was sind aktuelle Forschungsfragen?

Viele grundsätzliche Entwicklungen werden durch die intelligenten Kommunikationstechnologien ermöglicht. Davon profitiert auch die Verkehrsforschung. Es ist die Sensorik da, wir können mehr Daten übertragen, mehr lernen, haben bessere Analysemethoden.

Aber der große Schritt darüber hinaus sind hybride Datensätze, das heißt, dass man sich nicht nur auf einen Datensatz verlässt, sondern dass man verschiede Datenquellen kombiniert, an die wir im Moment vielleicht auch noch gar nicht denken. Es geht um verlässliche Prognosemodelle. Da müssen wir Faktoren einbeziehen, die den Verkehr beeinflussen und die wir derzeit vielleicht noch nicht kennen.

Interview: Mark Hammer, science.ORF.at

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